Eigentlich sollte es an dieser Stelle um Basilikum gehen, um Gin und um einen Löwen. Aber dann buckelt sich eine kleine grüne Raupe in den Vordergrund. Sie sitzt auf einem Minzblatt im Longdrink meiner Begleitung, was ja zunächst für das Minzblatt spricht (vermutlich lecker) und auch für die Bar (vermutlich frische Zutaten). Trotzdem lenkt das mies ab, vom Auftakt des gepflegten Suffs im noch gepflegteren Le Lion. Wir zupfen das Minzblatt ab, deponieren es in einer sicheren Ecke, hoffen, dass die Raupe den Abend überlebt.

Das Le Lion gilt als beste Bar der Stadt, des Landes, sagen Barexperten, und obschon ich seit sieben Jahren Hamburg-ansässig bin, trinke ich heute meinen ersten Gin Basil Smash hier, einen "Celery Basil Smash", um genau zu sein, aufgefüllt mit Sellerie-Gin, eine Handvoll zerstoßenen Basilikums borgt ihm Farbe und Geschmack. Der Barinhaber Jörg Meyer hat den Gin Basil Smash erfunden, und dazu kann man ihn nur beglückwünschen, denn der süßlich-pfeffrige Krautgeschmack mit scharfem Gin, Zitrone und einem Schuss Zuckersirup vermengt sich zu einem frischen, gesund aussehenden und schnell genippten Drink.

Dabei sollte ich es tunlichst vermeiden, schnell zu trinken. Ich bin schwer aus der Übung, Schwangerschaft und Stillzeit sei Dank. Seitdem ich wieder trinken kann (halbes Jahr), traue ich keinem Schnaps mehr – oder eher meinem Körper nicht zu, ihn zu verarbeiten.

Dieser Abend darf also als Mutprobe gesehen werden, aber auch als Chance, seine Stadt ganz neu zu entdecken, mit postnatal bereinigtem Gedächtnis und einer großen Lust am kleinen Besäufnis.

Das Le Lion besticht übrigens mit Chromklingel, anlehnungswürdigem Brokat an den Wänden und unterarmtätowierten Barkeepern im Maßanzug. Um zu erklären, was es mit dem Löwen auf sich hat, darf ich auf Ernest Hemingway verweisen. Bevor sich das Le Lion emanzipierte und über die Straße hinweg in eine eigene Lokalität zog, befand es sich in einem Hinterraum des französischen Restaurants Café Paris und nannte sich: Le Bon Petit Lion, angelehnt an die Fabel Hemingways vom guten Löwen, der lieber Scampi-Pasta als Zebra aß und dazu Negroni trank.

Im Glas klirren bloß noch Eiswürfelreste: Zeit zu gehen. Wohin? Chug Club, rät der Barkeeper. Gute Drinks, gute Barfrauen, nicht zu fancy. Auch die Raupe hat sich inzwischen verzogen, auf zu neuem Kraut.

Ich steige also auf mein Rad und lasse mir auf dem Weg Richtung St. Pauli die Alkoholwärme aus den Gliedern pusten. Der Chug Club ist gerade weit genug weg von der Reeperbahn, um sich vor dem Trubel dort in Sicherheit zu wähnen, er ist klein, die Wände sind rau und rot gewischt, und vor den Fenstern kleben Illustrationen, die mexikanisch anmuten sollen, aber auch ein bisschen nach Jugendclub aussehen. Das Innere hingegen wirkt sakral, wir nehmen auf Samtbänken Platz, bereit, dem Hochprozentigen zu huldigen. Die Barkeeperin empfiehlt allerlei Getränke mit "Schäumchen", Spezialität des Hauses, dabei haben die Drinks diese Verniedlichung nicht nötig. Meine Begleitungen, inzwischen vier (das seltene Event des mütterlichen Ausgangs wollen sie nicht verpassen), bestellen ein Menü aus fünf Minicocktails in Schnapsgläsern sowie einem Zwibi, einem Zwischenbier. Ich halte mich an die Spielregeln und bestelle ein Getränk auf Empfehlung der Barkeeperin: "Portside/Starboard". Backbord/Steuerbord zu Deutsch. Als sie ihn serviert, sehe ich schon wieder Grün in meinem Glas. Scheint ein Ding zu sein, Drinks mit Kräutern: Diesmal wurde Koriander mit Tequila Blanco, Chililikör, Agavensirup und Wermut gemixt und mit einem salzigen Chili-Limetten-Rand serviert. Bisschen scharf, leichte Süße, aber sonst äußerst fidel. Ich trinke einen flüssigen Taco.

Im Chug Club werden Drinks fast ausschließlich mit Tequila oder seinem hippen Onkel Mescal gemixt, die Chefin war kürzlich auf fünfwöchiger Recherche in Mexiko. "Wir wollen die Leute endlich von ihrem Rote-Hütchen-Trauma aus der Jugend befreien", sagt die Barkeeperin. Haben sie hiermit. Tequila kann tatsächlich sehr süffig sein. Ich wanke innerlich, von Backbord nach Steuerbord und wieder zurück. Schon klar, warum der Drink diesen Namen trägt.

Wir reden über Eigentumswohnungen, die wir uns nie leisten können, und ferne Urlaube. Alkohol als Eskapismusstrategie. Was jetzt noch kommen soll, an einem Dienstag nahe der Reeperbahn, nachts um halb eins? "Zieht doch in den Gun Club weiter, da gehen wir nach Feierabend hin", sagt die Barkeeperin. Der Gun Club liegt in derselben Straße, was den schnapsmüden Füßen entgegenkommt.

Wir stolpern also drei Stufen hinab und sind plötzlich wieder klar. Wütender Punkrock schreit uns entgegen, die Stammgäste an der Bar schauen uns an und lächeln verhalten. Wir haben Durst, bestellen Bier, bekommen Astra. Wir reden nicht mehr, weil es zu laut ist und alle damit beschäftigt sind, Poster und Aufkleber zu studieren, die sämtliche Wände der Bar bedecken und von Punkbands erzählen, die hier aufgetreten sind. Der Barkeeper empfiehlt einen Absacker, das passe doch jetzt ganz gut. Botucal, ein scharfer venezolanischer Rum, im Abgang versöhnlich süß. Der Name heißt so viel wie "grüner Hügel", ich bleibe also dem Botanikthema treu. Mütter brauchen Vitamine. Wir spielen Kicker, wie früher, nur mit mehr Müdigkeit und noch weniger Treffsicherheit. Und auch oder gerade weil ich den Gun Club selbst nicht gefunden hätte, freue ich mich, hier zu sein. Es ist unaufgeregt und macht den Kopf frei von diesen ganzen gemachten Alltagsverpflichtungen, die man sich als echter Erwachsener auferlegt, das fängt ja schon bei der Etikette an. Hier gibt es keine Etikette, hier gibt es nur gute Drinks und Kurzweil.

Als ich dem Barkeeper von meiner Barabstinenz der vergangenen Jahre erzähle, grinst er. Und sagt: "Willkommen zurück." Ich grinse. Morgen werd ich es sicher bereuen.