Hanna Jacobs, 30, ist Pfarrerin im "raumschiff.ruhr", einem Gemeindepionierprojekt in Essen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Vor Kurzem war ich japanisch essen. Nicht Sushi, sondern Ramen – diese salzigen Nudelsuppen, die mit Fleisch oder Tofu serviert werden. Man isst sie nicht aus kleinen Suppentassen oder Schälchen, sondern als Hauptmahlzeit aus einer Schüssel. Die Schüssel, in der meine Ramen serviert wurden, war mittelblau und mit zarten dunkelblauen Linien bemalt. Ich fühlte mich beim Betrachten des Porzellans an einige Predigten oder Andachten erinnert. Zugegeben, der gedankliche Weg von der Schüssel zur Predigt ist ein wenig krumm. Aber wenn man viel Zeit in der christlichen – ich nenn’s mal, wie es ist – Blase verbringt, dann wird mitunter selbst das Restaurant zum Ort religiöser Sinndeutung. Denn diese Ramen-Schüssel erinnerte mich an Kintsugi. Das ist eine traditionelle japanische Reparaturmethode für zerbrochene Keramik. Die Bruchstücke werden mit Goldlack wieder zusammengesetzt, sodass die Bruchstellen sichtbar bleiben. Wo das Porzellan zerbrochen war, bleibt nach der Reparatur eine goldene Linie. Der Makel wird in Szene gesetzt und veredelt.

In den letzten Jahren ist mir Kintsugi als Metapher für Auferstehung/Heilung/Erlösung/eine Facette des Handelns Gottes mehrfach begegnet. Auch die Predigtkultur unterliegt gewissen Trends. Selbstverständlich habe ich in einer Osterpredigt auch schon einmal über Kintsugi gepredigt. Und dann gemerkt, dass ich die japanische Reparaturmethode ebenso ausführlich erklären muss wie ein Gleichnis aus dem antiken Galiläa. Irgendwas gibt es halt immer zu übersetzen ins Heute und Hier.

Meine Nudelsuppen-Begleitung schlug den Vertrieb von Baukästen mit vorgefertigten Porzellanscherben und Goldlack vor, mit dem man sich seine eigene Kintsugi-Schale basteln kann. Vielleicht könnten die christlichen Verlage ihr Sortiment von Gebetswürfeln und Schlüsselanhängern mit Bibelversen drauf um Keramik mit Goldlinien erweitern? Als Anschauungsmaterial für Gesprächskreise und Gottesdienste. Denn das Bedürfnis nach Bildern und Sprache für das ersehnte und teilweise erlebte Wirken Gottes ist groß.

Wie kann man von Erlösung reden, wenn die Angst vor dem Weltgericht nicht mehr im Nacken sitzt? Wie spricht man in unserem Kulturkreis von Heilung, wenn niemand mehr Lepra hat? Die biblischen Heilungsgeschichten sind nur noch für wenige anschlussfähig. Was sie jedoch darüber aussagen, wie Gott sich uns Menschen zuwendet, bleibt wahr. Ausdrücken lässt sich diese Wahrheit heute allerdings oft leichter mit Kintsugi oder Songtexten als mit biblischer Sprache. Als der kanadische Sänger Leonhard Cohen vor zwei Jahren starb, griffen etliche Prediger seine Liedzeile "There is a crack in everything/ that’s how the light gets in" auf. Meine Prognose für die Predigttrends der nächsten Jahre lautet daher: Wir werden viel mehr Scherben und Bruchstücke sehen. Und mehr Gold. Licht war ja immer schon da.