Die heißeste Zahl des Jahres heißt 40: Wo die Außenluft im Jahresmittel mehr als 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter enthält, muss Abhilfe geschaffen werden, so verlangt es die EU-Richtlinie. Dieser Grenzwert wurde 2017 an 113 verkehrsnahen Hotspots in Deutschland überschritten. Rekordhalter ist ein Messgerät am Mittleren Ring in München mit 78 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter. Kämen nun Fahrverbote für Diesel-Pkw, kostete das die Autobesitzer und die Steuerzahler einen hohen zweistelligen Milliardenbetrag, weil auch der Verwaltungsaufwand zur Umsetzung der Verbote bezahlt werden müsste. Hinzu kommt der Verlust an Vertrauen in Politik und Verwaltung – in Bayern prüft die Justiz sogar, ob sie Amtsträger in Beugehaft nehmen kann, um die Einhaltung des Grenzwerts durchzusetzen.

Aus medizinischer Sicht ist der Stickstoffdioxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter (µg/m3) jedoch völliger Unsinn. Der mit Abstand gefährlichste Schadstoff in den Autoabgasen ist Feinstaub; rund 50.000 vorzeitige Todesfälle durch Krebs und Lungenleiden gehen hierzulande jährlich auf sein Konto. Der Gehalt des Stickstoffdioxids in unserer Luft dagegen ist weder toxisch noch krebserregend. Asthmatiker reagieren bei Werten oberhalb von 180 µg/m3 mit einer leichten Schleimhautreizung. Bei Gesunden hingegen gibt es bis 1000 µg/m3 keinen messbaren Effekt. Die US-Umweltbehörde Epa hat deshalb den Grenzwert für Außenluft auf 100 µg/m3 festgesetzt – damit wäre Deutschland weit im grünen Bereich.

Wie kam die EU also auf ihren viel niedrigeren Grenzwert? Die Antwort ist ein Paradebeispiel für Kommunikationsstörungen zwischen Wissenschaft und Politik. Die EU legte erstmals 1985 einen Wert von 200 µg/m3 fest, auf der Basis des damaligen Wissens. Im Jahr 1999 senkte sie ihn plötzlich auf 40 µg/m3. Warum? Die EU-Mitarbeiter hatten die Zahl 40 ungeprüft aus einem Gutachten übernommen, das eine Arbeitsgruppe der amerikanischen Epa gerade für die WHO angefertigt hatte. Dabei ist offensichtlich, dass diese Ziffer nicht taugt, um sie auf den Straßenverkehr zu übertragen. Sie basiert auf älteren Studien mit Gasherden. Darin fanden sich Hinweise, dass Schulkinder häufiger Atemwegsprobleme entwickelten, wenn ein Gasherd im Haushalt stand. Weil es keine Messwerte gab, schätzten die Experten, dass ein Gasherd die mittlere Stickstoffdioxid-Konzentration in Räumen auf 40 µg/m3 erhöht. Diesen Wert schlugen sie mangels besserer Daten als Grenzwert vor. Andere Studien zeigten jedoch, dass die Konzentrationen extrem variieren. Zudem standen Gasherde oft in schlecht sanierten Häusern, deren Bewohner ohnehin häufig Atemwegsleiden haben, und damals wurde in fast jedem Haus geraucht. Wegen dieser und weiterer Mängel ist die Epa der Empfehlung ihrer eigenen Gutachter nicht gefolgt.

Den nächsten Fehler machten die EU-Beamten, als sie die für Innenräume geschätzte Ziffer kurzerhand als Grenzwert für Außenluft festlegten. Die Empfehlung der Epa-Gutachter ging nämlich davon aus, dass Menschen 90 Prozent ihrer Zeit in Innenräumen verbringen. Doch niemand hält sich 90 Prozent des Jahres auf dem Trottoir einer Hauptverkehrsstraße auf. Abseits der deutschen Hotspots und in Wohnungen liegen die Belastungen weit unter dem Grenzwert.

Die Fixierung auf den 40-Mikrogramm-Wert lenkt zudem davon ab, die Ursachen gesundheitsschädlicher Luftverschmutzung zu bekämpfen. Wegen der drohenden Fahrverbote werden bereits in großem Stil Diesel gegen Benziner getauscht. Das könnte sogar zu höherer Feinstaubemission führen, weil neue Benziner erst seit September mit Partikelfiltern ausgestattet sind. Statt den Konzernen zum Dank für ihre Schummeleien ein Konjukturprogramm für Feinstaub- und CO₂-Schleudern zu spendieren, sollte die Politik schnellstmöglich eine blaue Plakette einführen: für alle Motorentypen, mit strengsten Abgaswerten, auch für den Klimakiller CO₂ und den hochproblematischen, kaum beachteten Ultrafeinstaub. Wenn man dazu entsprechende Umweltzonen ankündigt, verschwinden die Dreckschleudern ganz von selbst aus den Städten.