"Die Rechtsstaatlichkeit ist wahrscheinlich die einzige Bastion, wo wir den viel lösungsorientierteren Chinesen noch etwas voraushaben", hatte der Sinologe und China-Kenner Jochen Horn Häwelmann mit auf die Reise gegeben. Wie war das doch früher, als die Verwandten aus dem Westen Häwelmanns Familie in der abgeschlossenen Ost-Bastion besuchten, in der diese den Brüdern und Schwestern rein gar nichts vorauszuhaben glaubte?

Die Nächte sind kurz, die Temperaturen hoch. Immerhin haben unsere Gastgeber pragmatisch den Dresscode gesenkt, für die Männer sind dunkle Hose und helles Hemd angesagt. Herrgott, lass chinesische Berater für lässige und angemessene Herrenbekleidung an deutsche Gerichte kommen! In Jining, nur sechseinhalb Millionen Einwohner, diskutieren wir am Mittleren Volksgericht den Verbraucherrechtsschutz bei Internet-Kaufverträgen (das siebentägige Widerrufsrecht wird in China poetisch "Recht der Reue" genannt), dann ein gemeinsames Problem: Verbraucherrechte im Abgasskandal. Die Chinesen haben einen eigenen; 318 Diesel-Lkw des Kama-Konzerns waren mit einer Software ausgestattet, die Abgaskontrollen austrickste. Das Umweltministerium hat deshalb gegen Kama ein Bußgeld von umgerechnet 4,5 Millionen Euro verhängt. Vom VW-Abgasskandal sind in China 1950 Pkw betroffen. Ein staatlicher Umweltschutzverein hat gegen Volkswagen eine "Klage im öffentlichen Interesse" erhoben. Erste Klageforderung ist – wofür man die Chinesen lieben muss – eine Entschuldigung. Die zweite Klageforderung ist eine herkömmliche, nämlich Schadensersatz. Unbeziffert, da keiner weiß, wie man einen solchen Schaden berechnet. Das Verfahren ist noch anhängig, Ausgang ungewiss.

Unsere Richterkollegen jenseits des Tisches machten kein Hehl daraus, dass sie den VW-Skandal für aufgebauscht halten. Die Sicherheit der Autos sei schließlich nicht betroffen, nur die Umwelt, und das Umweltkriterium spiele beim chinesischen Verbraucher ohnehin keine große Rolle. "Und überhaupt", wandte eine Richterin ein, "das sind doch tolle Autos; ich fahre selbst einen VW und bin sehr zufrieden."

Am nächsten Morgen geht es per Bus nach Qufu. Hier gibt es ein Unteres Volksgericht, vor allem aber verbrachte hier Konfuzius sein Leben. Der Stolz auf den größten Sohn der Provinz Shandong ist nicht zu überhören. Sätze werden mit "Wie schon Konfuzius sagte ..." eingeleitet. In unserer zunehmend konfuziuskonfusen Delegation stehen wir kurz davor, ein strafbewehrtes internes Konfuzius-Verbot zu erlassen.

Der chinesische Richter fragt, wie Karl Marx in Deutschland gewürdigt wird

Häwelmann spaziert auf dem Gelände des Konfuzius-Tempels neben Vizepräsident Wu unter dem Tor zur Aufweitung der Moral hindurch. Es drängen sich Fragen auf: "Konfuzius soll ein Moralphilosoph, zeitweise aber auch Richter und Justizminister gewesen sein. Werden Sie als Richter gelegentlich um moralischen Rat gefragt? Und erleben Sie eine Diskrepanz zwischen Recht und Moral?" Wu ist ein gebildeter Mann. Er hatte sich zuvor nach der aktuellen Hegel-Rezeption in Deutschland, dem Ansehen von Karl Marx und der seelischen Verfassung der Ostdeutschen nach der Wiedervereinigung erkundigt. Jetzt muss er nicht lange nachdenken. Da gebe es keine Diskrepanz, sagt er. Die Moral sei dem Recht immanent.

Häwelmann ist überzeugt, dass Wu so denkt – und es nicht etwa nur sagt, weil Staatspräsident Xi Jinping (dessen Personenkult übrigens nicht sichtbar ist, selten nur sieht man ein ausgestelltes Bild von ihm) zugleich Vorsitzender der Reformgruppe für Demokratie und Justiz in der Kommunistischen Partei Chinas ist. An der Stelle hätte Häwelmann gern weiterdiskutiert, etwa über Grundrechte hier wie da und deren Schutz, über richterliche Unabhängigkeit und Ethik, über wahrscheinlich unterschiedliche Auffassungen von den Prüfsteinen für einen Rechtsstaat und die von ihm zu bändigenden, beileibe nicht nur in Europa umhergehenden Gespenster. Doch Muße ist im Programm nicht vorgesehen, und so reichen am Ende zehn Tage durch Chinas Justiz nicht, um zu sehen und zu sagen, wie sie wirklich ist.

Immerhin schließt Häwelmann noch seinen Frieden mit Konfuzius. An der Kuppel der Konfuzius-Akademie entdeckt er einen Auszug aus Li Ji, dem Buch der Riten: "Wäre das große Dao verwirklicht, herrschte überall auf der Welt der Gemeingeist. Dann würde nur befördert, wer tugendhaft und talentiert ist." Häwelmann denkt: Welch ein schöner Kalenderspruch für alle Personalabteilungen dieser Welt, auch der deutschen Justiz.