Das vegane Gleitgel aus Kanada hängt noch beim Zoll fest, das findet sie aber nicht dramatisch, dafür verkaufen sich die Analplugs ziemlich gut. Die Vibratoren sowieso und das Bondage-Tape: Okay, zugegeben, damit hätte sie nicht gerechnet. Und man denkt natürlich sofort, alles toll, aber für den Versicherungsmakler in Bahrenfeld oder die Finanzbeamtin aus Öjendorf ist das hier doch bitte gar nichts. Zwei Stunden, ein paar Beobachtungen und viele Gespräche später wird man denken: Gerade für den Versicherungsmakler oder die Finanzbeamtin ist das hier was, könnte das jedenfalls was sein, unbedingt!

Aber wie erreicht man, dass die auch herkommen? Weil die, die jetzt schon kommen, nicht reichen, das ist klar.

Rosa Schilling, erstes Seufzen, sagt, am liebsten hätten sie direkt in der Mönckebergstraße eröffnet, gegenüber von Karstadt. Da, wo der Mainstream shoppt, der bestimmt erst mal irritiert gewesen und nicht reingekommen wäre, aber irgendwann vielleicht ja doch. Hier im Gängeviertel sitzen sie, nun, man will nicht sagen: in der Falle, aber in einer Blase schon. Eingebettet in ein sowieso alternatives Umfeld, das den Sex, wie ihn Rosa und ihre Leute verkaufen, mutmaßlich gut findet, vielleicht sogar selbst hat.

Dieser Sex ist: experimentierfreudiger, spielerischer, gar nicht unbedingt krasser, aber offener, weil man macht, was man will, aber bitte auch immer will, was man macht. In beider- oder dreier- oder wievielseitigem Einverständnis auch immer, wild, lustvoll, vielleicht sogar lustig.

Problem Blase? Schilling, zweites Seufzen, sagt, die Gefahr sei da, aber es werde besser. Weil sich der Sexshop wenigstens der Caffamacherreihe entgegenstrecke, den Büros, diesem gestressten, total normalen Hamburg-City-Publikum, das gar nicht gängevierteltypisch ist. Auf der anderen Straßenseite liegt, amüsante, aber auch ein bisschen plumpe Volte, Baby-Walz. Mittlerweile kämen sogar mal Anzugträger nach Feierabend, sagt Schilling, die wollen noch schnell Kondome kaufen, aber nicht mehr bei Budni rein.

Fuck Yeah, so heißt der Sexshop, den Schilling zusammen mit drei Mitstreitern im Juli aufgemacht hat. Ein feministischer Sexshop, wir klären gleich, was das heißt, ein Sex-positiver Shop, auch das klären wir, aber vor allem anderen ein Sexshop, der bricht mit dem ewigen Kiez-Image, dessen sich diese Stadt immer noch befleißigt, weil es sich verkauft. Ist nicht alles schlecht auf der Meile, aber so richtig gut eben auch nicht. Schilling weiß das aus erster Hand, sie jobbt in der Boutique Bizarre. Das sei der Apple-Store der Sexshops, sagt sie, also einer der besseren Läden, aber so manches, was die Boutique anbietet, käme Fuck Yeah auf keinen Fall in die Regale. Hardcore-Pornos zum Beispiel.

Damit ist man mitten in der Definitionsdebatte. Sex-positiv ist ein Begriff, der in den feministischen Flügelkämpfen der Siebzigerjahre geprägt wurde, den sex wars, so heftig ging es damals zu. In der Ablehnung des Hardcore-Pornos waren sich die Feministinnen einig, in der Konsequenz nicht. Die einen verdammten jede Variante von Porno, andere wollten ihn nicht grundsätzlich verbieten, nur neu erfinden. Positiver, konsensuell.

Klassikerfrage, die Schilling deshalb oft gestellt wird: Macht ihr einen Sexshop für Frauen? Nein, verdammt, ruft sie, das ist ein Sexshop für alle, weil Feminismus ja auch nicht nur für Frauen ist, sondern für alle.