Die Dunkelhaft ist eine Foltermethode, die noch bis ins 20. Jahrhundert angewendet wurde, etwa in den Konzentrationslagern der Nazis und den sowjetischen Gulags. Man sieht den Opfern keine Verletzungen an, man erzwingt ihre Kooperation dadurch, dass man sie ihrer Sinneseindrücke beraubt. Aber kann diese Art der Haft wirklich dazu führen, dass die Gefangenen blind werden?

Natürlich ist es aus ethischen Gründen nicht möglich, diese Frage wissenschaftlich mit freiwilligen Probanden zu untersuchen, zumindest über einen längeren Zeitraum. Aber für eine Verdunkelung, die nur wenige Tage dauert, kann man Entwarnung geben. Wissenschaftler der Harvard-Universität im amerikanischen Cambridge haben nämlich tatsächlich schon einmal Versuchspersonen unter kontrollierten Bedingungen für vier Tage in absoluter Finsternis ausharren lassen (Journal of Neuro-Ophthalmology, 2004).

Dabei ging es ihnen um die Frage, ob unser Sehsinn anfängt, Halluzinationen zu produzieren, wenn er keine Signale von außen bekommt. Und tatsächlich erfuhren zehn von 13 Probanden solche Trugbilder, von einfachen Mustern bis zu komplexen, gegenständlichen Szenen. Als man ihnen nach 96 Stunden die Augenbinden wieder abnahm, waren sie zwar zunächst ein wenig desorientiert, aber nach einer halben, spätestens einer Stunde konnten sie wieder normal sehen.

Gravierendere Folgen kann die anhaltende Dunkelheit haben, wenn sie zu einem sehr frühen Zeitpunkt in der Entwicklung des Organismus erlebt wird. Auch dazu gibt es aus verständlichen Gründen keine Experimente am Menschen, doch es haben schon viele Forscher entsprechende Versuche mit neugeborenen Affen und Katzen angestellt. Wirklich erblindet sind die Tiere auch bei diesen Experimenten nicht, aber ihre Sehfähigkeit war nach den Versuchen meist dauerhaft gestört. Es scheint, dass unser Sehsinn sich zunächst einmal voll entwickeln muss, bevor er eine längere Phase der Dunkelheit ohne Schaden übersteht.

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