In seinem neuen Buch Bullshit-Jobs schreibt der Anthropologe David Graeber, es gebe viele Jobs, deren Sinn sich uns kaum noch erschließt. Damit weist er auf ein interessantes Phänomen hin. So begegnen wir Fachpersonen, die als "Data Facility Hierarchical Storage Manager" oder "Human Resources Management Consultant" tätig sind. Andere nennen sich deutsch "Fachreferent für medizinisches Versorgungswesen" oder "freiberuflicher Zertifizierungsauditor". Bei solch großartigen Bezeichnungen kommt schnell der Verdacht auf, dass es sich um Bullshit-Jobs handelt.

Aber auch klassische Jobs verkommen heimlich zu Bullshit-Jobs. So haben Ärzte und Pfleger zunehmend weniger Zeit für die eigentliche Arbeit am Patienten. Stattdessen muss kodiert, dokumentiert, kontrolliert und überwacht werden. Wissenschaftler verbringen ihre Zeit vermehrt damit, Projekte zu akquirieren, Anträge und Berichte zu schreiben. Und auch die Forschung selbst entwickelt sich in Richtung Bullshit. Es geht um die Zahl der Publikationen und Projekte, aber nicht mehr um den Inhalt, der sich immer öfter als irrelevant herausstellt.

Warum all das?

Bullshit-Jobs werden zunehmend zu einer ökonomischen Notwendigkeit. Nur dank ihnen lässt sich Vollbeschäftigung trotz Automatisierung und Digitalisierung aufrechterhalten, da mehr und mehr Jobs in der Produktion verschwinden. Würden die Menschen nur noch in "sinnvollen Jobs" arbeiten, dann hätten wir schon lange Massenarbeitslosigkeit. Allerdings finden wir nirgendwo Stelleninserate, wo Menschen gesucht werden, um offensichtliche Bullshit-Jobs auszuüben. Diese Tätigkeiten entstehen zu einem großen Teil aus den Herausforderungen, welche die steigende Komplexität moderner Wirtschaften an ihre Erwerbstätigen stellt. Wir haben es mit immer komplexeren Technologien zu tun wie etwa bei der medizinischen Versorgung. Bei Staat und Firmen heißt das: Man braucht mehr Organisation und Regulierung, Koordination und Controlling, Evaluation, Zertifizierung, Weiterbildung, Beratung, Forschung, Coaching und sogar Therapie. Daraus entwickeln sich dann viele Tätigkeiten, die wir als Bullshit-Jobs empfinden.

4,6 Prozent mehr Anwälte gibt es Jahr für Jahr – und das im Schnitt seit 1990

Betrachten wir zum Beispiel die Arbeit von Juristen. Komplexere Rechtsfälle steigern den Bedarf an spezialisierten Juristen. Das ist eine Folge davon, dass immer mehr Bereiche des Lebens und der Wirtschaft reguliert werden und man sich überall rechtlich absichern muss. Die Zahl der Gesetze und Verordnungen steigt von Jahr zu Jahr, wofür neue Juristen gebraucht werden. Sie helfen zunehmend überforderten Nichtjuristen für oftmals viel Geld mit der steigenden Komplexität des Rechts umzugehen. So stieg die Zahl der Rechtsanwälte in Deutschland zwischen 1990 und 2018 von 46.933 auf 164.656, was einer jährlichen Wachstumsrate von 4,6 Prozent entspricht.

Ein großer Teil der Juristen ist damit beschäftigt, durch Schreiben von Gesetzen, Verordnungen, Verträgen, allgemeinen Geschäftsbedingungen, Haftungsregeln oder Konventionen die Komplexität des Rechtssystems weiter zu erhöhen. Andere Juristen versuchen dann, sich als Experten für den Umgang mit diesem System zu verkaufen, oder bieten Wege an, wie die neuen Regulierungen umgangen oder endlos verzögert werden können. Dies ruft natürlich nach weiteren Bestimmungen ...

Damit soll nicht gesagt werden, dass der Beruf eines Rechtsanwalts ein Bullshit-Job ist. Aber auch das Beschäftigungswachstum bei Juristen hängt mit der Zunahme von Bullshit-Tätigkeiten zusammen.