Als die Komikerin und Autorin Sophie Passmann in einem Text über den Osten lästerte, ärgerte sich ZEIT-Redakteurin Valerie Schönian darüber. Und bat sie um ein Gespräch: Über Arroganz, Heimatliebe und eine Generation, die weniger vereint ist, als sie selbst oft glaubt.

Vor einigen Wochen musste Sophie Passmann, 24, eine Nacht in Thüringen verbringen – und machte sich danach öffentlich über ihre Erlebnisse in der Ost-Provinz lustig. ZEIT-Redakteurin Valerie Schönian, 28, in Sachsen-Anhalt geboren und eigentlich Passmann-Fan, war darüber so irritiert, dass sie Kontakt zu ihr aufnahm. Wenig später sitzen beide in einem Kölner Café unweit von Sophie Passmanns Wohnung – und diskutieren.

Valerie Schönian: Sophie, weißt du, warum ich wollte, dass wir uns treffen?

Sophie Passmann: Nein!

Valerie: Weil ich mich über einen Artikel von dir geärgert habe. Als Anfang des Jahres ein Sturmtief über Deutschland zog, bist du mit dem Zug in Eisenach gestrandet.

Sophie: Ach, dieser Text.

Valerie: Du hast danach eine Kolumne geschrieben, in der du dich über Eisenach und den ganzen Osten lustig machst: "Wütend, ängstlich, passiv-aggressiv und fleißig" seien die Leute, du schreibst von "chinesischen Imbissen und Trostlosigkeit", von "viel Nagelstudio, wenig Infrastruktur". Was für ein furchtbares Klischee!

Sophie: Die Stadt war eben auch ein Klischee. Ich war vorher noch nie bewusst im Osten gewesen, außer vielleicht mal kurz in Leipzig und Erfurt. Eine Stadt wie Eisenach kannte ich nicht. Ich hätte mir so gewünscht, dass der Osten mich überrascht. Aber dann war alles so, wie ich es erwartet hatte: heruntergekommene Läden, schmierige Dönerbuden, Franchise-Ketten. Es gab nicht ein Hotel, in dem ich gern geblieben wäre. Mein erster Gedanke war eben wirklich: Was für eine Pointe. Alle landen in einer richtigen Stadt, du landest in Eisenach. Das habe ich sofort getwittert.

Valerie: Um dich über Eisenach lustig zu machen.

Sophie: Eigentlich habe ich mich über ein Gefühl lustig gemacht, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es habe: mein eigenes Wessi-Gefühl. Ich habe in Eisenach zum ersten Mal gemerkt, dass ich eine eigene westdeutsche Arroganz besitze. Dass ich mich als Wessi fühle, hätte ich nie gedacht. Um mich als das Andere zu empfinden, musste ich erst mal in den Osten.

Valerie: Siehst du: So etwas habe ich auch erlebt, ganz ähnlich. Ich bin in einem wiedervereinigten Deutschland aufgewachsen, ohne Ost und West. Erst als ich länger im Westen lebte, fühlte ich mich zum ersten Mal als Ossi.

Sophie: Wieso?

Valerie: Weil ich eine westdeutsche Arroganz zu spüren bekam. Als 2014 Pegida erstmals durch Dresden lief, lebte ich in München. Und auf einmal sagten mir meine Freunde: Das sei typisch Osten. Die sahen in Pegida nicht Demonstrierende oder Wütende, sondern zuerst Ostdeutsche. In mir hatten sie keine Ostdeutsche gesehen, weil ich nicht wütend war und nicht sächselte. Aber ich fühlte mich trotzdem mit kritisiert.

Sophie: Man kann nicht leugnen, dass es im Osten rechtsextremes Gedankengut gibt. Klar, das ist überall in Deutschland ein Problem. Aber dieser arrogante Blick einiger Westdeutscher rührt daher, dass die größten Ausschreitungen der vergangenen Jahre in Ostdeutschland stattfanden, zuletzt in Chemnitz. Einfach alles daran war erschreckend.

Valerie: Das stimmt, und darüber muss man reden. Es bringt aber auch nichts, alle Chemnitzer in einen Topf zu werfen: rechtsextrem.

Sophie: Ich halte es für verschwendete Energie, ständig zu betonen, dass nicht alle Chemnitzer Nazis sind – natürlich sind sie das nicht. Aber ja, ich finde die viele Häme gegenüber Ostdeutschen auch unangebracht. Die Ausschreitungen in Chemnitz waren so ernst, dass wir Tacheles reden müssen und uns nicht auf dummen Ossi-Witzen ausruhen können. Wobei ich zugeben muss, dass ich davor ja auch nicht gefeit bin.

Valerie: Woran merkst du das?

Sophie: Wenn ich einen ostdeutschen Dialekt höre – ganz ehrlich –, habe ich sofort ein Klischee im Kopf. Ich weiß, dass das völliger Quatsch ist. Aber so wurde ich von der Gesellschaft geprägt.

Valerie: Die Vorurteile gibt es auf beiden Seiten. Ich habe auch klischeehafte Zuschreibungen gegenüber Westdeutschen im Kopf, wenn ich merke, dass jemand sich nicht für den Osten interessiert, aber über ihn urteilt. Das macht mich wütend. Gab es eigentlich Protest gegen deinen Text über Eisenach?

Sophie: Nö. Bei den Leuten kam vor allem die Information an: Der Osten ist ein bisschen trostlos. Und es ist schlecht, da gestrandet zu sein.

Valerie: Krass.

Sophie: Stört dich das?

Valerie: Es macht mich, ehrlich gesagt, ein bisschen fassungslos. Keiner hat das Bedürfnis zu widersprechen? Das ist doch ernüchternd.