Echte Radikalität beruht vor allem auf einer inneren Haltung, einer mentalen Disposition, denen jedwede Resonanz ziemlich egal ist. Angesichts einer ermüdenden Provokationsfülle und zahlloser scheinempörter Gesten, die heutzutage allesamt mit ausgeklügeltem Emo-Management auf maximale Ego-Resonanz berechnet sind, muss man sich das ab und an wieder ins Gedächtnis rufen. Ein echter Radikaler hingegen setzt seine Wirkungslosigkeit erst einmal voraus, andernfalls wäre ja die Welt gar nicht so furchtbar, wie er annimmt.

Der österreichische Dramatiker Thomas Bernhard hat diese Art Radikalität zeitlebens zelebriert. Seine Wirkung war dennoch beträchtlich; sie brachte ihm auch Geld und Preise ein. Meine Preise, so heißt der 2009 erschienene Band aus dem Nachlass des 1989 Verstorbenen. Um 1980 hatte er das Manuskript erstellt, in dem er sein Leben anhand von Preisverleihungen Revue passieren lässt, dabei sich selbst radikal im Blick: "Ich bin geldgierig, ich bin charakterlos, ich bin selbst ein Schwein." Aber die Ablehnung der Auszeichnungen wäre fahrlässig: "Nehme ich nicht das Geld, wird es einer Niete in den Rachen geworfen, die nur Unheil anrichtet mit ihren Erzeugnissen und die Luft verpestet."

Diese binnenlogisch plausiblen Sätze liest jetzt Claus Peymann vor; und es ist großartig, dass dieser Theatermacher Meine Preise interpretiert. "Ich bin im Grunde eine Bernhard-Witwe mit typischen Witwenträumen", meinte der 81-Jährige einmal. Denn der Dramatiker war für Peymann die Schlüsselgestalt seines künstlerischen Lebens.

Nun erweist die Witwe des Toten, seit Jahrzehnten selbst eine phonstarke öffentliche Kunstfigur, dem noch einmal die Ehre. Das ist berührend, doch zeigt sich Peymann als ein frischer Bernhard-Interpret nach jahrzehntelangem Training: theatralisch angemessen, aber immer erstaunlich präzise. Sein gegerbter Rachen rasselt und rotiert, dennoch ist die Schärfe nie überdreht, sind hier die Bögen und Rhythmen gesetzt in perfektem Timing. Tempi und Betonungen durchkomponiert – "Wien", für beide die schicksalhafte Stadt, wird herrlich leicht gezogen gesprochen.

Die Texte sind Kunststücke zwischen autobiografischer Reflexion und literarischer Fiktion, vom Grillparzerpreis über den Österreichischen Staatspreis für Literatur bis zum Büchnerpreis, mit legendären Bernhard-Szenen. Beigegeben ist auch ein Bernhard-O-Ton, die freche vierminütige Dankrede zum Büchnerpreis von 1970, mit gleißenden Sätzen: "Wir unterhalten perverse Verhältnisse in der Politik, der Wirtschaft, den Wissenschaften, den Künsten und so fort."

Peymann zelebriert Bernhard, ohne sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, oft komisch, aber vor allem ihn ernst nehmend und ihn niemals zur Karikatur erniedrigend – das ist wohl die bewundernswerteste Leistung dieses Witwendienstes.

Claus Peymann liest "Meine Preise" von Thomas Bernhard. Roofmusic, Bochum 2018; 3 CDs, 201 Min., 20,– €