Wenn die Galeristin Kristin Hjellegjerde von der afrikanischen Kunst der Gegenwart erzählt, gerät sie ins Schwärmen: Von der "starken Seele" und den relevanten Inhalten ist dann die Rede. Aber auch von der rasanten Entwicklung des Marktes. Von einer Randnotiz am internationalen Kunstmarkt mit wenigen Ausnahmekünstlern hat sich die aktuelle afrikanische Kunst in diesem Jahrzehnt zum next big thing gewandelt. Davon zeugen diverse neue Kunstmessen ebenso wie große Ausstellungen lebender afrikanischer Künstler in Institutionen wie der Tate Modern in London, dem Münchner Haus der Kunst oder der Fondation Louis Vuitton in Paris.

Als die Norwegerin vor sechseinhalb Jahren ihre Galerie in London gründete, war sie fest entschlossen, auch Afrikaner zu vertreten, doch Kontakte zu knüpfen war gar nicht so einfach. "Ich habe eineinhalb Jahre nach afrikanischen Künstlern gesucht, mit denen ich zusammenarbeiten kann", erzählt sie. Inspiriert habe sie die Documenta 2012 in Kassel mit ihrer Offenheit für außereuropäische Perspektiven und die Begegnung mit dem einflussreichen Kurator Salah Hassan, der an der Cornell University in Ithaka (New York) die Kunstgeschichte Afrikas und der afrikanischen Diaspora lehrt. Heute gehören zum Programm der Galerie Kristin Hjellegjerde, die auch eine Dependance in Berlin hat, vier Künstler aus Äthiopien, Mali und dem Senegal. Im Mai 2019 wird Hjellegjerde eine große Ausstellung zu afrikanischer Gegenwartskunst im Vestfossen Kunstlaboratorium bei Oslo kuratieren. Dort zeigt sie auch Stars der afrikanischen Kunstszene wie El Anatsui aus Nigeria, dessen Skulpturen aus Abfall hohe sechsstellige Summen auf dem Auktionsmarkt erzielen.

Der Erfolg gründet für Kristin Hjellegjerde vor allem in der Nachfrage der Museen weltweit, aber auch darin, dass immer mehr wohlhabende Afrikaner, etwa in Nigeria, die Kunst ihres Landes kaufen. Zudem würden erfolgreiche Künstler in ihre Heimatländer zurückkehren und die dortige Kunstszene beflügeln. Der Markt für afrikanische Kunst stehe erst am Anfang. Sie glaubt, dass einige afrikanische Künstler demnächst ähnliche Preise wie El Anatsui erzielen. Sie selbst sei um eine moderate Preisgestaltung bemüht. Wenn ein Künstler ausverkauft sei, erhöhe sie "pro Jahr um 20 Prozent".

Ihre nächste Station ist die Kunstmesse Also Known As Africa (AKAA) vom 9. bis 11. November in Paris. Dort präsentiert sie erstmals den Marokkaner Yassine Balbzioui mit Ölgemälden zwischen 6000 und 10.000 Euro. Die AKAA findet zum dritten Mal statt. Nach der größeren und drei Jahre älteren Londoner 1-54 mit Ablegern in New York und Marrakesch ist die AKAA die zweite auf afrikanische Gegenwartskunst spezialisierte Messe in Europa. Es habe in Paris keine Plattform für die Kunst des Kontinents gegeben, sagt die Direktorin Victoria Mann, "obwohl die Stadt Afrika traditionell eng verbunden" sei. Dies habe sie zur Gründung motiviert.

"Wir sind eine internationale Kunstmesse, die Afrika in den Mittelpunkt stellt", betont Mann. Nicht die Herkunft sei das Entscheidende, es würden auch asiatische oder lateinamerikanische Künstler gezeigt, die aber eine Verbindung zu Afrika hätten. Auf diese Weise versucht die AKAA, dem Verdacht des Exotismus zu begegnen, unter dem jede europäische Messe steht, die Kunst unter dem Label "Afrika" präsentiert.

Die Messebesucher kommen mehrheitlich aus Frankreich. Von den teilnehmenden Galerien stammt rund ein Drittel aus Afrika, das Preisspektrum der angebotenen Werke reicht von 2000 bis 40.000 Euro. "Mit den Einstiegspreisen richten wir uns auch an Erstkäufer, die diesen Markt für sich entdecken, während das obere Preissegment etablierte Sammler anspricht", erklärt Mann. 2016 startete die Messe mit 30 Galerien, dieses Jahr sind es bereits 45.