Vielleicht war es mehr Zufall als Taktik: Aber das erste Thema, mit dem Annegret Kramp-Karrenbauer auf sich aufmerksam machte, seit das Rennen um die Merkel-Nachfolge begonnen hat, war Armut. Auf einer Parteiveranstaltung warnte die CDU-Generalsekretärin vergangene Woche, die Armut in Deutschland sei ein "sozialer Sprengsatz". Es gebe dringenden Handlungsbedarf.

In der gleichen Woche veröffentlichte die EU eine neue Statistik, nach der 15,5 Millionen Menschen in Deutschland von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen seien. Und Anfang dieser Woche meldete die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung, dass immer mehr Menschen in Deutschland dauerhaft arm blieben. Offenbar wird der soziale Sprengsatz immer gefährlicher.

Ist das so? Kramp-Karrenbauers Äußerungen und die jüngsten Zahlen sind Grund genug für ein Update: Wo stehen wir? Nimmt die Armut weiter zu? Das ist wichtig, um beurteilen zu können, ob die Politik in die richtige Richtung steuert oder ob sie genau das Falsche macht.

Vertraut man der EU-Statistik, ist durchaus ein Fortschritt erkennbar. Insbesondere bei der harten, "objektiven" Armut. Experten befragen dazu Bürger, ob sie sich bestimmte Dinge aus finanzieller Not nicht leisten können: etwa eine Waschmaschine, jeden zweiten Tag eine Mahlzeit mit Fleisch oder etwas Gleichwertigem, das Heizen ihrer Wohnung, eine Woche Urlaub im Jahr, ein Auto oder die Begleichung unvorhergesehener Ausgaben. Wer bei mindestens vier von insgesamt neun Punkten nach eigenen Angaben ein Problem hat, gilt als arm oder als "unter erheblicher materieller Entbehrung leidend", wie es offiziell heißt.

Im Jahr 2017 traf das auf 3,4 Prozent der Bevölkerung in Deutschland zu, also etwa 2,8 Millionen Menschen. Das ist keine kleine Zahl – aber so niedrig lag dieser Wert noch nie, seit es diese Statistik gibt. Im ersten Jahr der Erhebung, 2005, waren noch 4,6 Prozent der Bevölkerung derart notleidend. Seither geht diese Zahl schrittweise zurück. Offenbar können heute also mehr Menschen als vor zehn Jahren ihre grundlegenden Bedürfnisse befriedigen.

Die EU erfasst zusätzlich auch Menschen, die unter "relativer Armut" leiden. Dazu zählen alle, die weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens zur Verfügung haben. Bei einem Single entsprach das im Jahr 2017 einem Einkommen von weniger als 1100 Euro netto im Monat. Nimmt man das als Maßstab, waren zuletzt 13,1 Millionen Bundesbürger armutsgefährdet, wie es offiziell heißt. Das ist ein Rückgang gegenüber den Vorjahren, aber Anfang der 2000er-Jahre lag die Zahl noch niedriger.

Auch andere Erhebungen belegen, dass die relative Armut weiterhin verbreitet ist. Ein wichtiger Faktor in jüngster Zeit ist dabei die Zuwanderung: Viele Migranten, insbesondere Flüchtlinge, verfügen in den ersten Jahren, in denen sie in Deutschland leben, nur über ein sehr niedriges Einkommen. Sie erhöhen daher den Anteil der Armen – selbst dann, wenn die Einwanderung nach Deutschland für sie erst einmal einen Wohlstandszuwachs bedeutet.

Als eine weitere Kategorie addiert die EU noch die "sozial Ausgegrenzten" dazu. Als solcher zählt, wer in einem Haushalt lebt, in dem niemand erwerbstätig ist oder höchstens einen Nebenjob ausübt (ohne Rentnerhaushalte). Rechnet man diese Gruppe hinzu, kommt man auf die eingangs erwähnten 15,5 Millionen in Deutschland von Armut oder sozialer Ausgrenzung Betroffenen. Das entspricht 19 Prozent der Bevölkerung – eine hohe Zahl, aber wiederum die niedrigste seit dem ersten Jahr dieser Datenreihe. Auch so betrachtet kann man also einen gewissen Fortschritt erkennen.

Die Tatsache, dass noch immer Millionen Menschen in Deutschland in der ein oder anderen Form unter Armut leiden, zwingt die Politik zum Handeln. Aus den Statistiken wird erkennbar, wo Kramp-Karrenbauer ansetzen müsste, wenn sie etwas gegen die soziale Spaltung unternehmen will. Weil die Zuwanderer besonders armutsgefährdet sind, fordern Forscher am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, die Integration von Migranten stärker zu unterstützen. Weil Bildungsarme überproportional häufig auch in finanzieller Armut landen, raten Experten der Böckler-Stiftung dazu, noch mehr für die Förderung von Kindern aus benachteiligten Familien zu tun. Von denjenigen, die länger unter Armut leiden (fünf Jahre ohne Unterbrechung), verfügt mehr als die Hälfte über keinen Schulabschluss oder nur ein Zeugnis von der Hauptschule. Andere Empfehlungen lauten: Mieter entlasten, Langzeitarbeitslosigkeit verringern, Berufstätigkeit von Müttern ermöglichen.

Annegret Kramp-Karrenbauer wird die Armut wahrscheinlich nicht zum großen Thema ihrer Kandidatur für den Parteivorsitz machen. Es eignet sich nicht dafür, viele Parteimitglieder für sich zu begeistern. Aber recht hat sie: Armut ist ein sozialer Sprengsatz. Und entschärft ist er noch lange nicht.