Er hat zur angenehmen Uhrzeit "ab 11.30 Uhr" zu sich nach Hause eingeladen: ein märkisches Haus, am Schlosspark Sanssouci in Potsdam gelegen. Hier, am Hof seiner Großeltern, hat er die ersten acht Lebensjahre verbracht. Nach der Wende ging das kleine Anwesen – das Gespräch wird im aufwendig umgebauten Kuhstall stattfinden – zurück an die Familie, vor einem Jahr zog er mit seinem langjährigen Lebenspartner ein.

Wolfgang Joop, 74, Modemacher, Illustrator, Kunst- und Möbelsammler, das ist der, der auch schon als Juror bei Germany’s Next Topmodel auftrat. In den Achtzigerjahren – Joop ist sehr, sehr Achtzigerjahre, geradezu eine Inkarnation dieses gierigen und lauten Jahrzehnts – gründete er sein Lifestyle-Unternehmen JOOP!, das mit Lizenzen sehr hohe Umsätze einfuhr (Jeans, Parfum). Mit dem Label Wunderkind zeigte er, dass er wohl immer auch ein richtig guter Modemacher war.

Gleich drei alte Hunde sitzen unter dem reich gedeckten Tisch. Die Haushilfe Mandy, ganz in Schwarz gekleidet, schenkt ein. Ein Packo gerufener Hund schlabbert Eigelb vom Perlmuttlöffel des Modemachers. Routinierte, ein wenig hohl wirkende morgendliche Aufregung – man muss sich halt aufregen, weil man sich aufregen kann: Später müssen noch Fotos gemacht werden, der Künstler Erwin Wurm möchte ihn zeichnen.

Es geht naturgemäß viel um früher, er schwärmt vom kaputten Manhattan der späten Siebzigerjahre, überhaupt werde zu wenig über Punk und New Wave geredet, das seien die Energiequellen seines Lebens gewesen (interessant!), die beste Party der Achtzigerjahre habe im Berliner Dschungel, dem Club, in dem Marc Brandenburg die Tür machte, stattgefunden. Gekonnt zieht er Parallelen zwischen der Fernsehserie Babylon Berlin und seiner Wunderkind-Kollektion The Power of Poverty.

Versuch, doch so etwas wie eine Frage zu stellen: Ist er so weit, dass er seinen Lebensabend einfach genießen kann? Empörtes Joop-Gesicht: "Nein!" Natürlich nicht. Derzeit entwerfe er ein Hotel und sitze an einem neuen Roman: anekdotische, autobiografische Sequenzen.

Es geht natürlich um Karl Lagerfeld, den Joop in einer anderen Liga sieht als sich selbst ("Ich war nie angestellt"). Und es geht ausführlich um Helmut Schmidt, aber nicht den ehemaligen Bundeskanzler, sondern den gleichnamigen langjährigen Artdirektor der deutschen Vogue, unter anderem dafür berühmt, dass er den New Yorker Club Studio 54 einst mit Bikerboots, Jackett "und mit sonst nichts" betrat. Es ist – Entschuldigung – fast schon obszön kurzweilig und unterhaltsam mit ihm, wie eine grandios überpitchte und versaute Bunte-Geschichte. In einer Stunde Frühstück mit Joop kommen vor: Egon Schiele, Thomas Bernhard, Hieronymus Bosch, Vivienne Westwood, Robert Mapplethorpe, Rudi Gernreich, Basquiat, die Art-déco-Malerin Tamara de Lempicka, die Präraffaeliten, natürlich Jil Sander, Johann Joachim Winckelmann, die early supermodels Iman, Jerry Hall und Inès de la Fressange.

Hat er genug Liebe, genug Anerkennung erfahren? Schöne Antwort: "Ich hatte doch von Anfang an so viel Liebe in mir." Überhaupt, das Schönsein – er war ja wirklich ein blendend schöner Mann (sein Konterfei schmückte die Werbung für das JOOP!-Parfum). Bringt’s das Schönsein, oder ist das auch nur langweilig? "Es ist das Beste! Alle Türen fliegen dir auf. Ich hätte sofort einen Punkt von meinem IQ hergegeben, um noch schöner zu sein."

Mit Hans, seinem gut gebauten, sehr zuvorkommenden Bodyguard, Chauffeur und Fitnesstrainer, stehen wir noch zehn, zwanzig Minuten, dann fast eine Stunde lang in seinem Garten, und plötzlich ist der Herbst da. Blick auf den Teich, die alten Weiden.

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