Zu Fuß geht es 36.000 Jahre zurück. Ein paar Schritte genügen. Zwei Türen bilden eine Schleuse, die das Tageslicht schluckt und das Aroma der südfranzösischen Luft. Drinnen herrschen konstant 18 Grad Celsius, es riecht trocken nach Kalk und feucht nach Lehm. Tropfsteine springen ins Auge, die Stimme der guide, der Führerin, dringt ins Ohr. Da drüben müsse man sich den natürlichen Eingang denken, der vor 22.000 Jahren verschüttet worden sei. Dort oben jenen Schacht, durch den vor einem Vierteljahrhundert drei Höhlenforscher in den seit Jahrtausenden unberührten Ort hineingelangt seien, Éliette Brunel-Deschamps, Christian Hillaire und Jean-Marie Chauvet – mit dessen Namen die Entdeckung bis heute verbunden ist.

Was die Höhlenforscher im Jahr 1994 fanden, sollte sich als große Kostbarkeit erweisen, seine Einzigartigkeit war sofort augenfällig, lange vor der offiziellen Anerkennung als Weltkulturerbe. So wertvoll, dass erstens die Grotte Chauvet sofort für die Öffentlichkeit gesperrt werden musste. Zu empfindlich die Zeugnisse, die im Inneren des Karstgesteins wie in einer Kapsel die Millennien überdauert hatten. Selbst Fachleute dürfen nur wenige Wochen im Jahr (und dann nur kurz) hinein. Und so kostbar, dass man zweitens mit gewaltigem Aufwand daranging, diese Höhle und ihre Schätze nachzubilden. Drei Kilometer entfernt vom eigentlichen Fundort am berühmten Pont d’Arc, dem Felsdurchbruch des Flusses Ardèche, wurde vor drei Jahren eine Hightech-Dublette eröffnet, die Caverne du Pont d’Arc. Hier spielt sich diese Zeitreise ab.

Von außen betrachtet, ist es ein grob kreisrunder, kantiger Bau, dessen Betonfassade aus ungleichmäßigen, schlanken Polygonen besteht. Er thront auf dem Plateau über der Gorges de l’Ardèche – auf halbem Wege zwischen Massif Central und Provence. Eine architektonische Reverenz an die Karstfelsen der Region. Innen, also jenseits der Türschleuse, wähnt sich der Betrachter sofort unter der Erde, findet sich wieder in einer niedrigen, sich windenden Höhle mit ungleichmäßigem Boden. Der liegt im Halbdunkel, welches ein Ganzdunkel wäre, würde nicht indirektes Licht dezent Details der Wände beleuchten. Mit Lasermessgeräten hatte man die echte Höhle millimetergenau vermessen. Daraus entstand ein digitales Gittermodell. Dem folgend errichteten die Ingenieure der Caverne zuerst ein Metallgestell, über das sie dann ein Drahtgitter zogen, auf dem sie den künstlichen Fels formten. Diesen überzogen sie originalgetreu mit Naturfarben und schmierten ihn zum Teil mit Lehm ein. Ein Gremium von 15 Wissenschaftlern wachte während der dreijährigen Bauarbeiten über die Authentizität der Höhlenkulisse.

Zwei Dutzend Besucher zählen die Grüppchen, welche die guides hier über Metallstege am falschen Fels entlangführen. Zu einer Nische, die mit roten Punkten dekoriert ist, zu einer Wand, die den schwarzen Umriss eines Bisons zeigt, zu einer lehmigen Stelle, an der weiße Kratzer schwungvoll zur Seitenansicht eines Pferdes zusammengesetzt sind. Die neuzeitlichen Handwerker haben hier mit denselben Materialien gearbeitet, mit denen die steinzeitlichen Künstler einst die Originale geschaffen hatten: Rötel aus zerstoßenem Stein, Holzkohle, Kratzstöcke.

Die Motive von Chauvet, zumindest die bekanntesten von ihnen, zählen zum Bilderschatz der Menschheit. So wie bei der goldenen Totenmaske des Tutanchamun, bei Hokusais Farbholzschnitt Die große Welle, bei Botticellis Geburt der Venus, bei da Vincis Mona Lisa und Warhols Marilyn – man erkennt sie sofort wieder: die Leiber der schwarzen Rhinozerosse, die in einem Getümmel aus Überschneidungen und Bewegungen zu verschmelzen scheinen (siehe Foto); die perspektivischen Köpfe nebeneinander galoppierender Wildpferde; die berühmte Löwengruppe – gemalt, schraffiert und geritzt –, die in hellem Ockerton mit drei großen Höhlenlöwen im Profil beginnt und sich über mehrere Meter hinzieht, durchsetzt von kleineren Exemplaren anderer Tierarten. "Figurative Malerei", sagen die Archäologen und meinen: konkrete Figuren statt abstrakter Muster. Man möchte ergänzen: bedeutungsvolle Situation statt reiner Dekoration.