Manchmal, leider nur selten, ergeht es dem märkischen Amtsrichter wie Theodor Storms Märchenfigur Häwelmann. Dann baut er aus seiner Robe ein Segel, gleitet auf einem Mondstrahl durch das Schlüsselloch aus seiner Dienststube – und findet sich etwa in der Inneren Mongolei wieder. Gemeinsam mit neun deutschen Justizbrüdern und -schwestern fährt er in einem Bus, eskortiert von drei Polizeiwagen mit Blaulicht, über die abgesperrten sechsspurigen Straßen der Millionenstadt Ulanhot, von der er noch nie gehört hat, passiert endlos aneinandergereihte Wohnkuben und ein Dschingis-Khan-Denkmal. Man erwartet uns im Mittleren Volksgericht des Hinggan-Bundes. Weil die Erwartung nicht nur der juristischen Busladung gilt, sondern auch deren ganzem deutschen Beigepäck, üben sie jetzt für den Abend ein Lied: "He ho, spann den Wagen an, seht, der Wind treibt Regen übers Land." Der Amtsrichter, nach 25 Berufsjahren als Vorsitzender sich eigentlich für Gruppenreisen untauglich wähnend, singt staunend und aus voller Kehle mit.

Diese Reise verdankt er Gerhard Schröder. Auf den Vorwurf, die Menschenrechte im Reich der Mitte ebenso unterzugewichten wie einst Egon Krenz, begründete der Wirtschaftskanzler im Jahr 1999 den deutsch-chinesischen Rechtsstaatsdialog. Zu dessen Belebung sind seit 2011 Richterdelegationen in beiden Richtungen unterwegs, nun also im Sommer 2018 eine Gruppe aus Berlin und Brandenburg, fein austariert nach Alter, Gerichtsbarkeit und Beförderungsstufen. Zehn Tage lang wird sie zwei Provinzen bereisen, Untere, Mittlere und Obere Volksgerichte besuchen und dabei kaum je 24 Stunden am selben Ort sein.

Es beginnt in Peking, am Obersten Volksgerichtshof, mit Staunen und mit Schaudern. Die Gruppe sitzt in der vierten Etage vor einer gewaltigen, vielfach unterteilten LED-Wand. Auf ihr tanzen in brillanter Animation Schriftzeichen, Zahlen und Diagramme. Es ist die Sternwarte der chinesischen Justiz. Von hier aus lässt sich per Bild und Ton in jeden der 28.000 Gerichtssäle des Landes schalten. Die deutschen Besucher haben die Wahl zwischen 6602 gerade laufenden Verfahren. Die chinesische Dienstaufsicht kontrolliert so ohne Dienstreise die 120.000 Richter des Landes: ob sie pünktlich und ordentlich gekleidet erscheinen, während des Prozesses telefonieren – und wahrscheinlich manches mehr. Doch der Blick in die Gerichte ist nicht Big Brother vorbehalten. Jeder kann sich per Internet einwählen. Und das Erlebte in einem Forum kommentieren. Was das mit ihnen mache, geht die Frage später an die chinesischen Kollegen. Es setze sie enorm unter Druck, sagen sie.

Manchmal wird Amtsrichter Häwelmann aber auch neidisch. Etwa angesichts der automatischen Protokollierung aller Verhandlungen mittels Mikrofon und Spracherkennung. Zu Hause sitzt neben ihm eine Protokollantin, die das Gesagte mitschreibt, oft per Hand. Oder er repetiert das von den Parteien Gesagte zeitaufwendig in ein Diktiergerät. Angesichts von Kantinen mit kostenlosem Mittagessen für alle und gerichtsinternen Fitnessstudios, selbst an kleinen Gerichten, findet er kurzzeitig den chinesischen Sozialismus überlegen. An seinem Gericht gibt es nicht einmal einen Getränkeautomaten. Dass ausgerechnet das autoritäre China Jugendstrafverfahren an runden Tischen durchführt, findet er erstaunlich und konsequent.

Der Screen im vierten Stock gibt der Gruppe eine Vorstellung vom Potenzial dieser Justiz. Alle fünf Minuten ein Update: 58.148 neu eingegangene Verfahren – nur an diesem Tag, bis zu diesem Moment. 24.381 an diesem Tag bislang abgeschlossene Fälle. Es ist nicht zu fassen.

Die Gruppe besichtigt den Großen Sitzungssaal. Einige Kollegen drücken Häwelmann ihre Kameras in die Hand und begeben sich hinter die Richterbank. Das kann nicht euer Ernst sein, will er rufen. Am Obersten Volksgericht werden alle Todesurteile überprüft. Wie viele jährlich rechtskräftig und vollstreckt werden, ist Staatsgeheimnis. Geschätzt wird die Zahl gegenwärtig auf 7000. Häwelmann geht jetzt auch zur Richterbank. Wer diese Reise ernst nimmt, muss sich auf die Kollegenstühle setzen. Muss versuchen, sich hineinzudenken in diesen gemeinsamen Beruf unter chinesischen Bedingungen.