Am Ehrengrab des Bildhauers Franz West wirkt Markus Pinter ein wenig wie ein Museumsdirektor, der durch seine Galerie schlendert. Akribisch mustert er die rosarote Skulptur, die sich wie ein überdimensionierter Regenwurm aus der Erde zu bohren scheint. Dass manche Besucher das moderne Kunstwerk am Wiener Zentralfriedhof befremdlich finden, bringt den Friedhofsmanager Pinter zum Schmunzeln. Irritation gehöre eben dazu, sagt er, auch beim Tod.

Seit 2015 leitet Pinter den Wiener Zentralfriedhof, der mit rund 330.000 Gräbern, 750 Mitarbeitern und 500 Hektar Grünfläche zu den größten Begräbnisstätten der Welt gehört. Für 150.000 Touristen im Jahr ist der Zentralfriedhof ein Symbol des morbiden Wien, für die Wiener ein beliebtes Spaziergebiet – und für den 41-jährigen Pinter ein Ort, der auch als Wirtschaftsbetrieb funktionieren muss.

Nachttouren auf dem Friedhof und Probeliegen im Sarg

Unaufhörlich spricht er über neue "Produkte", die rund um die Grabstätten angeboten werden. Der gebürtige Steirer, der die Arbeit im Revier des Todes schon im elterlichen Bestattungsunternehmen kennengelernt hat, will dem Friedhof ein jüngeres, moderneres Image verpassen, ihn mit Leben füllen. Pinter organisiert Konzerte vor der Friedhofskirche, bietet Nachttouren an, vor einigen Jahren öffnete ein eigenes Bestattungsmuseum seine Pforten, wo aus besonderem Anlass Skurrilitäten angeboten werden: etwa Probeliegen im Sarg. Sogar ein Café mit Sonnenterrasse, ausgerechnet von der Kurkonditorei Oberlaa betrieben, lädt seit Frühjahr innerhalb der Friedhofsmauern zu Kaffee und Kuchen ein. Noch vor 20 Jahren wäre so etwas undenkbar gewesen, sagt Pinter. Nichts durfte damals die Totenruhe stören.

Wenn Pinter durch sein Reich läuft, schüttelt er in Politikermanier Hände, winkt einem Fiaker zu, plaudert mit dem Pförtner. Der Manager lacht viel und macht Witze, als würde er der schwermütigen Aura, die seinen Arbeitsplatz ausfüllt, trotzen wollen.

"Friedhöfe sind immer ein Spiegelbild unserer Zeit."
Markus Pinter, Leiter des Wiener Zentralfriedhofs

"Friedhöfe sind immer ein Spiegelbild unserer Zeit", sagt Pinter. Die Alt-Wiener Koketterie mit dem Tod, wie sie im Dialektpop und im Wienerlied nach wie vor besungen wird, scheint nicht mehr in das heutige Wien zu passen. Pinter sagt, das liege einerseits am Tod, der sich zu einem Tabuthema entwickelt habe – jedenfalls solange, "bis es über einen hereinbricht". Und es liege auch daran, dass die Stadt immer jünger wird. Während der Altersschnitt der Wiener Bevölkerung in den Nachkriegsjahrzehnten kontinuierlich anstieg, bescherte die Zuwanderung der letzten Zeit der Metropole eine Trendumkehr. Noch in den Siebzigerjahren gab es in Wien 30.000 Begräbnisse im Jahr, heuer sind es nur mehr 10.000.

Dass der Betrieb in der riesigen Totenstadt zum Erlahmen kommen könnte, glaubt Pinzer dennoch nicht. Längst lockt der Zentralfriedhof zahlungswillige japanische Touristen an, die sich nach ihrem Tod gern in der Nähe ihrer Lieblingskomponisten wie Beethoven, Schubert oder Brahms bestatten lassen wollen. Die Verstorbenen werden in ihrer Heimat eingeäschert und ihre Urnen dann nach Wien überführt. Der Andrang sei groß, erzählt Pinter.

Statt des "Ave Maria" tönt immer öfter Andreas Gabalier aus den Boxen

Nicht nur bei der japanischen Klientel nehmen ungewöhnliche Bestattungswünsche zu. Seit Herbst bietet Pinter etwa Tier-Mensch-Gräber an: In den meisten Fällen verstirbt ein Haustier noch vor dem Herrchen. Dann wird es kremiert und im gemeinsamen Grab beigesetzt, in das ihm sein Besitzer eines Tages folgen wird. Wie liebevoll sich Menschen um die Gräber ihrer verstorbenen Haustiere kümmern, während die Grabstätten der Angehörigen verwaisen, beobachtet der Friedhofsmanager häufig. Er will es auch gar nicht als Skurrilität abtun, dass sein Betrieb bereits Totenfeiern samt Nachrufredner für Hund, Katz oder Meerschweinchen anbietet. Der Tod sei eben eine sehr persönliche Angelegenheit, mit der jeder anders umgehe.

Für Pinter ist er auch ein Geschäft, das sich in Zahlen ausdrücken lässt. Als Geschäftsführer der Bestattung und Friedhöfe Wien ist er für 46 der insgesamt 51 Begräbnisstätten in der Stadt zuständig. Am weitaus größten davon ist der Zentralfriedhof. Dort sind seit der Eröffnung im Jahr 1874 mehr als drei Millionen Menschen beigesetzt worden. Heute gibt es im Schnitt 40 Begräbnisse pro Tag – mit Schwankungen. Vor einem starken Wetterumschwung etwa werde es für die Logistik und das Personal besonders stressig.

Solche Eigenarten der Branche kannte er bereits. Schon als Jugendlicher musste Pinter im Bestattungsunternehmen seiner Eltern im südsteirischen Deutschlandsberg aushelfen. Er besuchte die Bundeslehranstalt für Gartenbau in Wien-Schönbrunn, in den Ferien kümmerte er sich um die Blumengestecke für die Beerdigungen und absolvierte nach der Matura die Befähigungsprüfung für das Bestattergewerbe.