Der Hype um Friedrich Merz war noch gar nicht recht ausgebrochen, da wurde schon davor gewarnt, er könne auch schnell wieder verfliegen. Wie seinerzeit bei Martin Schulz oder Christian Lindner. Oder demnächst vielleicht bei Robert Habeck. Zur politischen Mode gehört inzwischen die Mode, ihr nicht zu verfallen. Der Hype oder sein schnelles Ende, alles ist möglich. Berlin hat in den Tagen von Angela Merkels beginnendem Abschied und der avisierten Ankunft von Friedrich Merz etwas Flirrendes.

Elf andere Bewerber konkurrieren derzeit mit Merz um die Nachfolge Angela Merkels an der Spitze der CDU – einer Partei, deren letzte Kampfabstimmung um den Vorsitz bald fünfzig Jahre zurückliegt. Doch keiner beschäftigt die Fantasie so sehr wie der überraschende Rückkehrer aus dem politischen Exil. Merz gilt als der Kandidat, dessen Wahl die Ära Merkel beenden würde. Symbolisch und im Ernst. Noch ist er nicht gewählt, und "die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland ist die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland", wie Angela Merkel schon mal vorsorglich wissen lässt. Doch nicht nur in der Union, auch bei der Konkurrenz schießen die Kalkulationen ins Kraut, was ein CDU-Vorsitzender Merz für die politische Szenerie bedeuten würde.

Am meisten Sorgen muss sich jene Partei machen, die in den vergangenen Jahren der Union die meisten Sorgen bereitet hat. Die AfD hat nicht nur von Angela Merkels Politik und Stil profitiert, sie war auch deshalb so erfolgreich, weil nirgendwo ein Unionspolitiker auftauchte, der ihr beikommen konnte. Die einen glaubten, die AfD bekämpfen zu können, indem sie sich ihr ähnlicher machten; die anderen versuchten, die Angreifer von rechts mit einer Mischung aus Ignoranz und guter Sacharbeit einzudämmen. Beide Strategien blieben ohne Erfolg. Der politische Kern des Merz-Hypes liegt nun in der Erwartung, der Rückkehrer könne den Aufstieg der AfD stoppen, ohne ihr hinterherzurennen.

Merz profitiert von seiner schillernden Doppelrolle als altbekannter Quereinsteiger und weltläufiger Konservativer, dessen gegenwärtige Positionen zugleich so unbekannt sind, dass man alles Mögliche in die Person hineinlesen kann. Weil er schon in der Frühphase der Ära Merkel an den Rand gedrängt wurde, beflügelt seine Rückkehr nun die Sehnsucht nach der verlorenen, der vormerkelschen Zeit. Wenn damals Merz und nicht Merkel den Machtkampf gewonnen hätte, so empfinden es die Konservativen in der Union, hätte Alexander Gauland ein Jahrzehnt später nicht die AfD gründen müssen.

Jetzt steht Merz für die Umkehr dieses fatalen Prozesses. Ein überzeugungsstark auftretender Konservativer, der mit selbstbewusstem Habitus Führungsstärke inszeniert und damit wie aus einer anderen Epoche kommend wirkt, könnte AfD-geneigten Wählern schon imponieren.

"Allenfalls im Westen", wendet Alexander Gauland ein, der ansonsten lieber herausarbeitet, welche Handicaps Merz aus seiner Sicht trägt: die transatlantische Fixierung, das Proeuropäertum oder die berufliche Vergangenheit bei einem Finanzinvestor, den man eben doch leicht mit einer "Heuschrecke" verwechseln könne. Besonders im Osten, wo die nächsten wichtigen Wahlen anstehen, sei Merz mit seinem Profil ein "Anathema", sagt Gauland. Anders als Jens Spahn, der seine Rolle als konservativer Hoffnungsträger derzeit im Schatten von Merz spielen muss. In ihm sieht Gauland, sichtlich bemüht, den Merz-Hype zu dämpfen, den gefährlicheren Gegner seiner Partei. Und dann gelte eben weiterhin: "Sie ist ja noch da", die Kanzlerin als bestimmende Figur auf der politischen Bühne. Das klingt, als hoffe der Chef der Merkel-muss-weg-Partei, sie bleibe noch ein wenig länger. Vielleicht vermisst er sie ja schon.

Am entgegengesetzten Ende des politischen Spektrums haben die Grünen von der Abkehr der Merkel-CDU von Merkel profitiert, lange bevor diese ihren Rückzug angekündigt hat. Merz als CDU-Chef wird diese Konstellation eher noch verschärfen. "Die Grünen werden das Beste von Merkel übernehmen, das die CDU jetzt abstoßen will", verspricht Parteichef Robert Habeck. Damit meint er nicht nur eine aufgeschlossene Flüchtlings- und Integrationspolitik. Die Erneuerung der Grünen kreist um die Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Auch da vermutet der Grünen-Chef Schwächen im Profil von Merz.