1. Wer ist die mächtigste Frau im Land?

Die Milchkuh. Niemand hat in Bern eine stärkere Lobby.

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2. Die Schweiz, was ist das?

Lesen Sie hier die Antwort von Güzin Kar.

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3. Wie alt ist die Schweiz?

Das Alter der "Schweiz", das heißt der Erdoberfläche, die im Laufe der 4,6 Milliarden Jahre andauernden Erdgeschichte zur Schweiz geworden ist, ist je nach Region und Betrachtungsweise extrem unterschiedlich. Die ältesten bekannten mineralischen Bestandteile auf heutigem Schweizer Territorium sind 3,2 Milliarden Jahre alt, die jüngsten werden gerade jetzt gebildet. Verschiedene Gebirgsbildungen und Umwandlungen im Erdinnern unter hohen Druck- und Temperaturbedingungen sowie Hebungs- und Erosionsprozesse haben den Untergrund und die Erdoberfläche während Hunderter Millionen Jahre fortlaufend verändert. Diese Vorgänge spielen sich auch heute noch ab. Die "Schweiz" ist also im steten Wandel begriffen und ihr Alter sozusagen ein Kontinuum all dieser Vorgänge.

Flavio Anselmetti, Professor für Geologie an der Universität Bern

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4. Wie warm ist die Schweiz?

Die globale Erhitzung ist in der Schweiz angekommen. Allerspätestens seit dem Sommer 2018 sollte das auch denjenigen Volks- und Interessensvertretern klar geworden sein, die den Klimawandel noch immer negieren oder verharmlosen. In den vergangenen 15 Jahren erlebten wir in der Schweiz die vier heißesten Sommer seit 1864, jeder einzelne hätte statistisch nur alle 1000 Jahre vorkommen dürfen. Noch besorgniserregender ist die Tatsache, dass der Sommer 2018 der trockenste war seit Beginn der Messungen. Die Auswirkungen auf die Landwirtschaft, Wälder und Wiesen, die Gletscher und unsere Flüsse sind bereits jetzt offensichtlich und zum Teil dramatisch. Der extreme Sommer 2018 war nur ein Vorgeschmack dessen, was uns erwartet, wenn die von uns verursachte weltweite Erhitzung ungebremst weitergeht. Die Zeichen sind eindeutig: Klimaschutz muss zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe werden und gehört in jedes Parteiprogramm.

Thomas Stocker, Professor für Klimaphysik an der Universität Bern

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5. Wie klingt die Schweiz?

Die Schweiz klingt nach dem Glöckchen des Föderalismus. Die Politiker haben keine Macht, sie setzen als Dienstleister den Willen des Volkes um. Das Geld wird dort ausgegeben, wo es eingenommen wird. Es gibt keine Zentralregierung, die drauflos schaltet und waltet, bis eine nächste Truppe ans Ruder kommt und das Gegenteil durchsetzt. Die meisten Schweizer Bürger schätzen Politiker, die ihre Arbeit zum Wohle des Volkes bescheiden und still verrichten.

Wenn einzelne Figuren, von Größenwahn und schwerstem Geldbeutel geplagt, überborden und die Basis unserer Demokratie, den National- und Ständerat und die Kollegialregierung des Bundesrates, als Zeitverschwendung in unnötigen Quasselbuden verunglimpfen, dann klingt das Glöckchen und erinnert an die Basisdemokratie, mit der wir seit hundertachtzig Jahren langsam, aber sicher gefahren sind und dieses eigenartige Gebilde aus Tessinern, Romands, Rätoromanen und Deutschschweizern zusammenhielten und die Immigranten, auf die wir notabene dringend angewiesen sind, integriert haben.

Weil das Volk der bestimmende Souverän ist und dieses wunderbare Glöckchen, mit dem schon James Schwarzenbach abgeläutet wurde, bestens verwahrt, nützen auch die Milliarden des Plutokraten Blocher, der aus seiner Portokasse unsere Demokratie zu verzeichnen versuchte und uns kurzfristig beinahe zu einer Bananenrepublik degradierte, schon mittelfristig nichts mehr.

Man kann den Schweizer nicht kaufen, weder mit "Puurä-Zmorgä", noch geht er auf die Dauer einer permanenten, hundert Millionen schweren Polemik auf den Leim. Der Klang des Glöckchens sorgt immer wieder für eine vernünftige Mitte, und wir wünschen dem guten Herrn Blocher die Altersweisheit, seine unbeschränkten, nicht deklarierten Millionen-Zahlungen an seine Partei nicht mehr zur Volksverhetzung zu verschleudern, sondern zur Integration der Immigranten und ihrer Kinder, ohne die es die Schweiz nicht gäbe und die EMS-Chemie schon gar nicht.

Es lebe der Klang des Glöckchens: So klingt die Schweiz, und wir sind stolz darauf.

Dieter Meier, Sänger des Elektropop-Duos Yello und Unternehmer

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6. Wie schwingt die Schweiz?

Der Untergrund der Schweiz ist in ständiger Bewegung. Die hochempfindlichen Messgeräte des Schweizerischen Erdbebendienstes an der ETH Zürich erfassen bereits kleinste Schwingungen. Sie stammen von Zügen, Autos, Industrieanlagen, dem Wind und sogar den Wellen, die an die Küsten Europas anschlagen. Wir Menschen nehmen diese Erschütterungen nur selten wahr, und selbst im Fall von Erdbeben sind jährlich nur 10 bis 20 Ereignisse stark genug, um hierzulande verspürt zu werden. Trotz dieser steten Unruhe neigen wir dazu, zu vergessen, dass auch in der Schweiz alle 50 bis 150 Jahre mit einem katastrophalen Erdbeben zu rechnen ist.

Stefan Wiemer, Direktor des Schweizerischen Erdbebendienstes an der ETH Zürich

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7. Wie riecht die Schweiz?

Nehmen wir Zürich. Egal ob ein Warenhaus, eine Boutique oder ein Hotel: Alles wird beduftet. Mal steht irgendwo ein Gerät, das die Moleküle abgibt, die auf unsere Duftrezeptoren treffen, mal kommt der Duft direkt aus der zentralen Lüftung. Oft sind das Zitrusgeschichten, weil wir die alle gern riechen. Luftig, leicht, nicht aufdringlich, man könnte auch sagen: olfaktorische Stimmungsaufheller. Wer genug Budget hat, lässt sich einen eigenen Duft kreieren und verzichtet auf synthetische Düfte, auf billige Raumsprays sowieso. Das Ziel: Der Gast, der Kunde soll sich wohlfühlen und dazu verleitet werden, ein wenig länger zu verweilen.

Geht man raus, in die Stadt, riecht es nach: nichts. Ich empfinde die Schweiz als deodorisiert. Das hat mit unserem Wohlstand zu tun. Wir können es uns leisten, überall für Ordnung zu sorgen. Vor ein paar Hundert Jahren war die Duftkulisse in Zürich eine ganz andere. Man stelle sich mitten unter den Menschen all die Pferde, Schweine, Hühner und deren Hinterlassenschaften vor.

Natürlich ist es nicht überall ganz so aufgeräumt. An der Langstraße etwa oder im Niederdorf riecht es nach Bier, nach kaltem Rauch und den billigen Parfums von Frauen, die ihre Dienste anbieten. Im Frühling verbreiten die blühenden Linden ihren frischen Duft, am See kommt es einem mal moosig, mal modrig entgegen.

Wenn ich aus Zürich rausgehe, in die Berge, wird es richtig interessant. Wagt man sich in menschenleere Gegenden, geht also abseits der touristischen Trampelpfade, wo man es mit Pommes-Frites-, Wurst- und Raclette-Wolken zu tun hat, trifft man frühmorgens auf den köstlichen Duft von feuchten Wiesen, die, je nach Blumen, ganz unterschiedlich riechen können. Ich selber mag es, vor einem sonnenbeschienenen Felsen zu verweilen. Nicht der Stein, aber die Flechten, die darauf wachsen, können ganz interessant duften.

Andy Tauer, Parfumeur

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8. Wie schmeckt die Schweiz?

Nach Rösti, Raclette und Fondue, klar. Aber es gibt noch viel mehr zu eressen in diesem Land.

Lesen Sie hier das große kulinarische Tischgespräch mit Dominik Flammer.

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9. Wie fühlt sich die Schweiz an?

Hier in Basel, wo ich lebe, empfinde ich die Menschen als sehr aufmerksam, hilfsbereit und zurückhaltend. Sie fragen zuerst, ob ich Hilfe benötige, bevor sie mir die Hand geben und mich zum Beispiel über die Straße führen. Überhaupt fühlt sich Basel für mich als sanfte Stadt an. Die Winde sind ruhig und bringen frische Luft. Ganz anders als etwa in Leuk im Wallis, da saust einem der Wind manchmal tagelang um die Ohren.

Pina Dolce, blinde Künstlerin

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10. Welche Farbe hat die Schweiz?

Zwetschgenviolett und Arvennadelgrün, Sbrinzgelb, Rapsgelb, Kirschblütenweiß, Aargauer Rüebliorange und Holderbänklergrau, Kastanienmarron, Aprikosenorange, Glarnerrot, Randenrot, Swissairblau und Postautogelb, Appenzeller Ziegenledergelb, Edelweiß- und Distelsilber, Lärchengold, leider kein Schlachtschiffgrau, dafür aber Tunnelgrau, Firnweiß und Firnblau, Röstigold und Krautstilgrün, Höllgrottenweiß, Niesenblau.

Stefan Muntwyler, Maler und Farbforscher

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11. Woran erinnert die Form der Schweiz?

An eine Schönwetterwolke.
Julius Tscharland, 9, Birsfelden

An eine dicke, fette, flach gepresste Kuh. (Wie die von Jean Dubuffet.)
Claudia Comte, Künstlerin, Berlin

Die Schweiz sieht aus wie ein rennendes Wildschwein, Graubünden ist der Rüssel, das Tessin der Vorderlauf und das Wallis die Hinterläufe.
Alina Zaucker, 12, Olten

Ich sehe einen Palast. Aber nur, wenn ich die Schweiz auf den Kopf stelle. Wie heißt er schon wieder? Hmm. In Indien … der große Palast. Hmm. Ja, genau: Tadsch Mahal!
Jeremy Snow, 10, Olten

(dreht die Karte auf den Kopf) Eine Dampfloki! Das Tessin ist der Dampf! Oder eine Badewanne.
Mats Portmann, 8, Zürich

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12. Wer ist das Volk?

Pendler, die in der Agglo auf die S-Bahn warten.

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13. Sind wir so gut, wie wir meinen?

Lesen Sie hier die Antwort von Sunnie J. Groeneveld.

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14. Wie kleiden sich die Schweizer?

Hier der Künstler Fabian Marti.

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15. Ist die Schweiz die beste Demokratie der Welt?

Immer wieder werde ich bei meinen Reisen rund um den Globus gefragt, ob ich nicht schnell demonstrieren könne, wie ich im Internet über die nächste anstehende Verfassungsänderung in der Schweiz verbindlich mitentscheide. Als Auslandsluzerner kann und darf ich das, und zwar schon seit Jahren. Und das Staunen und die Bewunderung hören nicht mehr auf, wenn ich in einer Nebenbemerkung auf den "Blanko-Abstimmungskalender" der Bundeskanzlei in Bern verweise, wo jede eidgenössische Nationalratswahl und Volksabstimmung bis zum 27. September 2037 aufgeführt ist.

Ist die Schweiz also die beste Demokratie der Welt? Schwer zu sagen. Sicher ist: Sie kann sich mit jeder anderen auf diesem Planeten messen. Aber die moderne Demokratie hat sich seit 1848 nicht nur in der Schweiz zum Besseren gewandelt, sondern auch jenseits der Grenzen unseres Staates, der gerade mal 0,008 Prozent der Erdoberfläche bedeckt. Trotz aller offensichtlichen Schwächen und aller gärenden Krisen: Die Welt war noch nie so demokratisch wie heute. Noch nie konnten so viele Menschen in so vielen Staaten über so viele Entwicklungen in ihren Gesellschaften mitbestimmen. Mit anderen Worten: Die Schweizer Demokratie erhielt über die Jahrzehnte harte Konkurrenz.

In Italien gibt es zum Beispiel seit diesem Sommer ein Ministerium und einen Minister für direkte Demokratie. Sie sollen die direktdemokratischen Volksrechte mit ihren unzähligen bürokratischen Hürden – das System stammt aus den 1970er-Jahren – den heutigen Anforderungen anpassen. So berät das Parlament in Rom zurzeit die Einführung einer Volksinitiative für neue Gesetze, die in der abschließenden Volksabstimmung ganz ohne ein Beteiligungsquorum auskommen soll – und ein "doppeltes Ja" im Falle von Gegenvorschlägen vorsieht. Anderes Beispiel: Seit 2011 regiert Park Won Soon die südkoreanische Hauptstadt Seoul. Der Bürgermeister hat in der ganzen Stadt Demokratiehäuser einrichten lassen. Dort können die Bürgerinnen und Bürger der Zehn-Millionen-Metropole ihre lokalpolitischen Anliegen einbringen.

Und dann landete ich auf meinen Reisen vor wenigen Monaten in Ngerulmud. Schon am Flughafen der Hauptstadt von Palau, einem seit 25 Jahren unabhängigen Inselstaat in Mikronesien, wurde mir klar, dass ich hier in einem ganz besonders demokratischen Staat angekommen war: Statt eines unfreundlichen Visums wurde mir ein Text in den Pass gestempelt, gemäß dem ich mich mit meiner Unterschrift dazu verpflichte, Sorge für das Land meines Besuchs zu tragen: "Die einzigen Fußabdrücke, die ich hinterlassen werde, sind jene, die von den Wellen weggewaschen werden", steht im "Palau Pledge", der unlängst von den Stimmbürgerinnen des 356-Inseln-Archipels angenommen wurde. Gerade einmal 18.000 Menschen leben in der vormaligen spanischen (bis 1899), deutschen (bis 1914), japanischen (bis 1947) beziehungsweise amerikanischen (bis 1994) Kolonie. Und sie verfügen weltweit über die vielleicht umfangreichsten politischen Beteiligungsrechte.

Wenn Maria Decherong von der palauischen Wahlbehörde die Stimmen für ständig irgendwo stattfindende Wahlen und Abstimmungen einsammelt, muss sie sich gehörig anstrengen: So gibt es etwa im entfernten Verwaltungsgebiet Tobi, ganz im Süden des Archipels, gerade einmal fünf Stimmberechtigte. "Eine Mission dorthin, um die Stimmen abzuholen, dauert eine Woche Schifffahrt und kostet etwa 35.000 US-Dollar", sagt sie und fügt hinzu: "Aber das ist uns unsere Demokratie wert."

Bruno Kaufmann, Journalist. Er berichtet für Swissinfo weltweit über Demokratiefragen.

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16. Wer war zuerst? Die Schweiz oder Europa?

Der Griff zum Konversationslexikon hielt selbst im machtbewussten 19. Jahrhundert eine ambivalente Botschaft bereit: Europa wurde als Halbinsel Asiens mit unklaren Grenzen dargestellt. Dass Europa stets neu erfunden werden muss, erscheint nur allzu offensichtlich. Ebenso die Herausforderung, Heterogenität als Vorteil zu verstehen. Die zündende Idee, Europa zum Modell eines friedlichen Umgangs mit Differenz zu erklären, kommt nicht ohne Sonderfälle und Unterschiede aus. Ohne Schweiz funktioniert Europa nicht. Wer hat’s erfunden? Na klar – nur umgekehrt gilt auch: Die Erfindung der Schweiz erzählt die Geschichte Europas.

Madeleine Herren-Oesch, Professorin für Neuere Allgemeine Geschichte an der Universität Basel

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17. Wie viel EU steckt in der Schweiz?

Vor ein paar Jahren präsentierte die Neue Europäische Bewegung Schweiz einen Adventskalender mit dem sprechenden Titel: "Steht Schweiz drauf – steckt EU drin". Jedes Fensterchen wies auf einen Themenbereich hin, in dem ein spürbarer Einfluss der EU in der Schweiz festzustellen ist: von der Sommerzeit bis zur Gesundheitswarnung auf den Zigarettenpackungen. Als Juristin stelle ich fest, dass tatsächlich sehr viel EU in der Schweiz steckt, weil zahlreiche unserer Regelungen entweder direkt (durch Abkommen mit der EU) oder indirekt (durch einseitige Anpassung seitens der Schweiz, den sogenannten autonomen Nachvollzug) stark vom EU-Recht beeinflusst sind. Ist die Schweiz deshalb nur noch ein Abklatsch der EU? Mitnichten. Sie ist und bleibt ein eigenständiges Land mit seinem ganz besonderen Charakter. Nur: Sie ist keine Insel, sondern muss sich mit ihrem Umfeld arrangieren, gerade in rechtlicher Hinsicht. Das aber hat sich in den letzten Jahren zunehmend als Herausforderung erwiesen.

Christa Tobler, Professorin für Europarecht an der Universität Basel

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18. Wie viel Schweiz steckt in der EU?

Wie viele Bewohner unseres Planeten möchten in der Schweiz leben? Darüber gibt es keine zuverlässigen Statistiken, aber man kann davon ausgehen, dass es sehr viel mehr sind, als die Schweiz je fassen könnte. Und wie viele möchten in der Europäische Union ihr Leben verbringen? Nun, auch das lässt sich nur erahnen. Doch spätestens seit 2015, als binnen wenigen Monaten über eine Million Menschen auf das Gebiet der EU flüchteten, ist zumindest die Dimension fassbar geworden.

Europa ist wie die Schweiz stabil, friedlich und alles in allem wohlhabend – jedenfalls im Vergleich zum ganz großen Rest der Welt. Diese Gemeinsamkeit ist nicht neu, doch ist sie besonders augenfällig, seit die großen Wanderbewegungen begonnen haben. Für die Schweiz wie für die EU stellt sich deshalb mit großer Dringlichkeit die Frage, wie man sich als – im Weltmaßstab – wohlhabende Minderheit zur bitterarmen Mehrheit verhält. Schickt man Geld, um den Armen anderswo zu helfen? Öffnet man die Tore, um sie am Reichtum teilhaben zu lassen? Errichtet man Mauern, um die Mühseligen und Beladenen draußen zu halten?

Es ist nicht leicht, darauf eine Antwort zu finden, weder für die Schweiz noch für die EU. Die Sache ist schwierig, und sie wird nicht einfacher durch die innere Verfasstheit der beiden.

Die Schweiz wie die EU treffen Entscheidungen im Konsens. Das ist gewissermaßen gute alte Tradition. Niemand soll ausgeschlossen werden, jeder soll das Gefühl haben, dass auch seine Stimme zählt. Es wird so lange geredet und palavert, bis alle miteinander einverstanden sind. Das ist eine bemerkenswerte Leistung.

In der EU sind es immerhin 28 Staaten mit einer sehr unterschiedlichen Geschichte, unterschiedlichen Sprachen und Kulturen, die zueinander finden müssen. Das gelingt meistens, freilich um den Preis, dass bei Entscheidungen der kleinste gemeinsame Nenner herauskommt. Ein langweiliges Ergebnis, erzielt nach einem mühsamen, unspektakulären Prozess, den man mit einem umständlich-bürokratischen Wort beschreibt: Konsensfindung

Die Schweiz wie die EU sind zum Konsens verdammt. Oder haben sie sich selbst verdammt? Das ist durchaus möglich, denn die Angst beider vor Konflikten ist in allen Bereichen spürbar. Wenn es an klare Entscheidungen geht, dann erscheint der hasenfüßige Charakter. Nur nichts riskieren, nur nicht das Erreichte gefährden. Der Status quo ist unsere Utopie. Das ist das Lebensmotto beider. Der erste Artikel ihrer ungeschriebenen, gelebten Verfassung.

Verständlich ist es, denn vieles ist ja erreicht worden. Der Blick über die Grenze oder besser: der Blick auf die, die von außen kommen, bestätigt diese Meinung Tag für Tag. In all ihrer Selbstzufriedenheit riskiert die EU, ein schöner, schmucker Ort ohne bittere Armut, ohne Streit, ohne Krieg zu werden. Nur leider auf dem Weg zur Erstarrung. Die Schweiz ist dort angekommen, wohin die EU erst strebt: Sie ist bereits ein Freiluftmuseum.

Ulrich Ladurner, Europa-Korrespondent der ZEIT in Brüssel

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19. Kann die Schweiz die Welt verbessern?

"Ich muss daran glauben, ich bin eine hoffnungslose Optimistin", sagte Christine Schraner Burgener unserer Redakteurin Aline Wanner, als die beiden zusammen im TGV nach Paris fuhren.

Die Schweizer Diplomatin wurde im Frühjahr zur UN-Sondergesandten für Myanmar ernannt. Sie soll im südostasiatischen Land Frieden stiften. Zurzeit ist sie allerdings noch häufig in Europa oder den USA unterwegs: Sie wirbt um Verständnis und Unterstützung für ihre Mission.

Lesen Sie das Porträt über die umtriebige Spitzendiplomatin hier.

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20. Wie tickt ein Schweizer Politiker?

Wie Röbi Siedler, SVP-Gemeinderat in Stallikon, Bauer und Politiker.

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21. Wie multikulturell ist die Schweiz?

Die Frage nach der multikulturellen Vielfalt der Schweiz funktioniert wie ein Vexierbild: Je nachdem, ob man den Blick auf die Eidgenossen fokussiert oder auf die "Usländer" im Land, sieht man etwas ganz anderes

Viele denken bei Multikulturalität zunächst an die regional verankerte Mehrsprachigkeit der Eidgenossenschaft. Die aber wurde erst in den 1930er-Jahren mit der "Geistigen Landesverteidigung" zum helvetischen Glaubensbekenntnis: Die nationale Einheit, heißt es in einer Botschaft des Bundesrates von 1938, "soll auf einer gegenseitigen Kenntnis unter den Rassen, Konfessionen und den verschiedenen Sprachen der Eidgenossenschaft begründet sein".

Konfessionen und Sprachen sind aus heutiger Sicht klar – aber Rassen? Obwohl man Roma, Jenische, Sinti, Jüdinnen und Juden, Arme, Heimatlose, linke Radikale, behinderte Menschen längst aus dem "Volk" herausdefiniert hatte, gab es offensichtlich nicht einmal im "Blut" eine nationale Einheit ohne Vielfalt. Also machte man aus der Not eine Tugend: Nicht Sprache, Konfession oder gar Rasse, sondern das Bewusstsein um die eigene Multikulturalität mache die geistige Eigenart der Schweiz aus, das tief im Alpenmassiv verwurzelte Wesen der Nation. Der Gotthard als "Berg der Mitte" würde "die drei (sic!) geistigen Lebensräume" der Eidgenossenschaft sowohl scheiden als auch verbinden.

Nun könnte man fragen: Wie multikulturell ist die heutige Schweiz, gemessen an dieser alpinen Staatsräson aus den 1930er-Jahren? Als guter Ausländer maße ich mir nicht an, das zu beurteilen. Nur so viel: Ich habe bislang viel Nationalfolklore, aber kaum Schweizer angetroffen, die drei der vier Landessprachen beherrschen.

Was aber ist mit der ausländischen Multikulturalität? Bereichernd sei diese, sagen die einen, gescheitert, die anderen. Was dem Historiker auffällt: Die Schweiz ist nicht erst seit gestern ein Einwanderungsland, und doch kommt die öffentliche Debatte um die multikulturelle Vielfalt der "Fremden" im Land erst spät auf. Lange scheinen sich die Ausländer einfach in Luft aufzulösen. Assimilation heißt in fremdenpolizeilicher Logik vor allem eines: gelebte Vielfalt gesellschaftlich unsichtbar machen. Das ändert sich erst in den späten 1980er-Jahren: Im Vorfeld der 700-Jahr-Feiern der Eidgenossenschaft sollte ein Nationales Forschungsprogramm den Stand der kulturellen Vielfalt in der Schweiz untersuchen. Gemeint war vor allem die helvetische Diversität. Doch der leitende Historiker Georg Kreis kommt 1991 zu dem Schluss: "Da wir bereits mit unserem traditionellen Multikulturalismus ausgestattet sind, haben wir uns gegenüber dem neuen Multikulturalismus wenig aufmerksam verhalten." Dabei könne man in der Auseinandersetzung mit der kulturellen Vielfalt der "anderen", so Kreis weiter, auch viel über den "eigenen" Multikulturalismus lernen.

Nur kurz blitzt hier die Möglichkeit einer produktiven Zusammenschau dieser beiden Vielheiten auf; sie geht jedoch im medialen Geschrei um das neue Schlagwort "multikulturelle Gesellschaft" unter. Gemeint sind nur noch die "Usländer", und wer Multikulturalität sagt, der muss sich bekennen: Entweder man ist dafür oder dagegen. Vergessen geht die Frage, wie es gelingen kann, die tiefer liegenden doppelten Strukturen in unserer Wahrnehmung von multikultureller Vielfalt in der Schweiz sinnvoll miteinander kurzzuschließen. Etwa um Verbindungen zu sehen, wo sie empirisch längst da sind: Können Einwanderer wählen, lassen sie sich zum Beispiel eher in jenem Landesteil nieder, dessen Regionalsprache ihnen näher ist, und stärken damit die "traditionelle Multikulturalität". Und in Graubünden könnten sich die zugezogenen Portugiesen als letzte Hoffnung für das Überleben des Rätoromanischen herausstellen.

Man könnte aber auch über die Unterschiede zwischen den zwei Vielheits-Strukturen sprechen, um mehr über die tiefer liegenden Dilemmata zu lernen. Einerseits werden diejenigen, die eine natürlich-ethnische Einheit der Nation halluzinieren, nicht daran vorbeikommen, die faktische Pluralisierung der sozialen Realität in der Schweiz anzuerkennen. Egal, wie man das finden mag: Die Zeit lässt sich – unter demokratischen Bedingungen – nicht zurückdrehen. Andererseits müssen die Vielfaltsfreunde sehr genau erklären, auf welchen geteilten normativen und institutionellen Grundlagen ein demokratisches Gemeinwesen fußen kann, das die Anerkennung verschiedener Vielheiten zur Staatsräson erheben würde. Sich nur zu einem der beiden Blicke auf das Vexierbild der Schweizer Multikulturalität zu bekennen wird nicht mehr reichen.

Wir alle werden lernen müssen, vieles zusammenzusehen, also: zu schielen.

Kijan Espahangizi, Historiker und Co-Präsident des Thinktanks Institut Neue Schweiz

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22. Wie liberal ist die Schweiz?

"Die Schweiz ist gar nicht liberal!", antwortet die arbeitstätige junge Mutter, die Job und Familie kaum unter einen Hut bringt. Kopfschütteln auch beim Homo-Pärli, welches seit zehn Jahren darauf wartet, heiraten zu dürfen – und bei der Italienerin, die in zweiter Generation hier lebt und noch immer auf ihre Einbürgerung wartet.

Alle haben recht. Irgendwie. Wir schreiben das Jahr 2018 und haben noch keine Lohngleichheit. Die Familienpolitik orientiert sich am Leben wie zu Gotthelfs Zeiten. Tausende von Einwohnerinnen und Einwohnern müssen zwar Steuern zahlen, dürfen aber nicht abstimmen. Neue Formen der Partizipation sind kein Thema, technischer Fortschritt wird als Bedrohung wahrgenommen, Migration ebenso.

Alle liegen falsch. Irgendwie. Keine Generation vor uns war freier als die unsrige. Dank der Personenfreizügigkeit können wir in ganz Europa lieben, leben und arbeiten. Wir profitieren von einem durchlässigen Bildungssystem, einem liberalen Arbeitsmarkt, können relativ leicht Unternehmen gründen. Im Human-Freedom-Index des Fraser-Instituts, der misst, wie frei Länder sind, liegt die Schweiz an der Spitze der 159 Länder, die bewertet wurden. Auf einer Skala von 0 bis 10 erhielten wir 9,33 Punkte bei der persönlichen Freiheit und 8,44 Punkte bei der wirtschaftlichen Freiheit.

Unser Staat ist auf einer liberalen Verfassung aufgebaut, setzt auf föderalistische Strukturen, rechtsstaatliche Prinzipien und ein austariertes System der Gewaltenteilung – im Bewusstsein, dass Freiheit mehr ist als weniger Staat. Dass der Staat niemals Selbstzweck, sondern der Zweck staatlichen Handelns stets die Freiheit des Individuums ist. Das reicht aber nicht. Liberalismus bezieht sich auf das Individuum. Ein Staat muss sich auch daran messen lassen, welche Antworten er auf jene Fragen gibt, die sich seinen Bewohnern mit ihren vielfältigen Lebensentwürfen stellen. Dazu gehört auch die Tatsache, dass die Menschen sich stärker und öfter über Grenzen hinweg bewegen werden.

Sind die Antworten darauf mehr Verbote und Protektionismus? Oder sind die Antworten darauf freiheitlich? Daran entscheidet sich, ob die Schweiz liberale Spitzenklasse bleibt. Freiheit ist eine Fortschrittsidee. Es muss weitergehen.

Laura Zimmermann, Co-Präsidentin der Operation Libero

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23. Wie konservativ ist die Schweiz?

Die Schweiz war immer konservativ, aber nie rechts. Konservativ bedeutet Skepsis gegenüber Ideologien, Verständnis für die conditio humana, Orientierung am Menschen und eine Umkehrung der Beweislast: Das Neue muss zuerst beweisen, dass es besser als das Alte ist, bevor es realisiert wird. Liberal im engen Wortsinn war die Schweiz nie – und ist es bis heute nicht. Der Freisinn, der für sich in Anspruch nimmt, die moderne Schweiz gegründet zu haben, unterschlägt zwar, dass er ohne Konservativismus nicht auskam, um wirklich prägend für den modernen Bundesstaat zu sein. Aber es war trotzdem so. Denn der Liberalismus hat eine Schwäche: die soziale Kälte. Die Schweiz war nie liberal, sondern immer wertkonservativ. Sie hat verstanden, dass die christdemokratische soziale Marktwirtschaft dem Sozialismus wie dem Liberalismus überlegen ist. Die soziale Marktwirtschaft ist konservativ. Sie respektiert die Natur des Menschen. Und bewahrt das Beste, wozu der Mensch fähig ist: Freiheit und Solidarität. Die Schweiz sollte das bewahren.

Gerhard Pfister, CVP-Präsident und Nationalrat

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24. Wie sozial ist die Schweiz?

Ja, die Schweiz ist sozial. Zum Beispiel die AHV: Sie ist weltweit ein Musterbeispiel für eine hoch leistungsfähige, soziale Altersvorsorge. Auch wer Millionen verdient, zahlt voll mit, da die Beitragspflicht bis zum letzten Franken gilt. Die Rente eines Einkommensmillionärs ist aber nicht höher als die eines Angestellten mit einem mittleren Einkommen. Das ist gute, soziale Umverteilung. Ein Stück Schweizer Sozialismus im besten Sinne des Wortes!

Und, ja, die Schweiz ist in mancher Hinsicht recht unsozial. Zum Beispiel wenn es um die Zähne geht: Die Krankenversicherung schließt sie von der Versicherung aus. Daher zeigt sich in der Schweiz Armut besonders stark am Zustand des Gebisses. Auch die Finanzierung der Krankenversicherung ist weit weg davon, eine Sozialversicherung zu sein, die diesen Namen verdient.

Für beides – sozial und unsozial – gäbe es weitere Beispiele. Handlungsbedarf gibt es beim Unsozialen. Gerade für die reiche Schweiz gilt: Investitionen in die soziale Sicherheit sind Investitionen in die Zukunft.

Paul Rechsteiner, Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes und SP-Nationalrat

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25. Was hält die Schweiz zusammen?

Grande Dixence, die größte Staumauer des Landes.

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26. Wer ist der mächtigste Mann im Land?

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27. Warum ist die Schweiz ein Bauernstaat?

Weil wir im Herzen alle Landwirte sind. Lesen Sie hier die ausführliche Antwort.

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28. Was ist das Lieblingsbuch der Schweizer?

Der Tiptopf. Jedes Kind muss damit in der Schule kochen. Wir hassen und lieben es.

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29. Wie fleißig sind die Schweizer?

Gewisse sehr. (Gesehen in Netstal)

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30. Wie viel Schweiz steckt in den Banken?

Lesen Sie hier die Antwort von Ralph Pöhner, Chefökonom der Handelszeitung.

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31. Wie wirtschaftet man erfolgreich?

Lesen Sie hier die Antwort von Peter Spuhler, Verwaltungsratspräsident der Stadler Rail.

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32. Wie clever sind die Schweizer?

Tja, also. (Gesehen neben der Autobahn 1 von Zürich nach Bern)

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33. Warum tut sich die Schweizer Wirtschaft so schwer mit Frauen?

Andreas Teiger, der eigentlich anders heißt, ist erfolgreicher Investmentbanker bei einer Großbank, ein sogenannter key risk taker. Seine Stimme trägt, man hört ihm zu, wenn er spricht. Er sagt mir offen ins Gesicht: "Ich stelle keine Frauen mehr an. Ja, ich steh dazu, das kann ich mir nicht leisten. Werden sie schwanger, fehlen die locker neun Monate. Frauen gehen, der Wettbewerb bleibt. Mein Team kann die Leistung nicht mehr erbringen."

Der Geschäftsführer eines KMU sagt mir: "Frau Laeri, mich ruinieren Frauen finanziell, in unserem Betrieb können wir nicht Monate auf eine Arbeitskraft verzichten, wenn sie im Mutterschaftsurlaub ist."

Ich verstehe die beiden Herren. Das System forciert sie, so zu denken und zu handeln. Sie können sich entweder für das Geschäft entscheiden – oder für Gemeinnützigkeit. Aber das ist nun mal nicht ihr Job.

Wichtig wäre, dass Arbeitgeber nicht mehr zwischen Männern und Frauen entscheiden, sondern nach der Bewerberin und dem Bewerber mit der besten Qualifikation suchen. Das geht nur, wenn für alle Leute die gleichen Bedingungen gelten. Deshalb braucht es endlich einen Elternurlaub für Mütter und Väter!

Denn: Der Mutterschaftsurlaub ist der wettbewerbsverzerrendste Faktor in der Schweizer Wirtschaft. Er trifft auch Frauen, die gar keine Kinder möchten. Weil sie, auch wenn sie sehr gut qualifiziert sind, prophylaktisch gar nicht eingestellt werden. In der Topliga der 100 größten Firmen der Schweiz bestimmen gerade mal drei Chefinnen mit. Im mächtigen Finanzsektor ist es noch prekärer. Die 253 Banken der Schweiz haben gerade mal vier Chefinnen. Das sind 1,6 Prozent.

Schweiz, wir haben ein Problem!

Ein Blick in die europäischen Nachbarländer zeigt: Überall hat es mehr Frauen in Chefpositionen. Auch weil dort familienpolitisch überlegter gehandelt wird. In Deutschland wissen Banker wie Andreas Teiger und seine Kollegen gar nicht, ob der Mann oder die Frau im Geschäft fehlen wird, sollten sie Eltern werden – weil es dort einen Elternurlaub gibt, den sich Vater und Mutter untereinander aufteilen können. Also erhält dort der oder die Beste den Job.

Viele Ausländer verstehen das frauenfeindliche Schweizer Wirtschaftssystem nicht. Jährlich werden wir von internationalen Organisationen wie der OECD deswegen gerügt. Man wundert sich über fehlende Tagesstrukturen in Kindergärten und Schulen und kritisiert, wie viel berufstätige Eltern für die Kinderbetreuung bezahlen müssen. Die Schweiz als reichstes Land der OECD gibt proportional am wenigsten dafür aus. Ein Land, das sich leisten könnte, Betreuung umsonst anzubieten, hält lieber Frauen vom Arbeitsmarkt fern. Im Gleichstellungs-Ranking des Economist liegt die Schweiz auf dem 26. Platz, weit hinter Polen, Ungarn oder Griechenland. Das ist ein Armutszeugnis. So killt der Staat Karrieren, verschärft den Mangel an Fachkräften und schadet damit der Wettbewerbsfähigkeit.

Das zeigt das fiktive und doch reale Beispiel von Natalie und Oliver Suter. Das Paar hat zwei Mädchen. Natalie ist besser ausgebildet als Oliver. Er verdient trotzdem mehr. 18 Prozent verdienen Männer in der Schweiz im Durchschnitt mehr als Frauen. Nehmen wir an, Natalie und Oliver hätten den gleichen Job, wären gleich ausgebildet, dann würde sie immer noch 7,4 Prozent weniger verdienen als er. Das ist der unerklärbare, diskriminierende Lohnunterschied hierzulande. Natalie und Oliver Suter haben gerechnet: Mit Hort und Nanny – beide arbeiten oft spät und unregelmäßig – kostet die Betreuung ihrer beiden Töchter 9000 Franken im Monat. Das ist ihnen zu viel. Natalie bleibt zu Hause. Die Folge: Sie gehört zu den 50.000 Schweizer Akademikerinnen "am Herd", deren Ausbildung den Staat rund sechs Milliarden Franken gekostet hat. Diese Verschwendung dürfte weltweit einzigartig sein. Dazu kommt: Der Lohn des Ehepartners, der weniger verdient, wird oft so hoch besteuert, dass es sich für ihn nicht mehr lohnt zu arbeiten. In 90 Prozent der Fälle trifft das die Frau, weil sie ein geringeres Einkommen hat.

Ich sehe die Schwierigkeiten auch bei mir selbst: Ich kann nur Vollzeit arbeiten, weil meine Mutter mir bei der Kinderbetreuung hilft. Gratis natürlich. Bremsend wirkt sich für die Frauen in der Schweiz bis heute aus, dass sie über ein Jahrhundert politisch diskriminiert wurden. Das Frauenstimmrecht, das erst 1971 einführt wurde, hat viele Karrieren verlangsamt, denn die Frauen konnten nicht am öffentlichen Leben teilnehmen. Die Not war und ist in der wohlhabenden Schweiz offenbar zu klein, um Frauen das Land mitgestalten und prägen zu lassen. Das wiederum wirkt sich auf die öffentlichen Diskussionen aus: Mehr als 80 Prozent der Personen, die in den Wirtschaftsteilen großer Zeitungen vorkommen, sind – Männer.

So gesehen ist das frauenfeindliche Wirtschaftssystem in der Schweiz längst ein Fall für die Wettbewerbskommission: Es herrschen Monopolstrukturen. Eigentlich erstaunlich, dass die Frauen nicht längst in Massen protestieren. Ökonomisch hätten sie jeden Grund dazu.

Patrizia Laeri, Journalistin und Moderatorin beim Schweizer Fernsehen

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34. Was wollen die Jungen heute werden?

Statistisch gesehen ist Amélia Brossy totaler Mainstream. Sie machte eine Lehre. So wie 53 Prozent der Jugendlichen, die in der Schweiz die Schule beenden. Ein Drittel geht ans Gymnasium, 13 Prozent sind in einer Zwischenlösung, weil sie noch nicht wissen, was aus ihnen werden soll; oder sie haben noch nicht die passende Lehrstelle gefunden.

In der Unterwalliser Familie, in der Brossy zusammen mit drei Geschwistern aufgewachsen ist, ist Amélia eine Ausnahme. Studieren! lautete das Credo chez les Brossys.

Vor ein paar Tagen hat die 20-Jährige ihre erste Stelle nach dem Lehrabschluss angetreten. Drei Jahre lang ließ sie sich zur Fachfrau Gesundheit (FaGe) ausbilden. Nun arbeitet sie in der Abteilung für Erwachsenenmedizin des Universitätsspitals, dem Centre hospitalier universitaire vaudois (CHUV) am Stadtrand von Lausanne, und unterstützt die erfahreneren Krankenpflegerinnen und -pfleger.

Brossy ist großgewachsen, das lange, lockige Haar hat sie zu einem Zopf geflochten. Sie begrüßt die Besucherin mit der Selbstsicherheit jener, die es gewohnt sind, auf Menschen zuzugehen. Und sie erzählt begeistert von ihrem Beruf, der zu den beliebtesten in der Schweiz gehört. Die FaGe ist nach dem KV, der Ausbildung zum Kaufmann respektive zur Kauffrau, und der Informatikerausbildung die beliebteste Lehre unter den 14- bis 16-Jährigen, die vor der Berufswahl stehen. Das zeigt eine umfangreiche Studie des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation.

Brossy findet ihren Beruf "magnifique", also wunderschön. Wie fast 80 Prozent der befragten Jugendlichen bezeichnet auch sie ihre Ausbildung als Wunschlösung. Sie möge die technischen Seiten und das Interpretieren von Blutdruck- und Fieberwerten genauso wie die Beziehung zu den Patienten. "Wir sind keine Superhelden", sagt sie, "aber manchmal reichen fünf Minuten, um jemandem in einem Gespräch zu helfen." Klar, es sei manchmal schwierig, mit den heftigen Emotionen umzugehen. "Patienten, die ungehalten werden, weil sie leiden, die fordern uns heraus. Und ein Todesfall geht auch mir nah – trotz aller Professionalität", sagt Brossy. Darum sortiere sie den Tag jeweils auf dem Heimweg im Kopf. Zu Fuß zur Metro und danach im Auto, 20 Minuten lang ins Hinterland, nach Oron-la-Ville, wo sie wohnt.

Im Nachhinein verstehe sie nicht, sagt Brossy, dass sie überhaupt zögern konnte, eine Berufslehre zu machen. Dass sie sich lange gefragt habe: Was denken wohl die andern? Ihr Vater habe sie dazu ermuntert, das zu tun, was sie für richtig hält. Und ihr jenen Satz gesagt, der ihr derart wichtig wurde, dass sie ihn sich auf den Unterarm tätowieren ließ: "Life is what you make it."

Nach der Lehre ist vor der Weiterbildung. Aber Amélia Brossy weiß noch nicht, welches ihr übernächstes Ziel ist: Hebamme oder Krankenpflegerin.

Dafür ist das nächste Ziel bereits gesetzt: Im kommenden Jahr möchte sie die Schweiz bei den World Skills, den Berufsweltmeisterschaften, in Russland vertreten. Sie ist – und darin ist sie alles andere als Mainstream – die amtierende Schweizer Meisterin der Fachangestellten Gesundheit.

Sarah Jäggi, Redakteurin im Schweizer Büro der ZEIT

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35. Was verdient man in der Schweiz im Durchschnitt?

6011 Franken im Monat (brutto), als Frau.
6830 Franken im Monat (brutto), als Mann.

Quelle: Bundesamt für Statistik

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36. Wie viele Millionäre gibt es in der Schweiz?

389.200 waren es im Jahr 2017. Sie besitzen zusammen ein Vermögen von 1204 Milliarden Franken. Nur in größeren Ländern wie den USA, Japan, Deutschland, China, Frankreich und England leben noch mehr Millionäre.

Quelle: "World Wealth Report" von Capgemini

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37. Warum ist die Schweiz so reich?

Die Schweiz hat Glück, vor allem geografisches Glück. Sie ist Teil des westeuropäischen Städtegürtels, einer Wirtschaftsregion, die seit Jahrhunderten floriert.
Tobias Straumann, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Zürich

Die Schweiz zeichnet sich durch ein stabiles politisches System, eine hervorragende Infrastruktur, natürliche Wasserressourcen, einen starken Finanzplatz und den Mut aus, eine eigene Meinung zu vertreten. Wir stehen früh auf, streben nach Qualität, sind verlässliche Vertragspartner, und unsere Unternehmen waren stets innovativ und weltoffen, was sie zukunftsfähig macht.
Antoinette Hunziker-Ebneter, CEO der Forma Futura Invest AG und Verwaltungsratspräsidentin der Berner Kantonalbank

Die Schweiz ist nicht wegen ihrer Großbanken und der vielen Konzernsitze derart reich, sondern dank ihres stark verbreiteten, qualitätsschaffenden und international konkurrenzfähigen dualen Berufsbildungssystems. Den Reichtum eines Landes bestimmen die durchschnittlichen Einkommen, nicht die Spitzensaläre.
Rudolf Strahm, SP-Politiker und ehemaliger Preisüberwacher

In der Schweiz gibt es mehr als eine Million Menschen, die in Armut leben oder armutsgefährdet sind. Für sie ist die Schweiz kein reiches, sondern ein teures Land, das sie dazu noch sozial marginalisiert.
Hugo Fasel, Direktor Caritas

Ein starkes und durchlässiges öffentliches Bildungssystem, hochstehende Berufslehren und viele gut qualifizierte Arbeitnehmende tragen entscheidend zum Wohlstand der Schweiz bei. Leider ist dieser extrem ungerecht verteilt. Soziale Unsicherheit, materielle Not und sogar Armut sind auch hier eine Realität.
Vania Alleva, Präsidentin Gewerkschaft Unia

"Ihr müsst überlegen, wer euer Präsident ist?" Die afrikanischen Guides staunten über die geteilte Verantwortung in der Schweiz: Der Bundespräsident ein Primus inter Pares, kaum Privilegien, alle packen zuverlässig an. Zusammen mit einer skeptischen Offenheit und dem Glück, mitten in Europa zu liegen, entsteht daraus ein Teppich, der eher robust als elegant ist.
Monika Bütler, Professorin für Volkswirtschaft an der Universität St. Gallen

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38. Bezahlen wir so wenig Steuern, wie die Deutschen immer behaupten?

International gilt die Schweiz als neoliberales Paradies. Weil die Fiskalquote so niedrig sei. Doch Krankenkassen und Berufsvorsorge sind hierzulande zwar obligatorisch, aber privat organisiert. Würde man die dafür geleisteten Zahlungen den Steuer- und Sozialversicherungsbeiträgen zuordnen – wie im Ausland üblich –, stiege die Fiskalquote von den offiziellen 33 auf 44 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Damit läge die Schweiz im Mittelfeld der europäischen Länder.

Marco Salvi, Ökonom und Senior Fellow beim Thinktank Avenir Suisse

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39. Wie überlebt man in der Schweiz einen Skandal?

In der Schweiz gelten zweierlei Skandalregeln. Die einen gelten für männliche CVP-Politiker, die anderen für uns Normalsterbliche.

CVP-Politiker zeugen insgeheim außereheliche Kinder und versuchen dann krampfhaft, die Existenz des Nachwuchses zu verschweigen. Dieses Verhalten erinnert die nostalgische CVP-Basis an frühere Jahrhunderte, weshalb sie es akzeptiert; wenn auch unter Murren ihrer weiblichen Mitglieder. Für alle Nicht-CVP-Exponenten des öffentlichen Lebens ist in einem solchen Fall nicht sicher, ob sie und ihre Karriere das überleben.

Es gilt: Die Skandalbewältigung beginnt schon Jahre vor dem Skandal. Politiker und Manager, die ein Leben lang ihren Mitmenschen verkündet haben, wie sie sich in Gesellschaft, Unternehmen und Parlamenten zu verhalten haben, überleben kaum. Großmäulige Lehrmeister der Nation, die in Saus und Braus ihre Boni kassierten oder sich auf geheime Reisen einladen ließen, stoßen im Krisenfall auf eiskalte Ablehnung.

Wer vor dem öffentlich gewordenen privaten Fehltritt oder der Fehlentscheidung im Unternehmen ein einigermaßen erträglicher Zeitgenosse war und sich nicht dauernd auf der Bühne der Eitelkeiten als Besserwisser vordrängte, wird in der Regel mit Großmut belohnt.

Im Krisenfall selbst gilt es, zu schweigen und zu warten und zu einem selbst gewählten Zeitpunkt frank und frei die ganze Wahrheit einzugestehen – jedenfalls nicht zu lügen. Unsere Welt ist vielleicht nicht moralischer geworden, aber mit Sicherheit transparenter.

Peter Hartmeier, Mitinhaber und Partner von Lemongrass Communications

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40. Wie überlebt man als Schweizerin im ewigen Eis?

Bevor ich bei minus 40 Grad Celsius in den Schlafsack krieche, lege ich mich in einen Seidenschlafsack und danach in eine Dampfsperre. Das ist eine Hülle aus beschichtetem Nylon. Es braucht sie, damit keine Feuchtigkeit in den Schlafsack dringt. Dieser verliert sonst die Isolation, das kann tödlich sein. Die Nylonhülle fühlt sich an, als ob man in einen Plastiksack schlüpft und sich damit ins Bett unter die Decke legt. Es ist schon gewöhnungsbedürftig. Aber ich kann die Temperatur über die Außenhülle des Schlafsacks regulieren. Insgesamt sind es dann vier Schichten. Ich ziehe auch noch Kleider an im Schlafsack, weil ich eine Kaltschläferin bin. Es stimmt nicht, dass man im Schlafsack nur in Unterwäsche schlafen soll. Das gilt vielleicht für manche Männer, die haben eine ganz andere Regulierung der Körpertemperatur. Aber ich als Frau kann mich doch nicht an eine männliche Vorgabe halten für mein persönliches Schlafempfinden.

Tagsüber ist es entscheidend, jede Stunde etwas zu essen und zu trinken, damit man ständig Energie zuführt. Und man darf auf keinen Fall schwitzen. Sonst geht der Schweiß auf die Haut und in die Wäsche, diese gefriert sofort, und es droht die Gefahr, dass man an Unterkühlung stirbt. Es heißt nicht umsonst: "If you get wet, you will die."

Wochenlang durch eine Eiswüste zu gehen, das nagt schon an der Psyche. Aber es ist auch schön. Die Kälte macht jeden ruhig. So verlangsamt sich alles, die Gedanken werden still, das hat einen meditativen Aspekt. Das ewige Eis zieht mich immer wieder an.

Evelyne Binsack, Extremsportlerin, hat den Mount Everest bestiegen und war auf Expeditionen am Nord- und am Südpol.

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41. Wie überlebt man als Schweizer eine Geiselhaft?

Indem man versucht, die Kontrolle, die einem entzogen wird, nicht ganz zu verlieren. Ich habe das instinktiv über das Schreiben geschafft. Vom ersten Tag meiner Gefangenschaft an habe ich Tagebuch geschrieben, teilweise sogar auf Serviettenpapier. Das erlittene Unrecht zu dokumentieren war ein Mittel, um aufgestaute Frustration abzubauen, und es hat mir geholfen, mental stark zu bleiben. Ganz besonders während der Einzelhaft und den Zeiten, in denen ich von der Außenwelt völlig abgeschnitten war. Dass ich nach meiner fast zwei Jahre dauernden Geiselhaft bis heute nie unter einer posttraumatischen Belastungsstörung gelitten habe, ist – da bin ich mir ziemlich sicher – dem Schreiben zu verdanken. Ich habe übrigens nie zuvor in meinem Leben Tagebuch geführt und nach meiner Freilassung sofort wieder damit aufgehört. Mit dem Zusammenfassen meines Tagebuches zu einem Buch für die Öffentlichkeit habe ich – wiederum schreibenderweise – einen weiteren Schritt gemacht, mit dem Erlebten abzuschließen.

Max Göldi wurde 2008 vom Gaddafi-Clan in Libyen zwei Jahre lang als Geisel gehalten. Sein Buch "Gaddafis Rache" (Wörterseh) erscheint in diesen Tagen.

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42. Wo kommen in der Schweiz am meisten Kinder zur Welt?

In Appenzell, wenn man die Orte mit mehr als 20 Geburten betrachtet. Im Jahr 2017 hatte die Gemeinde eine Geburtenrate von 28,2 Lebendgeburten auf 1000 Einwohner. In Ascona im Kanton Tessin, auch bekannt als Rentnerparadies, kamen am wenigsten Kinder zur Welt: Dort lag die Geburtenrate im vergangenen Jahr bei 4,3.

Quelle: Bundesamt für Statistik

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43. Gibt es arme Schweizer?

Klar. Aber noch mehr Arme und arme Typen.

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44. Wie heißt Mann in der Schweiz?

Peter, Hans, Daniel, wenn er in der Deutschschweiz lebt.
Jean, Daniel, Michel, wenn er in der Romandie lebt.
Marco, Luca, Andrea, wenn er in der Svizzera Italiana lebt.
Gian, Gion, Christian, wenn er ein Rätoromane ist.

Quelle: Bundesamt für Statistik

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45. Wie heißt Frau in der Schweiz?

Maria, Anna, Ursula, wenn sie in der Deutschschweiz lebt.
Maria, Marie, Anne, wenn sie in der Romandie lebt.
Maria, Anna, Daniela, wenn sie in der Svizzera Italiana lebt.
Maria, Anna, Rita, wenn sie eine Rätoromanin ist.

Quelle: Bundesamt für Statistik

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46. Von wem stammen die Schweizer ab?

Die Schwyzer, also die Einwohner des Kantons in der Zentralschweiz, stammen von den Schweden ab: So lautete die offizielle, von den Schwyzer Behörden im 16. Jahrhundert vertretene Abstammungslehre. Es handelte sich um einen Mythos. Im 17. Jahrhundert ging er wieder vergessen. Stattdessen wurden Heldengeschichten populär, die erzählten, wie sich eine Urschweiz gegen fremde Vögte erhob und 1291 in einem angeblichen Rütlischwur zur Eidgenossenschaft zusammenschloss.

Aber diese aufrührerischen Eingeborenen: Von wem stammten diese ursprünglich ab? Es waren keltische Helvetier, die einst die Gegend zwischen Rhone und Rhein bevölkerten. Diese Urhelvetier wollten allerdings abhauen, auswandern nach Frankreich. Julius Cäsar war dagegen – schickte sie zurück und romanisierte sie (wie auch Rauriker und Räter). Nach den Römern kamen Alamannen und Burgunder ins Land, wurden eins mit der galloromanischen Urbevölkerung. Nicht zu vergessen: die Langobarden. Die ließen sich im Tessin nieder. Dieser Zipfel am Südrand der Alpen war lange nur Untertanengegend, wurde aber 1803 (mit etwas napoleonischer Hilfe) zu einem eigenen schweizerischen Kanton. Weitere Blutauffrischungen kamen dazu. Nach den Gastarbeitern aus Italien wanderten in jüngerer Zeit kriegsbedingt viele vom Balkan ein – wie das aktuelle Kader der Fußballnationalmannschaft verrät.

Urs Willmann, Wissen-Redakteur der ZEIT

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47. Warum bringt die Schweiz so gute Torhüter hervor?

Zu den ersten Fremdwörtern meiner Kindheit gehörte das Wort "mirakulös". Wir Schulbuben im Dorf brauchten es beim Fußball immer im Zusammenhang mit dem Goalie. "Mirakulös" kannten wir aus dem Radio, wo seinerzeit noch ganze Fußballspiele live übertragen wurden. Bei Länderspielen sagten die Radioreporter nicht selten: "Torhüter Prosperi pariert mirakulös!" oder: "Strammer Schuss von der Strafraumgrenze und mirakulöse Parade von Goalie Kunz!"

Da unsere Stürmer zu jener Zeit auf internationaler Ebene nicht besonders treffsicher waren, standen oft die Torhüter im Mittelpunkt. In der Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1974 etwa blieb die Schweiz in sechs Spielen viermal ohne Gegentor. Weil die Stürmer jedoch kaum getroffen hatten, konnten sich die Schweizer trotzdem nicht qualifizieren. Immerhin resultierte gegen den damaligen Vizeweltmeister Italien, vor allem wegen der erwähnten Wundertaten des Tessiner Schlussmanns Mario Prosperi, ein ehrenvolles 0:0-Unentschieden.

Mir schien schon als Kind selbstverständlich, dass unsere Goalies zu den weltbesten gehören. An dieser Einschätzung hat sich bis heute nichts geändert. Das muss damit zu tun haben, dass der Goalie etwas wie ein Einzelspieler innerhalb einer Fußballmannschaft ist. Und da es einer verhältnismäßig kleinen Nation wie der Schweiz immer schwer fiel, zehn Feldspieler oberster Güte aufzubieten, sollten wenigstens die Torhüter zu den allerbesten gehören.

Es gibt freilich noch eine andere, vermutlich plausiblere Begründung für die weltweit gesehen überproportional hohe Anzahl an Spitzentorhütern aus der Schweiz: Wie der Schweizer innerhalb der Welt fühlt sich auch der Goalie innerhalb eines Fußballteams als Sonderling. Zwar laufen nicht nur Schweizer und Fußballtorhüter ständig mit dem Gefühl herum, anders zu sein als alle anderen, aber Schweizer und Fußballtorhüter scheinen aus diesem Gefühl einen Großteil ihrer Kraft zu beziehen. Goalies und Schweizer verbinden mit dem Gefühl des Andersseins eine Bereitschaft, immer wieder über sich hinauszuwachsen, was Einzelne von ihnen mirakulöserweise tatsächlich schaffen, besonders wenn sie gleichzeitig Goalie und Schweizer sind.

Pedro Lenz, Mundart-Schriftsteller und Autor des Romans "Der Goalie bin ig"

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48. Wie integriert man sich in der Schweiz als Ausländer?

Indem man als Expat selbst aktiv wird und zum Beispiel die Nachbarn zu einem Apero einlädt. Mir war es immer sehr wichtig, aktiv an der Gesellschaft teilzunehmen. So bin ich nicht nur mehreren Vereinen beigetreten, sondern habe auch einen eigenen Verein gegründet – make happen what you want to have happen. Ich rate auch sehr dazu, die Kinder in die Staatsschulen zu schicken. Dies fördert die Integration der ganzen Familie. Auf jeden Fall braucht es Geduld und Durchhaltevermögen.

Kathy Hartmann-Campbell, Expat-Coach

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49. Ist die Schweiz ein Traumland?

Wenn man als Flüchtling neu in die Schweiz kommt, ist sie eher ein Trauma- als ein Traumland. Ich kam vor zehn Jahren aus Eritrea. Das Asylverfahren dauerte lange, in dieser Zeit war die Ungewissheit groß, weil ich nicht wusste, ob ich bleiben darf. Ich durfte nicht arbeiten, keinen Sprachkurs besuchen. Aber ich habe auch nicht ein Traumland gesucht, sondern Sicherheit. Die habe ich gefunden. Und einen Job, ich arbeite als Logistiker in der Zentralbibliothek.

Von einem Flüchtling wird erwartet, dass er sich anpasst. Man muss irgendwie gleich werden wie ein Schweizer. Ich wurde aufgenommen und werde trotzdem nicht als Teil der Gesellschaft wahrgenommen. Ich empfinde die Schweiz manchmal als konservativ und nicht so offen. Ich vermisse die Menschlichkeit ein bisschen. Mich beschäftigt auch, was mit den anderen Asylsuchenden passiert und wie über sie geredet wird. Man sagt, die Schweiz sei ein demokratisches Land. Aber für mich ist es manchmal undemokratisch. Weil über die Eritreer negativ geredet und berichtet wird in den Medien, vor allem im Blick und in 20 Minuten. So wird die Stimmung uns gegenüber immer schlechter.

Ein Traumland wäre für mich Eritrea, wo ich aufgewachsen bin, wo meine Angehörigen und meine Freunde sind. Aber natürlich nur, wenn wir dort frei und in Würde leben könnten. Die Schweiz wäre für mich ein Traumland, wenn alle gleich an der Gesellschaft teilnehmen und gemeinsam leben könnten.

Okbaab Tesfamariam, Logistiker. Er lebt in Zürich.

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50. Sollen Deutsche Mundart lernen, wenn sie in der Schweiz leben?

Nein. Die Schweizer Mundarten sind für Ausländer, auch wenn sie, wie ich, seit 35 Jahren Schweizer sind, ein gefährliches Thema. So habe ich die Walliser Frau, mit der ich schon seit 50 Jahren verheiratet bin, vor der Hochzeit nur achtmal gesehen und beim neunten Mal, das Walliserdütsch nicht ganz verstehend, die Mitteilung erhalten, ich sei nun vermählt. Wer in der Schweiz Hochdeutsch spricht, hat in der global orientierten A-Schweiz einen Vorteil, in der national orientierten B-Schweiz gilt dies als Negativfaktor.
Klaus J. Stoehlker, Kommunikationsberater

Ja. Man kann keine Mundart pflegen. Die Mundart pflegt einen. Man muss Leuten, die in Mundart und Hochsprache reden, nur ein wenig zuschauen, um festzustellen, dass jede Sprachform sie auf eine andere Weise zurichtet. Wer sich von der Mundart pflegen lässt, der gewinnt folgerichtig eine zweite Fassung seiner selbst. Mit der kann man dann ganz andere Sachen ausprobieren, grober sein oder versponnener, unbeholfener oder feiner. Mundart sprechen hat deswegen weniger mit Vokabeln oder Klubschulkursen zu tun, sondern vielmehr mit Theaterspielen. Macht Spaß, vor allem wenn man sich schon irgendwie satthat.
Philipp Theisohn, Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Zürich

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51. In welchen Ländern außerhalb der Schweiz leben am meisten Schweizer?

In Frankreich sind es am meisten (196.300), gefolgt von Deutschland (88.600), Italien (49.600), Großbritannien (35.000) und Spanien (23.500). Und Zehntausende Schweizer entscheiden sich sogar für ein Leben außerhalb von Europa: In den USA leben 79.900 Schweizer, in Kanada sind es 39.700, in Australien 24.900 und in Israel 19.000. Insgesamt leben 751.800 Schweizer im Ausland.

Quelle: Bundesamt für Statistik

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52. Was suchen die Schweizer Auswanderer im Ausland?

"Das ist er, der ideale Ort!", ruft Hermann, und ich denke: endlich! Seit Stunden irren wir durch den Wald, mit Axt und Säge auf den Schultern und von Mücken verfolgt.

"Zeig mir, was dich nach Kanada gezogen hat", habe ich Hermann gesagt. Geführt hat er mich ins Niemandsland der endlosen Wälder von British Columbia. Aber wo ich nur Bäume sehe, sieht Hermann Schönbächler Stämme für ein Blockhaus. Hier würde er es bauen. "Ein guter Platz zum Siedeln. Wasser, das auch jetzt im Hochsommer nicht austrocknet" – er zeigt auf den Bach – "und dort, die flache Lichtung mit den Wiesen. Dort kannst du weidende Wildtiere jagen und später selbst welche halten."

Hermann Schönbächler, der bärtige Holzfäller, ist so etwas wie der Star unter den Auswanderern von Auf und davon , der Auswandersendung im Schweizer Fernsehen, für die ich als Reporterin unterwegs bin. Schon als Bub in Biel war er fasziniert von den nordamerikanischen Siedlern und Selbstversorgern, den homesteaders. Seit zehn Jahren lebt er mit seiner Familie am Rand der Zivilisation. Sein Sprüche sind träf, sein Weltbild archaisch.

Mehr als jeder andere verkörpert Schönbächler den Pionier, der kompromisslos seinen Idealen und Träumen folgt, ohne dabei ein Träumer zu sein. Patent und handfest, und das hat er mit den meisten anderen Schweizer Auswanderern gemeinsam, die ich kennengelernt habe. Und noch ein anderes Stück "Hermann" steckt in ihnen. Es ist der Wunsch, neu anzufangen, das Leben frei gestalten zu können und etwas Eigenes aufzubauen, der sie in die Fremde führt.

"Ihr kommt aus dem Paradies, was wollt ihr hier?", werden sie dort häufig gefragt. Rational gesehen scheint es unvernünftig, die sichere, reiche Schweiz zu verlassen. Das unterscheidet viele Schweizer Auswanderer von den meisten anderen Migranten. Sie suchen kein ökonomisch besseres Leben, sondern eines, das sich besser anfühlt.

Weshalb? Weil wir es uns leisten können. Wir Schweizer müssen nicht auswandern. Wir dürfen.

Früher war die Schweiz Auswanderungsland, weil sie klein und arm war. Heute ist unser Land wohlhabend, aber immer noch klein. Zu klein, zu eng und zu überreguliert für jene, die das Abenteurer-und-Entdecker-Gen in sich tragen. Für die, die größer träumen.

"Freiheit", antworten mir viele Auswanderer, wenn ich sie frage, was sie gesucht haben, "mehr Freiheit".

Weite, Abstand und Freiraum ist das eine, was sie damit meinen. Viel Platz für Tiere und Kinder, Gemüsegärten, gigantische Fahrzeuge und noch größere Garagen, Quad-Rennen und Luftgewehr-Schießübungen. An einem Ort leben zu können, wo es keine Nachbarn gibt in Sichtdistanz und keinen, der dir sagen will, wie dein Leben zu sein hat.

Der andere Teil der Freiheit bedeutet, aus vorgespurten Bahnen auszubrechen. Nahe Menschen, Karrieren, Orte, Status, ganze Wertsysteme – es braucht innere Freiheit, das meiste von dem hinter sich zu lassen, was die eigene Biografie ausmacht. Und verdammt viel Mut, alles auf eine Karte zu setzen, wenn das ganze Umfeld den Kopf schüttelt.

"In der Schweiz musst du funktionieren. Aber hier kannst du leben", so beschreiben es die Schweizer im Ausland oft. Beides werde intensiver, der Erfolg, aber auch das Scheitern. "Der Preis der Freiheit ist die Unsicherheit", sagt mir Annette Fischer. Letztes Jahr musste sie mit Mann und Kindern Hals über Kopf flüchten, die kanadischen Waldbrände hatten ihr Haus schon fast eingeschlossen. Im letzten Moment drehte der Wind, sie hatten Glück.

Auch viele andere Auswanderer wissen ein Lied von existenziellen Bedrohungen zu singen. Überschwemmungen, Hurrikans, Erdbeben. Kriminalität, Korruption und failing states. Bürokratische Hürden, keine Sozialversicherungen, aber Bären, die aufs Trampolin der Kinder klettern.

Auswandern heißt auch, Lösungen für Probleme finden zu wollen, die man in der Schweiz gar nicht hätte. Und stolz sein darauf, wenn man es schafft.

Mona Vetsch, Journalistin und Moderatorin der Sendung "Auf und davon Spezial" im Schweizer Fernsehen SRF

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53. Welche Länder sind der Schweiz ähnlich?

Die Schweiz, ein Sonderfall? Mitnichten. Sie ist heute ein vielen anderen Ländern ähnliches, wenn auch außerordentlich reiches Land. Das war nicht immer so: Bis zum Ersten Weltkrieg war die Schweiz ein Auswanderungsland mit Hunderttausenden von Wirtschaftsmigranten, die der heimischen Armut nach Amerika oder Russland entflohen. Die Schweiz vergleichbar mit anderen Auswanderungsländern? Tempi passati!

Heute sind uns unsere direkten Nachbarn am ähnlichsten: Deutsche oder Österreicherinnen dürfen sich statistisch ebenfalls auf ein langes Leben freuen, müssen keinen Krieg fürchten und haben meist genügend Geld in der Tasche.

Der wirtschaftliche Erfolg verbindet die Schweiz mit anderen Kleinstaaten: Unter den Top 12 des globalen Wettbewerbsfähigkeits-Rankings der IMD Business School klassieren sich zehn kleine Länder wie beispielsweise Hongkong, Singapur oder die Schweiz; allerdings wird die Rangliste dieses Jahr von der Schweizer sister republic USA angeführt.

Untersuchungen zeigen übrigens, dass Länder mit weniger als zehn Millionen Einwohnern effizienter geführt werden können, weil hier informelle Netzwerke und keine aufwendigen Prozesse und Strukturen regieren wie in großen Ländern. Das typische Schweizer "Management by Apéro" ist also ein wirtschaftliches Gebot ...

Aber mit unserer direkten Demokratie sind wir weltweit einsame Spitzenreiter, oder? Na ja. Deutsche Bundesländer wie Bayern oder amerikanische Bundesstaaten wie Kalifornien sind viel größer als die Schweiz und haben ebenfalls eine langjährige direktdemokratische Tradition.

Die Schweiz, ein Sonderfall? Nein.

Sonderbar? Es bitzli.

Nicola Forster, Präsident foraus Forum Aussenpolitik

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54. Wie alt wird Frau in der Schweiz?

1917: 57,4 Jahre
1967: 75,7 Jahre
2017: 85,4 Jahre

Quelle: Bundesamt für Statistik, durchschnittliche Lebenserwartung

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55. Wie alt wird Mann in der Schweiz?

1917: 54,1 Jahre
1967: 69,7 Jahre
2017: 81,4 Jahre

Quelle: Bundesamt für Statistik, durchschnittliche Lebenserwartung

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56. Woran stirbt man in der Schweiz?

An Krebs oder an einer Herzkreislaufkrankheit. Wenn man zwischen 45 und 84 Jahre alt ist.

Quelle: Bundesamt für Statistik

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57. Wie gläubig sind die Schweizer?

36,5 Prozent sind Katholiken.
24,9 Prozent sind ohne Konfession.
24,5 Prozent sind Protestanten.
5,9 Prozent sind andere Christen.
5,2 Prozent sind Muslime.
1,4 Prozent gehören zu anderen Religionsgemeinschaften.
1,3 Prozent wissen nicht, was sie glauben.
0,3 Prozent sind Juden.

Quelle: Bundesamt für Statistik

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58. Welches ist der wichtigste Heilige der Schweiz?

Der wichtigste Heilige der Schweiz ist natürlich Bruder Klaus – und schade eigentlich, dass er es in Deutschland kaum zu Bekanntheit gebracht hat, in den ersten 500 Jahren seiner Heiligenkarriere. Schließlich ist er der Heilige, der die Deutschen neidisch machen kann: der wohlbestallte Bürger, der in der Blüte seiner Jahre alles aufgibt, Haus und Hof, Frau und Kinder, um fortan als Einsiedler nah bei Gott und Natur zu leben, wo er Sachen sieht, die andere nur unter Drogen sehen – der Bauer als Hippie.

Solche Back-to-Nature-Bögen lieben die Deutschen, dieses Jack-Wolfskin-Volk mit seinem Wagnerianischen Hang zur naturnahen Tragik. Bruder Klaus und die Deutschen vereint eine mystische Liebe zur Schwermut, dauerndes Ringen mit sich selbst, sowie die entschiedene Begabung, sich auf hohem Wohlstandsniveau persönlich unglücklich zu fühlen.

Vielleicht ist es darum kein Wunder, dass eine der schönsten Bruder-Klaus-Kapellen in Deutschland steht – www.feldkapelle.de – in D-53894 Mechernich-Wachendorf. Entworfen hat sie ein Schweizer Architekt, einer der besten sogar: Peter Zumthor.

Patrik Schwarz, Geschäftsführender Redakteur der ZEIT

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59. Was wünschen sich die Schweizer am Ende ihres Lebens?

Ruhe und Frieden. Innere Aufgeräumtheit ist wichtig, um loszulassen, aber auch äußere. Die meisten Menschen wünschen sich, dass sie ohne Schmerzen und Atemnot einschlafen können, umgeben von jenen, die sie lieben.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens oder einer Verbindung zum Transzendenten spielt für die meisten Sterbenden in den letzten Tagen vor dem Tod nicht mehr so eine große Rolle. Es sei denn, sie sind sehr gläubig. Dann sind die Religion, die Gewissheit, wie es weitergeht, und Rituale wie Salbungen natürlich sehr wichtig.

Patienten hinterfragen ihr Leben und dessen Sinn aber oft unmittelbar nach der Diagnose einer schweren Krankheit. Sie überdenken dann noch einmal, was ihnen wirklich wichtig ist, und setzen andere Prioritäten im Leben. Viele Leute in der Schweiz empfinden die Natur als spirituellen Ort, sie verbringen mehr Zeit draußen. Jüngere Menschen pflegen ihre sozialen Beziehungen intensiver. Ich höre oft: Warum hat es diese Krankheit gebraucht, bis ich gemerkt habe, was mir wirklich wichtig ist?

Viele Angehörige erzählen uns, dass die Phase der Krankheit und vor allem auch der Sterbeprozess sehr intensiv sind und die Familie zusammenbringen. Viele Leute bedauern, dass sie nach dem Tod eines Verwandten rasch wieder in den Alltag zurückkehren müssen. Sie vermissen die emotionale Nähe und den Ausnahmezustand, weil sie dabei gemerkt haben, was ihnen wirklich wichtig ist – und dass sie durchaus einmal einen beruflichen Termin absagen können.

Wir, die hier in der Abteilung arbeiten, lernen von den Sterbenden und ihren Gefühlen sehr viel. Deshalb sind wir manchmal nicht mehr so kompatibel mit dem Schweizerischen Mainstream-Leben. Die Frage nach Erfolg stellt sich für mich anders. Mir fällt es leichter, Beziehungen hoch zu gewichten. Deshalb bin ich sehr geizig mit geschäftlichen Abendterminen. Ich bin manchmal ein Outsider, weil ich diesen normalen Trott nicht mitmache.

Ich glaube, es ist der Sinn des Lebens, sich als sinnliches Wesen zu bewegen. Zu sterben fällt leichter, wenn man Beziehungen hat, die einen wärmen.

Steffen Eychmüller, leitender Arzt am Palliativzentrum des Berner Inselspitals

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60. Wie wohnen die Schweizer?

Mit einer Frau zu Hause.

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61. Wovor haben die Schweizer Angst?

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62. Wie feiern die Schweizer?

Samstagmorgen um 6 Uhr an der Langstraße in Zürich.

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63. Warum streiten wir mit den Nachbarn im Süden?

Das Tessin und Norditalien haben eine gemeinsame Geschichte, Kultur und Sprache. Das Tessin unterstützte die Patrioten und Revolutionäre, die Ende des 19. Jahrhunderts das moderne Italien schufen. Die Gotthardbahn machte Genua zum wichtigsten Hafen der Schweiz. Im Zweiten Weltkrieg nahm das Tessin 45.000 italienische Flüchtlinge auf. Später kamen Arbeitsmigranten zu Tausenden, sodass 1970 fast jeder vierte Einwohner im Tessin einen italienischen Pass hatte.

Tempi passati!

Die Beziehungen zwischen dem Tessin und Italien stecken in der Krise. Viele Tessiner fürchten die Konkurrenz aus Norditalien, wo man nur halb so viel verdient wie diesseits der Grenze. Eine Statistik, die Mitte Oktober erschien, zeigt: Erstmals arbeiten im Tessin mehr Ausländer als Einheimische, nämlich 50,2 Prozent. Die Lega dei Ticinesi poltert: Werde die Einwanderung nicht gestoppt, dann würden die Tessiner genauso wie die Indianer enden – in Reservaten.

Also befürwortete das Tessin die Masseneinwanderungs- initiative der SVP mit einem rekordhohen Ja-Stimmen-Anteil. Ein Jahr darauf verankerte die kantonale Volksinitiative Prima i nostri ("Zuerst die Unsrigen") einen Inländervorrang in der Verfassung. Aber als das Tessin anfing, von Stellensuchenden einen Strafregisterauszug zu verlangen, rief der Präsident der Lombardei zu einem Grenzgänger-Streik auf: So zwinge man das Tessin wirtschaftlich in die Knie.

Im Jahr 2015 schien eine Lösung in Sicht. Ein Abkommen zwischen der Schweiz und Italien sollte einen ganzen Strauß an Problemen lösen. Doch Italien hat es nie ratifiziert. Daran hat auch Bundesrat Ueli Maurers jüngster Besuch in Rom nichts geändert. Das wiederum ließ sich das Tessiner Parlament nicht gefallen. Es befürwortete eine Retourkutsche: Das Tessin soll jenen Teil der Quellensteuern der italienischen Grenzgänger nicht ausbezahlen, die im Tessin eingezogen werden, rechtlich aber den Wohnsitzgemeinden in Italien zustehen.

Wie wichtig Italien ist, und wie nah es liegt, das ist in vielen Köpfen noch nicht angekommen. Italien ist nicht nur der wichtigste Handelspartner des Tessins, sondern auch der drittwichtigste des ganzen Landes. Und die europäische Metropole, die Basel geografisch am nächsten liegt, das ist – Mailand.

Alexander Grass, Journalist, berichtete in den vergangenen 16 Jahren für das Schweizer Radio aus dem Tessin.

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64. Warum streiten wir mit den Nachbarn im Norden?

Streit? Da kann Hubert Frederich was erzählen. Frederich ist Förster, gleich hinter der schweizerischen Landesgrenze, auf deutschem Staatsgebiet. Einmal hörte er, dass ein Schweizer samstags in einem deutschen Aldi sagte: "Können die Deutschen nicht unter der Woche einkaufen?" Das hat ihn wütend gemacht. Ein anderes Mal fuhr er morgens durch den Wald und sah mitten auf einer Lichtung einen Mercedes stehen. Schweizer Kennzeichen. Der Fahrer stieg gerade ein, folgender Dialog entwickelte sich:

"Was machen Sie da?", fragte Frederich.
"Pilze sammeln", sagte der Schweizer.
"Sie wissen", sagte Frederich, "dass es nicht erlaubt ist, hier reinzufahren?"
Der Schweizer nickte: "Das weiß ich. Was darf ich Ihnen bitte bezahlen?"
Frederich sagte: "Ich mache hier nicht die Preise, aber rechnen Sie mit einer Strafe von 20 Euro."
Da begann der Schweizer zu lachen, lang und laut. Und Frederich zu schäumen.

Streit? Da kann auch Nicole Villiger was erzählen. Sie ist Kellnerin in einem Café, gleich vor der Landesgrenze, auf schweizerischem Gebiet. Neulich hatte sie einen Deutschen zu Gast. Villiger hörte, wie der Mann seiner Begleitung erzählte, dass er in Basel arbeite, aber in Lörrach wohne, das sei eine lohnende Sache. Die beiden tranken Cappuccino, Villiger blickte auf die Rechnung, knapp zehn Franken. Da, so erzählt sie es heute, sei der Mann ausgeflippt, habe geschrien, er wolle nicht den ganzen Laden kaufen, und habe die Kellnerin als verwöhnte Schweizerin beschimpft. Die habe nur den Kopf geschüttelt.

Ich bin Deutscher, nahe an der Grenze aufgewachsen, gleich neben Freiburg. Ich kenne all die Geschichten über die lauten, ungehobelten Landsleute, die sich in der Schweiz Studien- und Arbeitsplätze unter den Nagel reißen, Schweizer Löhne genießen, ständig über die Preise schimpfen und sich aufführen wie hitzige Jungbullen. Aber ich kenne auch die Erzählung vom Schweizer Rüpel, der über deutsche Autobahnen rast, Bußen aus der Portokasse bezahlt und am Samstag die Supermärkte und Antiquariate leer räumt.

Es geht bei all diesen Geschichten um Klischees und Stereotypen, um Geld und Neid, aber auch um Identität und darum, wie wir uns voneinander abgrenzen. Manchmal wissen wir erst, wer wir sind, wenn wir wissen, wer wir nicht sind. Und das ist gut so. Was ich hingegen nicht gut finde: Wenn Deutsche die Schweiz meiden und andersrum. Wenn aus augenzwinkernder Rivalität Feindschaft wird.

Ich mag die Schweiz, ich habe dort Freunde, obwohl man in Deutschland gern erzählt, das sei schwer möglich. Zürich mag ich, obwohl ich Buenos Aires und Stockholm gesehen habe. Ich fahre mehrmals im Jahr nach Visperterminen, ins Wallis. Neulich stand ich im Berner Oberland auf dem Mönch. Von oben ist das Land noch schöner. Bei der Fußballweltmeisterschaft bin ich (außer für Deutschland) gern für die multikulturelle Nati.

"Manchmal hilft Streit", sagt Nicole Villiger, die Kellnerin. Nachdem sie dem Deutschen in ihrem Café zuerst böse war für seinen Wutausbruch, spürte sie später fast Dankbarkeit. "Wenigstens hat der gesagt, was er dachte, bei vielen anderen Deutschen spüre ich den Ärger nur – und wir Schweizer reden auch lieber über Deutsche als mit ihnen."

Der Förster Hubert Frederich sagt, dass er – bei allem Ärger – manches, wofür die Schweiz politisch stehe, nicht verkehrt finde. Außerdem fahre er fast jedes Jahr zur Art Basel. Er nehme sich eben ein Vesper mit, dann müsse er nichts kaufen.

Vielleicht ist es unsere kleinliche Feindschaft, die wir brauchen, um freundschaftlich verbunden zu bleiben. Wir streiten, weil wir uns mögen.

Marius Buhl, Reporter beim "Tagesspiegel" in Berlin. Aufgewachsen ist er bei Freiburg im Breisgau

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65. Warum streiten wir mit den Nachbarn im Quartier?

Je reicher wir sind, desto größer wird unsere Angst, etwas zu verlieren. Wer Angst hat, zieht aber Mauern hoch und bekämpft alles, was dahinter liegt: den Nachbarn mit seinem lauten Laubbläser, die neue Pop-up-Bar im Quartier und das geplante Asylzentrum im Nachbardorf.

Auch als Nation sind wir schwierige Nachbarn. Im Dauerstreit mit dem vereinten Europa interessiert uns immer nur eines: der eigene wirtschaftliche Vorteil. Und dann ist da noch unser Neid. Wir vergleichen uns mit dem Rest der Welt und stellen zufrieden fest, dass es niemandem besser geht als uns. Aber dann schauen wir aus dem Fenster und sehen den Nachbarn in seinem neuen Naturpool. Hat er für den überhaupt eine Bewilligung?

Simon Baumann, Filmemacher. Sein Film "Zum Beispiel Suberg" zeigt, wie ein kleines Dorf funktioniert.

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66. Warum sieht die Schweiz aus, wie sie aussieht?

Weil hier die kleinen und feinen Sachen sorgfältig gemacht sind. Städte und Dörfer, die es sich leisten können, putzen ihre Zentren zu Heimatschutzinseln heraus und kontrastieren sie dezent mit Kristallisationspunkten von Finanz und Wirtschaft. Das riesige Niemandsland der Restschweiz bröckelt dieweil vor sich hin, wie es gerade kommt. Das so entstehende architektonische Erbrechnis werden Architektur-Ethnografen dereinst als die Mundart der Schweizer Architektur des 21. Jahrhunderts entziffern.

Stanislaus von Moos, em. Professor für Kunst- und Architekturgeschichte an der Universität Zürich

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67. Warum heißt es nicht "Züricher"?

Es ist bei mehrsilbigen Wörtern nicht selten, dass unbetonte Laute ausgestoßen werden, man denke etwa an Basler (nicht Baseler) oder Münchner (nicht Münchener). Ableitungen zu Ortsnamen können ganz schön knifflig sein; so kennen beispielsweise solche auf -en mindestens vier verschiedene Möglichkeiten: Badener zu Baden, Grenchner zu Grenchen, St. Galler zu St. Gallen und Husemer zu Husen – Regeln gibt es nicht. Die Varianten Züricher und Zürcher finden sich selbst in schweizerischen Quellen jahrhundertelang nebeneinander, und umgekehrt wird für den Stadtnamen Zürich zwischen dem 14. und dem 18. Jahrhundert nicht selten "Zürch" geschrieben. Gesprochen hat man seit dem Spätmittelalter Züri und Zürcher – oder sogar Zürrer, wie der Familienname noch heute lautet.

Christoph Landolt, Redaktor Schweizerisches Idiotikon

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68. Wer ist unser Reichsadler?

Wann genau er in die Niederungen zog, ist nicht bekannt. Wohl ab dem 19. Jahrhundert lockte den Hausrotschwanz etwas an, das dem Gebirgsvogel bisher nur aus seinem angestammten Lebensraum bekannt war. Der spatzengroße Vogel, der sich dem Leben in den Bergen bestens angepasst hatte, erkannte, dass seine so geliebten Stein- und Felslandschaften sich im Unterland immer mehr auszubreiten begannen.

Häuser schossen Zeile für Zeile in die Höhe, Dörfer verwandelten sich in Städte, Industrielle bauten Fabriken mit hoch aufragenden Kaminen, Straßen, Eisenbahnen und Flugplätze pflügten ganze Landstriche um, hier wurde gegraben, dort aufgeschüttet, Kräne ragten in den Himmel und überwachten Baustellen, auf denen Bauschutt gelagert wurde: Für den Hausrotschwanz ist im Laufe der Jahrzehnte eine für ihn wenig attraktive Landschaft, die von Äckern, kleinen Dörfern und Wäldern geprägt war, zum felsigen Eldorado geworden. Steinbrüche, Kiesgruben, Rebberge mit Steinmauern, Siedlungen aller Art: Wo der Mensch ein künstliches Gebirge schuf, da ließ sich der Hausrotschwanz gerne nieder.

Während viele Vogelarten durch die Zersiedlung ihren natürlichen Lebensraum verloren haben, hat der Hausrotschwanz davon profitiert. Wenig überraschend, geht es seinem Arten-Bruder, dem Gartenrotschwanz, bedeutend schlechter. Neue Siedlungen haben alte Gärten mit Obstbäumen aufgefressen, in denen sich der Gartenrotschwanz gerne aufhält.

Der Hausrotschwanz aber ist der Charaktervogel der Schweizer Industrielandschaft. Was die Häufigkeit betrifft, liegt der Hausrotschwanz zwar nur an neunter Stelle; an der Spitze steht der Buchfink. Doch er hat sich am weitesten verbreitet. Vom Gornergrat auf 3200 Meter über dem Meer, wo der höchstgelegene Brutnachweis gelang, bis zum Bodensee, wo sein Bestand in den letzten 40 Jahren um fast 60 Prozent zugenommen hat, leben 300.000 bis 400.000 Hausrotschwanz-Brutpaare.

Die Liebe für das Felsige, in das sich der graubraune Vogel mit den roten Schwanzfedern so gut einfügt, paart sich mit einer Unempfindlichkeit gegenüber Lärm und Gestank; auch diese Robustheit macht den Hausrotschwanz zum Vogel der Verstädterung. Hohe Ansprüche stellt der Nischenbrüter nicht: Im Nest hält er sowohl direkte Sonneneinstrahlung als auch Dunkelheit problemlos aus

Und im Land der Pendler zeigt er für die Eisenbahn eine besondere Begeisterung. Ein Hausrotschwanzpaar zog einst auf dem Fahrgestell eines Bahnwaggons vier Junge auf. Der Waggon stand aber nicht auf einem Abstellgleis, sondern verkehrte auf der mittlerweile eingestellten Bahnstrecke Allaman–Aubonne–Gimel am Genfersee und legte täglich 20 Kilometer zurück.

Bei aller Härte im Nehmen: Gänzlich verschont von schädlichen menschlichen Einflüssen bleibt aber auch der Hausrotschwanz nicht. Im Verhältnis zu seiner Größe – er bringt 16 Gramm auf die Waage – frisst er eine beträchtliche Menge an Insekten und Spinnentieren. Dies macht ihn zu einem geeigneten Anzeiger von Giften in der Natur. Früher führten Minenarbeiter Kanarienvögel mit sich, die empfindlicher als Menschen auf gefährliche Gase reagierten und damit unter Tage als Warnmelder dienten. Zu einem ähnlichen Schritt hat sich die Forschungsanstalt Agroscope entschieden und die Hausrotschwänze dazu auserkoren, in den Rebbergen bei übermäßigem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln Alarm zu schlagen. Fressen die Hausrotschwänze Insekten, die mit zu viel Pestiziden belastet sind, werden sie krank oder sterben. Und so weiß der Weinbauer: Ist der Hausrotschwanz gesund, ist es der Rebberg ebenso.

Um dem Hausrotschwanz zu begegnen, braucht es aber keinen Weinberg. Offene Ohren und zeitiges Aufstehen genügen. Gut schweizerisch gehört er zu den ersten Vögeln, die am Morgen zu singen beginnen. Zurück aus seinen Überwinterungsgebieten am Mittelmeer, lässt er sich von März an im Schnitt eine Stunde vor Sonnenaufgang von einer hohen Warte, einem Dachfirst, einem Kamin oder der Spitze eines Blitzableiters vernehmen. Bricht die Nacht ein, verstummt sein eigentümliches Lied wieder.

Wie wenn es eine Anfangsnervosität überwinden müsste, presst das Männchen die ersten Töne durch den Schnabel, wird dabei immer lauter, lässt eine kurze Pause folgen und produziert darauf sein charakteristisches Kratzen und Scheuern, das mehr an das deutschschweizerische Chuchichäschtli als an wohlklingenden Vogelgesang erinnert, bevor die Strophe versöhnlich harmonisch-moduliert endet. Alfred Brehm, der berühmte deutsche Zoologe des 19. Jahrhunderts, umschrieb den Gesang des Hausrotschwanzes mit "krächzen", "schnarren" und "girlen". Andere Vogelkenner nannten ihn "ungeschliffen" und "naturwüchsig", ja es scheine, die Kehle des Hausrotschwanzes sei für sein Lied zu eng. Doch gerade dieser raue Gesang ist sowohl in den Bergen als auch in Siedlungen, in denen Hausrotschwänze gegen Hintergrundgeräusche ankämpfen müssen, über weite Distanzen gut zu hören.

Diese Durchsetzungskraft macht sich der Hausrotschwanz nicht nur im Frühling zunutze, wenn es Weibchen anzulocken und Reviere zu verteidigen gilt. Auch im Oktober singt der Hausrotschwanz, bevor er sich für ein halbes Jahr in wärmere Regionen begibt. Lange rätselte man, wieso sich der Hausrotschwanz im Herbst gebärdet, als ob es Frühling wäre. Vor ein paar Jahren lüftete der Zürcher Ornithologe Martin Weggler das Geheimnis. Wie es sich für einen Schweizer Charaktervogel geziemt, schaut der Hausrotschwanz voraus und plant seine Zukunft: Mit seinem herbstlichen Gesang steckt er nämlich bereits die Territorien für das kommende Frühjahr ab. Dann fliegt er wieder ein in die Schweiz, in das Land der echten und künstlichen Felsen.

Markus Hofmann ist Journalist bei Radio SRF und diplomierter Hobby-Ornithologe.

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69. Wo ist die Schweiz noch wild?

Im Bödmerenwald am Ende des Muotatals.

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70. Wer hatte die Idee, eine Autobahnraststätte nach Heidi zu benennen?

Die entrückte Poesie des Marketings hat sich hier gegen die amtliche Sachprosa der Ortsgeografie durchgesetzt – sonst hätten wir es wahrscheinlich mit Fläsch Süd oder Maienfeld West zu tun. Obwohl Johanna Spyri ihre beiden alpinen Bestseller noch im Eisenbahnzeitalter veröffentlichte, ist sie nicht ganz unbeteiligt an dieser Sehnsuchts-Nomenklatur für Eilige – natürlich with a little help from einigen Alpöhis, Marketingfriends und Tourismusmanagern. Tatsächlich sehnt sich ihr Heidi in Frankfurt nicht nur nach den Alpweiden, sondern auch nach dem Gegenstück der bürgerlichen société anonyme – Kaufmann Sesemann mag ein sympathischer Kerl sein, aber womit er sein Geld verdient, erfährt man nie so richtig. Heidi will rasch dahin zurück, wo die Verhältnisse überschaubar sind und wo man dem Alpöhi beim Melken zuschauen kann. Dieser Wunsch nach einem authentischen und einfachen Leben hat weltweit ein wachsendes Lese- und Filmpublikum in seinen Bann gezogen. Tatsächlich ist die Produktion des Nicht-Inszenierten, des Echten und Ursprünglichen, eine der großen Erfolgsgeschichten touristischer Inszenierung.

Das enge Band, das Spyri 1880 zwischen urbanem Kapital und alpinem Ferienpotenzial strickte, ist bis heute intakt: Erlebnis- ebenso wie Kur- und Wellness-Tourismus sind darin angelegt. Bis die Bezeichnung Heidiland systematisch touristisch besetzt und genutzt wird, dauert es allerdings fast ein Jahrhundert: 1978 kommt ein Engadiner Tourismusdirektor auf Promotionsreise in Japan auf die Idee, die asiatischen Gäste mit Heidis Hilfe in den Nobelkurort St. Moritz zu locken. Wiederum ein Jahrzehnt später erwirbt der gewiefte Mövenpick-Chef Ueli Prager den Namen Heidiland für die erste Autobahnraststätte in Graubünden – schließlich steht sie vor den Toren des Orts, an dem Spyri ihre Alpensaga ansiedelte –, und er lässt sie mit Turm, Geranien und viel Holz heimatlich ausstaffieren. Später findet der zugkräftige Name auch für die Ferienregion Sargans und Walensee Anwendung. Das im Turm an der Autobahn nachträglich eingebaute Heidispiel – zu jeder Stunde oder auf Münzeinwurf ruft Heidi vom Turm herab über den Parkplatz nach ihren Lieblingsgeißen, während Gitti und Erika ihren Evergreen Deine Welt sind die Berge schmettern – wird auf der Website der Raststätte heute bereits legendär genannt – untrügliches Zeichen dafür, dass auf der Autobahn Traditionen schneller reifen. Immerhin kommt dem Heidispiel das Verdienst zu, den vielen orientierungs- und heimatlosen Touristen aus aller Welt ein lang ersehntes zentrales Fotosujet geliefert zu haben – nicht zuletzt auch denjenigen, die wegen der Frankenstärke ihre Mahlzeit lieber im Reisecar auf dem Parkplatz einnehmen.

Waren Raststätten zunächst bloße Durchgangsorte, anonyme Schnittpunkte des modernen Unterwegsseins, so begann man in den 1980er-Jahren damit, sie zu regionalen Schaufenstern auszubauen: postmoderne Heimatmuseen für den raschen Konsum. Tatsächlich hat all die Mobilität und Beschleunigung zu einem Problem geführt, das sich an der Autobahn besonders drastisch zeigen musste: Wie bringt man all die rasenden Menschen dazu, überhaupt irgendwo anzuhalten?

So gesehen ist Heidiland bloß ein Name für das Kontrastprogramm, das den Reisenden heute allenthalben geboten wird: In möglichst kurzer Zeit sollen sie – und sei es nur einen Kaffee lang – Sesshaftigkeit, ortstypisches Dekor und Verwurzelung spüren, Instant-Langsamkeit im Schnellrestaurant. Was spielt es da für eine Rolle, dass sich die Alpen mit ihrer Geschichte von Abwanderung und Arbeitsmigration, Gütertransit und Passverkehr kaum dafür eigenen, den Gegensatz zur Mobilität zu verkörpern?

Pragers postmoderne Heimatmaschine an der Autobahn steht inzwischen unter neuer Führung. War sie einst Anlass, die Disneyfizierung der Alpen zu beklagen, so hat sich nach bald drei Jahrzehnten ein unverkrampft pragmatischer Alltag eingestellt: Die multikulturelle Belegschaft sorgt für eine professionelle Befriedigung der Gäste-Bedürfnisse, und während draußen das Heidispiel plärrt, unterhält man sich drinnen am Pausentisch auf Deutsch, Albanisch, Serbisch oder Portugiesisch über seine Alltagssorgen; und während andernorts an der Autobahn monumentale Schaubauernhöfe errichtet werden, hält vor dem kleinen Chalet des Heidiland-Geheges eine grüne Reklame-Kuh Zwiesprache mit einer echten, überfütterten Zwerggeiß.

Thomas Barfuss, Autor von "Graubünden und die Inszenierung der Alpen" (Hier und Jetzt)

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71. Wie sauber ist die Schweiz?

Die Schweiz ist stolz auf ihr Saubermann-Image. Aber schaut man genauer hin, ist die Schweiz so verschmutzt wie ihre Nachbarländer. Für unseren Swiss Litter Report haben wir auf einer durchschnittlichen Fluss- oder Seeuferfläche von 100 Quadratmeter während eines Jahres jeden Monat den Abfall gezählt. Was wir gefunden haben? 18 Zigarettenstummel, 5 Plastikteilchen jeweils zwischen 2,5 und 50 Zentimeter lang, 3 Chips- und Süssigkeiten-Verpackungen, 3 Plastikfolien oder industrielle Verpackungen, 2 Styroporstücke, 1 kleines Plastiksäckli, 1 Wattestäbchen, 1 Plastik einer Zigarettenverpackung, 1 Plastikdeckel einer Trinkflasche, 1 Schleckstengel-Stick und 10 weitere Abfallgegenstände. Obwohl der Güsel nach dem Zählen aufgeräumt wurde, lag bei der nächsten Zählung wieder neuer da. Das ist nicht nur unschön, sondern auch gefährlich. Zigarettenstummel können für Tiere tödlich sein, und Plastikabfälle wirken im Wasser toxisch.

Gabriele Kull ist Präsidentin des Vereins "Stop Plastic Pollution Switzerland"

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72. Warum wandern Schweizer so gerne?

Ja, heieiei, weil wir das schon immer tun und unser Ländli so schön ist! Sorry, die Antwort ist blöd. Auch Länder, in denen nicht gewandert wird, haben schöne Ecken. Zudem wandern wir Schweizer noch gar nicht so lange. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit empfanden wir das Gebirge als diabolisch. Söldner, Pilger, Handelsleute durchzogen es in Angst, Sagen von bösen Geistern kursierten. Beigebracht haben uns den Landschaftsgenuss per pedes ab dem 18. Jahrhundert Deutsche. Frühtouristen wie Goethe. Den Alpinismus wiederum führten die Engländer ein. Irgendwann kamen wir Schweizer selbst auf den Geschmack und verfügte auch das gemeine Volk über jene Freizeit, ohne die Abstecher in die Berge nicht möglich sind. Durch die Gründung des Bundesstaates 1848 wurde das Wandern patriotisch aufgeladen. Seither performen wir als Fußgänger den Zusammenschluss verschiedener Kulturen und Sprachen zu einem Land; wir tun es schon als Kinder mit der Schulreise. Warum wandern wir Schweizer so viel? Darum! Und weil der Fahrplan von SBB und Postauto dicht ist und das Land wundervoll klein, sodass wir es am Abend wieder nach Hause schaffen. Wandern ist eine komplexe Sache: ein Amalgam aus Körperfreude, Freundschaft, Blüemlispaß und Aussichtsbolzerei. Ein berechenbares, genau getimtes nationales Abenteuer.

Thomas Widmer, Reporter und Wanderkolumnist bei der "Schweizer Familie"

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73. Wie spricht man in der Schweiz?

Man spricht deutsch, zumindest 63 Prozent aller Einwohner in der Schweiz, und auch die klingen völlig unterschiedlich, wänns s’Muul uufmachäd (im schlimmsten Fall Zürichdeutsch). La plupart des 23 pour cent des Suisses romands ne comprennent pas le Schwiizertüütsch. Alors, on parle français (au moins un peu). Die Tessiner haben es da etwas einfacher, perché i Svizzeri italiani (solo 8 percento) capiscono bene il tedesco. Wieso? Weil ihnen nichts anderes übrigbleibt, wenn sie auf der anderen Seite des Gotthards gehört werden wollen. Të raftë rrufeja mu në hale! And if everything gets too complicated, we just speak Englisch with each other. Buna Notg!

Aline Wanner, Redakteurin der ZEIT Schweiz

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74. Welches ist der schönste Berg der Schweiz?

Die Sulzfluh im Kanton Graubünden. Weil es ganz viele verschiedene Wege gibt, um diesen Berg zu besteigen: zu Fuß auf Wanderwegen, via Klettersteig und auf verschiedenen Mehrseil-längen-Touren. Im Winter ist er einer der besten Skitourenberge. Jeder kann sich seine Art und Weise auswählen, wie er hochkommen will und wieder runter. Das finde ich extrem schön.

Nina Caprez, Kletterin

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75. Welches ist das beste Dorf der Schweiz?

Zürich, ganz klar! Weil die beste Gemeinde immer die ist, in der man gerade lebt, außer man ist Flüchtling. So lässt sich die Leibnizsche Theodizee auf die Lokalpolitik herunterbrechen.

Mike Müller, Schauspieler

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76. Wo findet man die imposanteste Landschaft?

Unvergesslich bleibt eine Überfahrt über den Vierwaldstättersee. Das Schiff verliert sich in den Armen des Sees, umkreist die dazwischenliegenden Bergmassive, und die scheinen sich dabei zu drehen wie in einem Reigen. Erhabenes Landschaftstheater!

Anette Freytag, Professorin für Landschaftsarchitektur an der Rutgers University, New Jersey

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77. Welches ist die hässlichste Stadt?

Eindeutig das Tal des Scairolo zwischen der Collina d’Oro und dem Monte San Salvatore. Ein Talboden wurde mit allen Scheußlichkeiten aus dem Werkzeugkasten der Billigmoderne gefüllt: Shoppingcenter, Blechhallen, Tankstellen, alles wie Bauklötzli aus einem Sack über das Tal geschüttet. Das ist die heutige Stadt, ihr Name ist Agglomeration.

Benedikt Loderer, Stadtwanderer

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78. Welches ist der gefährlichste Ort?

Basel – die Stadt verzeichnet am meisten Anzeigen wegen Gewaltdelikten. Warum das so ist? Ein Aspekt ist die Bevölkerungsdichte, die hier deutlich höher ist als in Zürich oder in Bern. Zudem wird im Fall der Stadt Basel nur der innerste Kern der Agglomeration ausgewiesen. Am Ende sind das aber alles nur Statistiken – und das nützt keinem Opfer etwas.

Baschi Dürr, Sicherheitsdirektor von Basel-Stadt

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79. Welches ist der schönste See?

Der schönste aller Schweizer Seen ist – natürlich – der Thunersee. Frühmorgens im Sommer kann man durch den Laubengang im Park von Schloss Oberhofen hinausschauen – zwischen den Blättern glitzert das geheimnisvollste Licht auf dem Wasserspiegel, dahinter die Gipfel, so nah, so übersät mit eisblauen Schneekristallen! Diese Stimmung hat meine Großmutter als Kind oft erlebt. Nur um später ihren 27 Enkeln einzuschärfen: Der schönste aller Schweizer Seen ist der Thunersee.

Anna von Münchhausen, Autorin und emeritierte Textchefin der ZEIT

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80. Wo ist es in der Schweiz am hellsten?

Die Schweiz ist dort am hellsten, wo die Sonne am längsten scheint. Das tut sie dort, wo es am trockensten ist, nämlich am Ostufer und am Osthang der Mattervispa im Oberwallis. Das enge Tal produziert aber späte Sonnenauf- und frühe Sonnenuntergänge, sodass sich für die maximale Helligkeit die Täschhütte des Schweizer Alpenclubs anböte. Was hinzukommt: Sie sehen von dort das Matter- und das noch schönere Weißhorn.

Jörg Kachelmann, Wetterexperte und Unternehmer

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81. Wo ist die Schweizer Nacht am dunkelsten?

Wer viele Sterne sehen will, muss raus aus den hellen Städten und kraxelt am besten aufs Schwarzhorn bei Obersaxen oder auf eine Bergflanke im Unterengadin. Nachtdunkelheit, also Orte, wo die Lichtemissionen ein Achtel des Vollmondlichts nicht übersteigen, findet man auch schon in den Voralpen: auf den Churfisten, im Alpstein, im Napf oder im Gantrisch.

Lukas Schuler, Präsident Dark-Sky Switzerland

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82. Wo ist das Meer der Schweiz am nächsten?

Die Illusion: an einem nebligen Herbstmorgen bei der Schiffsanlegestelle am Zürichhorn, wo schweigsame Männer auf dem Steg stehen und angeln, wie sie überall auf der Welt angeln, ihre Silhouetten im Grau verschwimmen und man sich an einer Meerespromenade wähnt (dasselbe gilt natürlich auch für andere Seen, den Bodensee etwa, der ja mit Nebel gesegnet ist).

Die Geistesleistung: auf dem Pass Lunghin, wo sich auf 2645 Meter über dem Meer die Welten scheiden, wo ein Wässerchen als Rhein in den Atlantik fließen wird, eines als Po ins Mittelmeer und das dritte als Donau ins Schwarze Meer. Ein Wassertropfen ist hier, und irgendwann ist er da, und alles ist eins.

Das Versprechen: an der Autobahnraststätte Coldrerio bei Chiasso – wenn die Landschaft plötzlich flach und weit wird und das Licht des Südens weiß und glimmend. Dann gilt: Noch 192 Kilometer bis Genua!

Die Realität: auf einem Kahn der maladen Schweizer Hochseeflotte (immer noch 30 Schiffe) mit schönen Namen wie Trudy, Diavolezza oder Turicum, irgendwo im Indischen oder einem anderen Ozean, die vertraute rot-weiße Flagge flatternd im Wind.

Zora del Buono, Schriftstellerin und Mitbegründerin der Zeitschrift "Mare"

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83. Wer verteidigt die Schweiz im Ernstfall?

Der namenlose Soldat oder keiner. Ursprünglich wollte ich ein paar Hobby-Paramilitärs aufnehmen. Die wollten aber nicht mitmachen, denn bald stimmen wir über ein neues Waffenrecht ab.

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84. Wann schmilzt der letzte Gletscher?

Was sehen wir, wenn wir auf die eisverkrusteten Alpenkämme blicken, auf die mächtige Zunge des Aletschgletschers? Einen verlorenen Schatz. Die Schweizer Gletscher sind nicht mehr zu retten, sagen Klimaforscher und Glaziologen. Selbst wenn sich die Klimaerwärmung auf das erklärte Zwei-Grad-Ziel begrenzen ließe, die Menschheit die CO₂-Emissionen sofort auf null herunterführe: Für die meisten Gletscher der Alpen ist das zu spät. Derzeit rechnen die Forscher mit einem Rückgang von 80 Prozent des Eisvolumens bis zum Jahr 2100 – sofern die Ziele der Pariser UN-Klimakonferenz erreicht werden. Große Gletscher könnten teilweise gerettet werden.

Eisfreie Alpen, wie unvorstellbar das klingt. Doch genauso ungläubig blickt man auf Fotografien aus dem 19. Jahrhundert, als die Eismassen der Alpen weit in die Täler ragten. Der Rhonegletscher reichte um 1855 bis an die Pforte des Hotels Glacier du Rhône in Gletsch. Heute sieht man von der dortigen Talebene aus kein Eis mehr. Stattdessen liegen im Sommer weiße Vliesdecken auf den Ausläufern des Gletschers, um eine darunterliegende Eisgrotte zu kühlen. Es ist ein verzweifelter, fast erbärmlicher Versuch, etwas unwiederbringlich Verlorenes zu retten.

Mehr als die Hälfte ihrer Fläche haben die Gletscher seit ihrer letztmals größten Ausdehnung um 1850 verloren. Von den 2150 Gletschern, die vor 50 Jahren in der Schweiz gezählt wurden, sind 750 weggeschmolzen. Im Hitzesommer 2018 schmolzen sie wieder um 2,5 Prozent, 1400 Millionen Kubikmeter Eis wurden zu Wasser. Der 900 Meter dicke Aletschgletscher verliert an einem einzigen Hitzetag bis zu 20 Zentimeter an Höhe. Jedes Jahr sinkt er um bis zu zwölf Meter. Klimawandel live.

Mit den Gletschern verschwindet nicht nur das gewohnte, erhabene, ästhetische Gesicht der Alpen, sondern ein wichtiger Wasserspeicher. Womöglich liegen dort, wo einst das Eis ruhte, bald künstliche Speicherseen, um die Wasserversorgung zu sichern. Anstatt auf das ewige Eis schauen die Touristen dann auf Betonwände.

Adrian Meyer, Reporter

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85. Wer ist der böseste Schweizer?

Arnim Zola, Biochemiker, Antiheld aus den Marvel-Comics. Geboren auf dem Weißhorn im Wallis, züchtet er für die Nazis Übermenschen und rettet Adolf Hitlers Hirn aus dem Führerbunker. "Being Swiss puts Zola in a situation that highlights his choices as amoral and egocentric", sagt der Comicforscher Randy Duncan. Böser geht es nicht.

Matthias Daum, Büroleiter ZEIT Schweiz

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86. Wo sind die Schweizer am lustigsten?

Im Eisenbahnwagen, nach einer geselligen, aber regnerischen Wanderung.

Emil Steinberger, Kabarettist

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87. Wer ist der wichtigste Schriftsteller der Schweiz?

Thomas Hürlimann, sagt unsere Autorin Margrit Sprecher. Weil er Geist statt Zeitgeist liefert.

Lesen Sie das große Porträt über Thomas Hürlimann hier.

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88. Wie füllt man als Volksmusiker das Hallenstadion?

Das frage ich mich auch. Mein Bubentraum war es, einmal die Mühle Hunziken zu füllen. 640 Zuschauer, wow! Und jetzt sind es 13.000, und ich bin nach Gölä, DJ Bobo und Krokus der vierte Schweizer, der das Hallenstadion füllt.

Ein Grund für meinen Erfolg sehe ich in der Ablehnung, die ich im Kulturkuchen erfahre. Meine Musik gilt als uncool, wird im Radio kaum gespielt – und deshalb den Leuten nicht ständig um die Ohren gehauen. Vielleicht geben sie darum gerne Geld für Trauffer aus. Hochstudierte Leute, Großmütter, Teenager und Büezer, die alle einmal den Grind lüften wollen.

Ich bin kein Gesellschaftskritiker, meine Musik ist kein Selbstfindungstrip, ich behaupte nicht einmal, ein Künstler zu sein. Ich bin ein Unterhalter, ich biete meinem Publikum eine Pause von ihren verdammten Leben – und ich verbreite Freude!

Marc Trauffer, Musiker und Holztierli-Fabrikant

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89. Welches ist das erfolgreichste Schweizer Lied aller Zeiten?

079 der Berner Mundartrapper Lo&Leduc.

Quelle: Schweizer Single Hitparade

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90. Welches ist der erfolgreichste Schweizer Film?

Die Schweizermacher von Rolf Lyssy.

Quelle: Bundesamt für Statistik

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91. Was würde eine Schweizerin nie tun?

Sich auf eine Sache festzulegen ist gar nicht so einfach – da sich die Schweizer Identität ja nur ex negativo greifen lässt. Was uns verbindet, ist nicht eine spezifische Eigenschaft, sondern das kollektive Nichttun von Dingen. Wir protzen nicht mit Zweithäusern im Engadin, wir werfen Batterien nicht in den normalen Abfall, und wir zweifeln aus Prinzip nicht am "Sonderfall Schweiz".

Aber, wenn es etwas gibt, was eine Schweizerin wirklich niemals tun würde, dann ist es: absichtlich auffallen. Selbst wenn sie gerne in goldenen High Heels herumlaufen würde und Niki de Saint Phalle aufregender findet als Doris Leuthard – sie würde dennoch alles tun, um nicht aus der Reihe zu tanzen. Schließlich ist hier nichts so verpönt wie Pomp und Pathos. Wir sind das Volk der Goretex-Jacken und der SBB-Ruheabteile. Exzentrik ist was für die anderen.

Nina Kunz, Kolumnistin beim "Magazin" des "Tages-Anzeigers"

Lesen Sie im ZEITmagazin die Titelgeschichte über das junge Lebensgefühl in der Stadt Zürich.

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92. Welche Antworten suchen die Schweizer im Internet?

1. Was koche ich heute?
2. dsds wer ist raus?
3. Wann ist Vollmond?
4. Was ist Schmand?
5. Was ist Liebe?
6. Wie spät ist es?
7. Ab wann hat man Fieber?
8. Comment perdre du poids?
9. Wann ist Halloween?
10. Wie viele Kantone hat die Schweiz?

Meistgesuchte Fragen in der Schweiz in den vergangenen zehn Jahren; Quelle: Google News Lab / Google Trend

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93. Woher kommt die Liebe der Schweizer zur Eisenbahn?

Nicht nur die Schweizer sind vernarrt in ihre Eisenbahn, Menschen anderswo sind es auch. König Carl XVI. Gustaf von Schweden zum Beispiel – aber dazu später.

In der Schweiz gehört die Eisenbahn zur Bilderbuchlandschaft, seit sie 1871 begonnen hat, mit Zahnstangen die Berge zu erklimmen. Wo der Föderalismus regiert und vier Sprachen zu Hause sind, eigenen sich weder einheitlich gestaltete Polizeiautos noch Fernsehmoderatoren als Integrationsobjekte. Ihre Volksverbundenheit schöpft die Eisenbahn daraus, dass sie sich immer wieder zu erneuern und ins Bewusstsein der Menschen zu rücken vermochte.

Da waren die ersten Alpendurchstiche. Sie sorgten dafür, dass die Kernkompetenz des Landes auf der Wasserscheide Europas – eine Klammer zwischen Nord und Süd zu sein – auch in der mechanisierten Welt Bestand hatte.

Da war die durch den Kohlemangel im Ersten Weltkrieg beschleunigte Elektrifizierung. Erst war sie Ausdruck der schweizerischen Innovationskraft, später der geistigen Landesverteidigung.

Da war der Taktfahrplan, der die Bahn zum Tram machte.

Und da ist die zweite Generation von Alpentunnels, durch welche die Eidgenossenschaft ihre ingeniöse Kompetenz und Präzision bekräftigte.

Doch zurück zum schwedischen König. In jungen Jahren spielte er, wie so manches Kind, mit dem Modell einer schweizerischen Krokodil-Lokomotive. Deshalb sollte vor drei Jahren eine große Kroki-Loki am 150-Jahr-Jubiläum der schwedischen Bahnen teilnehmen. Die lange Fahrt wurde zum Debakel und endete auf dem Rückweg in einer Werkstätte der Deutschen Bahn. Über die Jahre war das Wissen erodiert, welcher Pflege die Lokomotive bedarf, damit sie, die wie keine zweite die schweizerische Eisenbahntradition repräsentiert, ihre Anmut und Kraft entfalten kann. Wenn das nur kein schlechtes Omen ist.

Paul Schneeberger, Historiker und Autor des Buchs "Ein Plan für die Bahn" (NZZ Libro, 2018)

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94. Was suchen die Schweizer in der Liebe?

In erster Linie Ehrlichkeit, Treue und Zuverlässigkeit, das sagen unsere Studien. Und auch wenn Schweizer nicht gerade als Weltmeister in Sachen Humor gelten: Wer ihn hat und kultiviert, hat die besten Chancen in der Liebe. Karriere, Status und Geld werden hingegen kaum als relevant erachtet.

Barbara Beckenbauer, Psychologin bei der Online-Partnervermittlung Parship

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95. Was suchen die Schweizer im Bett?

Schweizer suchen anhaltende Magie! Doch finden sie oftmals die Erfüllung nicht. Denn um im Bett Magie zu erleben, muss man bereit sein, ganz viel von sich zu zeigen, zu investieren und zu lernen.

Daniela Schiftan, Sexual- und Psychotherapeutin

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96. Was ist das Lieblingstier der Schweizer?

Natürlich mein Hund Gusti.

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97. Woher kommt die Schweizer Liebe zum Jazz?

Lesen Sie hier die Antwort von Ulrich Stock, bei der ZEIT zuständig für Jazz.

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98. Wie wird man zur schnellsten Frau der Schweiz?

Das Wichtigste sind die Gene. Danke, Mami und Papi! Das gilt vor allem für den Sprint. Als ich ein Kind war, wurde ich einfach immer größer und gleichzeitig auch schneller. Aber irgendwann hört das natürlich auf. Dann braucht man ein gutes Umfeld: einen guten Trainer, einen Physio, Ärzte und ein Management. Dass ich weitermache und auf Sprint setze, hat sich entschieden, als ich 15, 16 war. Meine Trainingsgruppe im Verein wurde immer kleiner, irgendwann habe ich alleine trainiert. Und gemerkt: Ich könnte auch an einem internationalen Wettkampf teilnehmen.

Aber ich hatte nie das Ziel, die schnellste Frau der Schweiz zu werden oder eine bestimmte Zeit zu laufen. Die Trainer haben mein Potenzial schon gesehen, aber es hat nie einer gesagt: Du bist jetzt ein Supertalent. Mir hat vor allem das Training immer Freude gemacht. Es klingt irgendwie nach einem Klischee, aber wenn mich Kinder fragen, wie man so schnell wird, sage ich immer: "Mit Freude." Das Training ist schon hart manchmal, vor allem wenn du müde bist, es draußen kalt ist und regnet. Und um besser zu werden, musst du an die Grenze gehen, manchmal wird dir schlecht, du musst dich übergeben. Ich denke dann an die Wettkämpfe: Es fägt halt mehr, wenn du in den Halbfinal kommst oder in den Final, als wenn du in der Vorrunde ausscheidest.

Ich mag den Wettbewerb, ich mag es, wenn es zählt, so schnell zu rennen, wie ich kann. Glück braucht es auch, zum Teil war das auf meiner Seite, zum Teil nicht. Hier in Bern finde ich keinen Profitrainer, ich muss ins Ausland, um die perfekten Bedingungen zu haben. Dafür habe ich hier meine Familie, meine Eltern, meine drei Schwestern, wir sind sehr eng. Sie sind da, wenn ich sie brauche, das hilft mir. Und meine Tante reist mit an alle Großanlässe.

2014 bin ich 11,20 gelaufen über 100 Meter. Ich konnte mir vorher gar nicht vorstellen, dass das möglich ist. Da habe ich gemerkt, ah, ich könnte vielleicht einmal unter 11 Sekunden laufen. In diesem Jahr habe ich es geschafft.

Mujinga Kambundji, Leichtathletin. Sie hält den Schweizer Rekord im Sprint über 100 Meter.

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99. Was ist die Philosophie der Schweiz?

Die Philosophie der Schweiz? Vielleicht die Heimlifeißheit: Unser Land mimt nicht den Prahlhans, es bekundet Mühe mit der Elite, es liebt das Mittelmaß. Doch die Schweiz schafft auch gehörig vor sich hin und ist, wenn’s drauf ankommt, vorne mit dabei. Heimlifeiß zu sein ist ambivalent, und das gilt auch für die Schweiz: Sie muss nicht dauernd angeben – und macht sich heimlich doch auf die Socken. Weniger schön ist ihre Geheimniskrämerei, auf der die Feißheit auch beruht. Mehr Transparenz würde das Feiße schöner glänzen lassen.

Barbara Bleisch, Philosophin, moderiert die Sendung "Sternstunden" im SRF

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100. Wer hat in der Schweiz das letzte Wort?

Verkäuferin: Was darf es für Sie sein?
Kundin: Ein Weggli, bitte.
Verkäuferin: Sehr gerne! (holt es aus dem Regal, packt es ein) Sonst noch etwas?
Kundin: Nein, danke!
Verkäuferin: Macht 1,20, bitteschön.
Kundin: (überreicht das Geld)
Verkäuferin: Danke vielmal, merci.
Kundin: Ade, merci!
Verkäuferin: Uf Wiederluege, danke! Und ganz es schöns Tägli.
Kundin: Danke! Gleichfalls.
Verkäuferin: Merci, danke, merci!

Erlauscht in der Zürcher Bäckerei Gnädinger

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