DIE ZEIT: Der Hamburger Senat will Hamburgs Plätze schöner machen und dafür rund 17 Millionen Euro investieren. Sie alle haben sich in den vergangenen Jahren mit prominenten Hamburger Plätzen und Freiräumen beschäftigt. Finden Sie das Programm überzeugend?

Karin Loosen: Grundsätzlich schon. Je dichter die Stadt bebaut wird, desto mehr müssen wir auf die Qualität des öffentlichen Raumes achten.

Thomas Tradowsky: Wir können es uns nicht mehr leisten, den urbanen Raum nur noch als Verkehrsachsen zu nutzen. Das ist Lebensraum. Es ist eigentlich unglaublich, wie wenig über Plätze nachgedacht wird angesichts ihres Wertes. Überlegen Sie sich mal, wenn Sie mitten in der Stadt den Gerhart-Hauptmann-Platz bebauen würden, wie immens viel Geld man einnehmen könnte bei den Quadratmeterpreisen. Das tut man aber nicht, aus gutem Grund. Erst wenn wir uns klarmachen, wie luxuriös so ein Platz eigentlich ist, können wir ihm eine Wertschätzung zuteilwerden lassen. Leider macht Hamburg das nicht.

ZEIT: Uns interessiert die Frage: Wie entsteht ein guter Platz? Der von Ihnen erwähnte Gerhart-Hauptmann-Platz an der Mönckebergstraße ist ein gutes Beispiel. Gestalterisch sind die Wellen aus Pflasterstein, 1973 von WES und Partner entworfen, inzwischen denkmalgeschützt. Trotzdem funktioniert der Platz im Alltag wenig, dort sitzen fast nie Menschen. Woran liegt das?

Tradowsky: Da wohnt kaum jemand, da passiert nach Geschäftsschluss nichts mehr.

Loosen: Und es fehlt die Erdgeschossnutzung, die den Platz beleben könnte. Auf den Plätzen in der Provence oder in Italien liegen am Rand immer die Cafés, der Platz wird zur Bühne, die Cafébesucher sind die Zuschauer, dann passiert etwas auf dem Platz – auch wenn er eigentlich ein Durchgangsraum ist.

ZEIT: An dem Platz liegt das Thalia Theater. Die Theaterbesucher drängen sich vor und nach den Vorstellungen auf dem winzigen Bürgersteig vor dem Eingang, der Platz bleibt ungenutzt, obwohl er nur 30 Meter entfernt ist. Warum?

© Jakob Börner für DIE ZEIT

Tradowsky: Wir haben dieses Phänomen überall in der Innenstadt. Nehmen Sie als Beispiel den Gertrudenkirchhof, nur wenige Meter entfernt. Den haben wir gestaltet – auch dort haben wir das Problem mit der Bevölkerung: Zwischen der Alster und dort wohnt einfach kein Mensch, da gibt es nur Geschäfte und Dinge, die ein normaler Bürger langweilig findet, wer will schon zu irgendeiner Versicherung gehen? Am Ballindamm will man jetzt eine Promenade bauen. Ich glaube, wir wären sehr viel besser bedient, wenn wir Wohnungen in die Innenstadt bauen würden.

ZEIT: Das klingt jetzt fast so, als sei es gestalterisch gar nicht möglich, einen schönen Platz in der Innenstadt zu gestalten.

André Poitiers: Planer scheitern heute, wenn sie rein architektonische Entwürfe machen. Der Platz ist ja nur ein Spiegelbild der Gesellschaft, die in einer Stadt lebt. Die Innenstadt hat sich gewandelt, deswegen kann ein Konzept von 1973 dort nicht mehr funktionieren. Damals war der Platz eine Attraktion, um Leute in die öde City zu locken. Heute muss man sich fragen: Was soll der Platz leisten? Am Anfang muss man die Bürger als Nutzer befragen, und zwar nicht, weil das Vorschrift ist, sondern weil der Platz nur funktionieren wird, wenn die Antworten der Bürger die Basis für die Planung sind.

Ingrid Spengler: Die Bürgerbeteiligung ist zentral, da sind wir uns einig. Leider wird der öffentliche Raum noch viel zu wenig in seiner Gesamtheit gesehen. Gute Plätze sind nicht einfach leer gelassene Flächen in der Stadt oder Straßenkreuzungen, sondern Teil eines guten Städtebaus. Wie die bauliche Fassung und Qualität der Ränder aussieht, wie die Erdgeschosse genutzt werden, ob der Platz frequentiert und besonnt ist, das sind die zentralen Fragen für die Planung eines guten Stadtraumes.

Tradowsky: Dafür ist auch der Gertrudenkirchhof ein Beispiel. Wir haben lange dafür geworben, dass das dortige Umspannwerk an der südlichen Längsseite des Platzes in den leeren Bunker unter dem Platz verbannt wird, damit stattdessen dort Wohnungen und Restaurants entstehen könnten. Der Platz würde auch nach Geschäftsschluss belebt sein. Aber so groß wird in den Schaltstellen der Stadt selten gedacht. Und noch mal: Es liegt auch an der fehlenden Bevölkerung.