Zum 10. Geburtstag der Schweiz-Seiten der ZEIT schenken wir dem Land ein Psychogramm – erstellt aus den Antworten auf 100 Fragen an die Schweiz. Dieser Text ist Antwort auf Frage 13: Sind wir so gut, wie wir meinen?

DIE ZEIT: Frau Groeneveld, Sie sind mir ein bisschen unheimlich.

Sunnie J. Groeneveld: (lacht) Oh! Okay. Inwiefern denn?

ZEIT: Sie planen Ihr Leben wie eine Karriere. Auf Ihrem Schreibtisch steht ein gerahmtes Papier, auf dem Sie die Ziele festgehalten haben, die Sie zwischen 24 und 100 erreichen wollen.

Groeneveld: Keine Angst! Das ist kein Punkteprogramm, das ich abhaken muss, das ist ein Kompass, der mir die Richtung weist.

ZEIT: Die Feinplanung, konnte man lesen, liegt in Ihrer Pultschublade: ein Papier für jede Phase, in der Sie gerade sind. Was bringt das?

Groeneveld: Als ich nach meinem Wirtschaftsstudium in Yale ins Berufsleben eingestiegen bin, sah ich, wie andere Absolventen das Leben entscheiden lassen, was aus ihnen wird. Ich bin jemand, der lieber selber gestaltet, als dass er gestaltet wird.

ZEIT: Was ist der wichtigste Punkt auf Ihrem Papier?

Groeneveld: Dass ich eine Unternehmerin sein will, die nicht nur an den wirtschaftlichen Erfolg denkt, sondern werteorientiert handelt und die Schweiz voranbringt.

ZEIT: Aber kann man eine Karriere auf dem Reißbrett entwerfen?

© Federico Naef

Groeneveld: (denkt lange nach) Nur bedingt. Und das tue ich auch gar nicht. Ich glaube aber, über die Jahre kennt man sich und seine Stärken. Schon eine Weile führe ich Tagebuch. Ich halte fest, was in meiner Arbeit als Unternehmerin und Verwaltungsrätin funktioniert und was nicht geklappt hat. Zu reflektieren, was ich tue, gehört für mich zur Arbeit.

ZEIT: Wie kam es, dass Sie schon während der Kantonsschule den Entschluss fassten, die beste Matur machen zu wollen?

Groeneveld: Mein Ziel war es, in den USA zu studieren. Ich wusste, wenn ich nach Yale will, brauche ich ein Spitzenergebnis. Und mir war klar: You only have one shot.

ZEIT: Was fanden Sie in Yale, was Ihnen keine Schweizer Universität bieten konnte?

Groeneveld: Freiheit.

ZEIT: Das heißt?

Groeneveld: Die Freiheit, meinen Bildungsweg selber zu gestalten und mich mit dem zu befassen, was mich fasziniert und interessiert. Ich wollte Wirtschaft studieren, mir aber nicht von einer Schweizer Uni den ganzen Studiengang vorschreiben und mich in ein Korsett zwängen lassen.

ZEIT: Das Bologna-System will das so.

Groeneveld: In Yale hatte ich die Möglichkeit, mein Studium dort zu vertiefen, wo es mich hinzog: zur Umweltökonomie bei Professor William Nordhaus, der dieses Jahr mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Zur Geologie, weil ich Lust darauf hatte. Zur englischen und französischen Literatur, zum Film, zur politischen Philosophie. Der größte Vorteil der amerikanischen liberal arts education ist, dass Sie sich jede Vorlesung selber eingebrockt haben. Da können Sie nicht nach zwei Wochen kommen und sagen: " Scheißt mich an!" Sie können sich höchstens selber kritisieren und sagen: "Mist, falsch entschieden!"

ZEIT: Nicht alle, die ein Studium beginnen, können mit so viel Freiheit umgehen.

Groeneveld: Für einige Menschen ist eine klare Struktur sicher angenehmer. Aber früher oder später steht jeder an einem Punkt, an dem er sich fragen muss: Was will ich eigentlich?

"Wir lassen uns viele Chancen in der digitalen Welt entgehen"

ZEIT: Sie kamen vor sechs Jahren zurück aus den USA, gründeten eine Firma, wurden in Verwaltungsräte und Gremien berufen, die die Schweizer Wirtschaft in die digitale Zukunft führen wollen. Fühlen Sie sich hierzulande manchmal einsam mit Ihrem Ehrgeiz?

Groeneveld: Nein, aber ich würde mir wünschen, dass mehr Leute unternehmerisch tätig wären. Es würde einfach mehr Spaß machen! Mein Eindruck ist, in der Schweiz gibt es viele Leute mit guten Ideen. Viele verwenden aber viel zu viel Zeit darauf, die Idee vor sich hinzutragen, statt sie umzusetzen.

ZEIT: Warum ist das so?

Groeneveld: Die Gründe, man kann es auch Ausreden nennen, sind vielfältig: persönliche Situationen, zu wenig Geld, fehlender Mut. Aber auch die kulturelle Grundhaltung, die hier herrscht: Wenn ich von einer neuen Idee erzähle, höre ich oft: "Ja, aber: Hast du dir dies und jenes denn auch gut überlegt?" In den USA höre ich viel öfter: "Ja, warum nicht?" Oder: "Wäre doch cool!"

ZEIT: Diese schweizerische Zurückhaltung hat auch Vorteile: Wir überhasten nichts.

Groeneveld: Dass wir gut darin sind, Risiken zu minimieren, mag dazu beigetragen haben, dass unsere Versicherungsbranche weltweit führend ist. Die Kehrseite davon ist, dass wir keine großen unternehmerischen Wetten eingehen und risikobehaftete Ideen im Keim ersticken. So lassen wir uns viele Chancen in der digitalen Welt, die von Unsicherheit und hohem Tempo geprägt ist, entgehen. Das ist schade.

ZEIT: Was steht der Schweiz sonst noch im Wege?

Groeneveld: Unsere Fehlerkultur. Sehr lange hat die Präzisionstechnologie die Schweiz stark gemacht: Erfolgreich war, wem es gelang, Fehler um jeden Preis zu verhindern. In der digitalen Welt kommt man damit nicht schnell genug voran, da geht es darum, mit iterativen Versuchen ans Ziel zu kommen. Mit jedem Fehler kommt man dem Ziel etwas näher.

ZEIT: Was heißt das konkret?

Groeneveld: Wir müssten bereit sein, mehr auszuprobieren, Risiken einzugehen und uns viel stärker für Veränderung zu begeistern.

ZEIT: Was hat die Digitalisierung mit unserer Begeisterungsfähigkeit zu tun?

Groeneveld: Es gibt zwei Wege, etwas zu verändern: über pain, also den Leidensdruck, oder über die Begeisterung. Weil es in der wohlhabenden Schweiz nur wenig gibt, an dem man leiden kann, verändern sich die Dinge nur, wenn die Lust vorhanden ist, eine Idee zu verwirklichen. Wir brauchen also einen Kulturwandel hin zu mehr Begeisterungsfähigkeit.

ZEIT: Das wäre ein radikaler Wandel.

Groeneveld: (lacht) Die Schweiz ist nicht für die Revolution gemacht. Hier verändern sich die Dinge Schritt für Schritt.

ZEIT: Glauben Sie, dass dieser Kulturwandel gelingen kann?

Groeneveld: Ja! Denn wir haben es schon einmal geschafft. Vor der industriellen Revolution war die Schweiz ein armes Land. Als Alfred Escher erfuhr, dass in Europa ein Eisenbahnnetz gebaut werde und die Schweiz umfahren werde sollte, wurde er aktiv. Aus Angst, wirtschaftlich abgehängt zu werden, wollte er einen Tunnel durch den Gotthard bauen. Sofort hieß es: "Ja, aber: Wir haben nicht genug Ingenieure." Also gründete Escher die ETH. Dann hieß es: "Ja, aber: Du hast gar kein Kapital". Also gründete er die Kreditanstalt, die heutige Credit Suisse. Aus dem Einwand, er könne das Projekt nicht absichern, entstand die Versicherung, die heute als Swiss Life bekannt und erfolgreich ist. Dass die Schweiz die industrielle Revolution nicht verschlafen hat, ist der Grund, warum wir heute so wohlhabend sind. Die Bedenkenträger aber sagten: Wir waren immer Bauern und wollen auch Bauern bleiben.

"Es hapert bei der Finanzierung"

ZEIT: Nun, heute befindet sich der größte Forschungsstandort von Google in Zürich. Wo also liegt das Problem?

Groeneveld: Vor 150 Jahren waren wir dabei, als wirtschaftlich die Post abging: BBC, Nestlé oder Hoffmann-La Roche wurden damals gegründet und entwickelten sich zu Weltkonzernen. Heute gibt es keine einzige digitale Schweizer Firma, die, wie Google, vor 20 Jahren erfunden wurde und heute zu den ganz Großen gehört. Da hat man offensichtlich etwas verschlafen.

ZEIT: Was würden Sie tun?

Groeneveld: In der Schweiz entstehen viele Start-ups im Technologiebereich, aber es hapert bei der Finanzierung, besonders in der Wachstumsphase. Also dann, wenn die Idee zwar funktioniert, das Unternehmen aber noch nicht etabliert ist und den Schritt in einen internationalen Markt machen muss. Da braucht man rasch viel Geld. Im IT-Bereich kommen die Lead-Investoren bei größeren Finanzierungsrunden fast ausschließlich aus dem Ausland.

ZEIT: Warum ist das so?

Groeneveld: In der Schweiz stecken institutionelle Investoren kaum Geld in diesen Bereich. In einem Bericht des Bundesrates ließ sich letztes Jahr nachlesen, dass der Anteil der sogenannten Wagniskapitalinvestitionen in der Schweiz gerade mal 0,044 Prozent des BIP betrug. In den USA waren es sieben-, in Israel sogar neunmal mehr. Dafür gibt es verschiedene Gründe.

ZEIT: Zum Beispiel?

Groeneveld: Investiert man in ein Tech-Start-up, erhält man erst jahrelang keine Dividende und dann, im Erfolgsfall, auf einmal einen sehr hohen Ertrag. Diese Unregelmäßigkeit hält institutionelle Geldgeber von großen Investments in Tech-Start-ups ab. Bei den Pensionskassen fehlen teilweise das Knowhow und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Das wäre lösbar, wenn man es denn wirklich lösen wollte. Eine andere Herausforderung ist der Fachkräftemangel im IT-Bereich. Die Talente werden von den großen Firmen abgesogen, da diese höhere Löhne bezahlen können. Die Start-ups haben Mühe, genügend Talente in der Schweiz zu finden.

ZEIT: Wie ließe sich das lösen?

Groeneveld: Von der Politik! In Kanada und Frankreich kennt man ein Start-up-Visum, das sich an Frauen und Männer mit unternehmerischen Ambitionen richtet. Das wäre auch für die Schweiz eine Möglichkeit. Der andere Weg wäre es, jene Schweizer zu ermutigen, die heute unzufrieden in einer Corporate-Festanstellung sitzen, einen Wechsel zu wagen.

ZEIT: Warum sollte das jemand tun?

Groeneveld: Wer von einem eigenen Unternehmen träumt, ist im IT-Bereich gut aufgehoben, denn die Eintrittsbarrieren sind zu Beginn tief. Ein erster Prototyp eines digitalen Produktes lässt sich mit sehr geringen Ressourcen erstellen. Mir selber geht es aber auch darum, im Leben mehr anzustreben als einen sicheren Job, in dem der Karriereweg absehbar ist.

ZEIT: Worum geht es Ihnen denn?

Groeneveld: Wir haben eine begrenzte Zeit auf diesem Planeten. Natürlich ist es schön, sich im Komfort zu suhlen. Aber wenn man ehrlich mit sich ist, will man doch etwas bewegen. Es gibt so viele gute Ideen, für die man sein Talent, seine Zeit und seine Energie einsetzen kann, damit diese Realität werden.

ZEIT: Was heißt das für Sie persönlich?

Groeneveld: Im Kleinen habe ich mir ein Umfeld schaffen können, in dem ich mit jedem, mit dem ich arbeite, gern und gut zusammenarbeite.

ZEIT: Und im Großen?

Groeneveld: Möchte ich die Welt ein bisschen inspirierter hinterlassen, als ich sie angetroffen habe.