Nun also auf nach Ulanhot. Ein Kolloquium im Mittleren Volksgericht wird den vorläufigen Rechtsschutz im Zivil- und Familienrecht beider Länder vergleichen. Am Amtsgericht Bernau bei Berlin spielt chinesisches Recht keine Rolle. Als das Kolloquium zu Ende ist, stellt Häwelmann fest: Die rechtlichen Regelungen beider Länder liegen nicht weit auseinander. China, diese alte Kulturnation, Geburtsland von Konfuzius (der auch Justizminister gewesen sein soll), hat sich ganz freiwillig entschieden, Streitigkeiten mit den Regeln und Instrumentarien des deutschen Rechts beizulegen. Das zu erleben ist durchaus bewegend. Deutsche Rechtsberater haben geholfen, das Vorhaben umzusetzen. Ulrich Brüggemann, Vorsitzender eines Familiensenats am Berliner Kammergericht, lässt beiläufig fallen, dass er vom ältesten deutschen Oberlandesgericht kommt. Es ist 550 Jahre alt. China hatte während der Kulturrevolution über zehn Jahre quasi keine Justiz und keine juristische Lehre. Das ist nur 42 Jahre her.

Auch in China gibt es einen Dieselskandal von VW, aber nur einen kleinen

Weiter geht es mit dem Flugzeug nach Arxan, nahe der mongolischen Grenze. Am Unteren Volksgericht besuchen wir eine Zivilverhandlung. Im Gerichtsbezirk leben 60.000 Menschen, am Gericht arbeiten 13 Richter; das ist die Häwelmann vom Amtsgericht Bernau vertraute Größenordnung. Allerdings hat sein Gerichtssaal keine Bildschirme, auf denen Verhaltensmaßregeln ("Nicht ausspucken") angezeigt, aber auch Beweismittel präsentiert werden. Vor allem jedoch unterscheidet sich die richterliche Kommunikation. Hier heißt es: "Ich frage, Sie antworten!" Der verhandelte Fall ist einfach, es geht um einen nur teilweise zurückgezahlten Privatkredit über 50.000 Yuan. Das beklagte Ehepaar bestreitet nichts. Weil es nicht danach gefragt wird, hat es auch keine Gelegenheit, seine Säumigkeit zu erklären. Der Richter leitet seine Mediation blumig ein: "Nur mit Toleranz genießt man Sonnenschein im Leben." Schließlich präsentiert er einen Vergleich: Der Kläger soll mit einer Verlängerung des Zahlungszieles um sechs Monate einverstanden sein, danach verdoppele sich der Zinssatz. So kommt es, ohne Diskussion. Weder zieht der Richter in Betracht, dass bereits der ursprüngliche Zinssatz sittenwidrig sein könnte, noch interessiert ihn, ob die sozial schwachen Beklagten zur Rückzahlung des Kredits in der Lage sein werden. Ob für die Parteien nach diesem Ausgang die Sonne scheinen wird, ist fraglich.

Je tiefer die Provinz, desto größer wird die Gastfreundschaft. Längst hat der allgemeine Service zu unserer vollständigen Entmündigung geführt. Als wir vom Gerichtsprogramm in das Hotel zurückkehren, finden wir in den Zimmern unsere Bekleidung des Vortages gewaschen vor, ohne dies bestellt zu haben. Wir sind in einer VIP-Blase unterwegs. Bis wegen eines Unwetters der geplante Flug nach Hohhot gestrichen wird. Unsere Gastgeber halten Krisenrat, dann schicken sie uns auf Schienen weiter. Winkend bleiben sie am Bahnsteig zurück, während wir der Blase entfliehen. Zusammen mit dem gemeinen Volk fahren wir Bummelzug. Sechser-Schlafabteile ohne Türen, aber mit Spucknapf. Doch halt, die Blase werden wir nicht los: Anruf aus Arxan. Das Gericht hat in einem Ort an der Strecke Abendessen für uns bestellt. 20.20 Uhr wird es an den haltenden Zug gebracht.

Häwelmanns Wohlbefinden auf dieser Reise wird zunehmend durch Attacken vorhersehenden Schämens beeinträchtigt. Er stellt sich vor, wie es sein wird, wenn die Chinesen im nächsten Jahr nach Deutschland kommen. Häwelmann weiß, wie es sein wird. Er hat ein paar Jahre als Rechts- und Justizberater im Südkaukasus gearbeitet. Dort brachen die Tische in den Besprechungszimmern beinahe zusammen unter der Last der angebotenen Leckereien. Wenn die Kaukasier nach Deutschland kamen, gab es Lidl-Kekse, Sprudelwasser aus Zweiliterflaschen und Kaffee mit Plastikportiönchen Kaffeesahne.

Doch noch sind wir in China unterwegs, inzwischen in Jinan, Provinz Shandong. Wikipedia vermeldet sechs Millionen Einwohner, Stand 2010. Mittlerweile sollen es elf Millionen sein. Hochhäuser werden hier so zahlreich gebaut, wie man in Brandenburg Straßenlöcher mit Asphalt füllt. Riesige Stalagmitenwälder, fotografisch vom Bus aus nicht zu erfassen; ständig stürzen die Linien.

Am Ankunftsabend laden die Gastgeber vom Oberen Volksgericht der Provinz Shandong – Hüter des Rechts für 100 Millionen Menschen – zu einem Bankett. Es gibt Weinbergschnecken und regionalen Rotwein, der – gambe! – auf ex getrunken wird. Vizepräsident Wu Jinbiao stößt mit jedem einzeln an. Später singen die Deutschen wieder, romantisches Liedgut aus dem 19. Jahrhundert. Dann singt Richter Wu Jing, der als in ganz China berühmter Strafrichter vorgestellt wurde, mit Pavarotti-Pathos "Freude schöner Götterfunken" auf Mandarin. Landrichter Schneider aus Berlin, aktiver Chorsänger, stimmt ein, auf Deutsch. Es könnte die vollendete deutsch-chinesische Harmonie werden, doch Richter Wu versucht, die Oberhand zu behalten, lauter zu sein. Ein Schlüsselmoment dieser Reise vielleicht.