Es gibt nur wenige Länder, in denen autoritäre Herrschaft so total versagt hat, so verheerend gescheitert ist wie im Deutschland des 20. Jahrhunderts. Da verwundert es nicht, dass hier noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts alle Formen nichtautoritärer Herrschaft als besonders schutzbedürftig gelten. Schon der Flügelschlag eines Schmetterlings resp. müde Wimpernschlag einer Kanzlerin reicht aus, um eine Krise der Demokratie auszurufen und in langen Leitartikeln und scharfen Posts die gewichtige Frage zu stellen, ob unser Berliner Bonn nicht doch Weimar ist.

Die Krise der Demokratie. Die herrscht in der Bundesrepublik eigentlich immer. Gerade jetzt, zum 100. Jahrestag der großen deutschen Monarchenaustreibung und Ausrufung der Republik am 9. November 1918, darf wieder mit Schwung darüber deliberiert werden. Zumal sich die Wahlergebnisse Weimarer Margen nähern. Man könnte auch sagen niederländischen Margen oder normaleuropäischen, aber Weimarer klingt natürlich dramatischer, weil: Krise der Demokratie, Krise der BRD.

Schon in den Fünfzigerjahren gab es Warnungen vor der westdeutschen "Scheindemokratie", in den Sechzigern fragte nicht nur Karl Jaspers ultimativ besorgt: "Wohin treibt die Bundesrepublik?" In den Siebzigern drohte der Demokratienotstand (RAF und FJS), in den Achtzigern der Atomstaat. Nur in den Neunzigern waren alle mal kurz superglücklich: "Freiheit, schöner Götterfunken", die Demokratie hatte gesiegt, alles war so möglich. Aber schon kam der Turbokapitalismus über die Deutschen, vor allem im Osten die fatalen "Inwester", und seit der Jahrtausendwende geht es mit der Demokratie mal wieder vollends talwärts. Denn schon vor "Köln" war klar: Deutschland schafft sich ab, und nach "Chemnitz" weiß jeder: Bis 33 sind es keine 15 Weimarer Jahre mehr.

Eine tüchtige Portion Angstlust ist dabei. Und Misstrauen. Ach, wir Deutschen, ach. Hatten wir nicht immer Schwierigkeiten mit der Demokratie? Haben doch noch nie eine Revolution hingekriegt. Sind doch von Natur aus knechtselige Gestalten, die nach oben freudig buckeln und nach unten grimmig treten. Nur gut, dass uns die Amerikaner 1945 endlich eingewestet haben, nachdem es den Franzosen 1789 nicht gelungen war.

Es gibt diese sonderbare deutsche Fixiertheit auf die Autoritätsgeschichte, auf Könige, Kaiser und Führer, nicht nur unter Konservativen, sondern auch unter Linken und Liberalen. Als wäre, bei aller Monstrosität des Zivilisationsbruchs von 1933, die deutsche Repressionsgeschichte nicht Teil einer universellen Repressionsgeschichte. Und umgekehrt: Als gäbe es da nicht die deutsche Emanzipationsgeschichte, die Teil der universellen Emanzipationsgeschichte ist und zum "Befreiungskriege der Menschheit" (Heinrich Heine) manches Wort als Waffe geliefert hat.

So erinnern wir zum Beispiel an das große, allen Demokratien völlig unentbehrliche Wort von der "Würde des Menschen" und an den, der es prägte: der deutsche Naturrechtsphilosoph Samuel von Pufendorf. Wir? Na ja, die Amerikaner erinnern daran. Wie 1926, zur 150-Jahr-Feier ihrer Unabhängigkeitserklärung, der US-Präsident Calvin Coolidge: Pufendorfs Schriften "haben der Freiheit des amerikanischen Volkes den Weg gewiesen".

Kann das sein? Ein Deutscher neben Locke und Rousseau als Teil der Menschenrechts-Avantgarde? Niemals.

Seit den Tagen des Versailler Ballhausschwurs erklingt das Lied von den untertänigen Teutonen, vom tragischen Sonderweg. "Ach du warest es nicht, mein Vaterland, das der Freyheit / Gipfel erstieg, Beyspiel strahlte den Völkern umher: / Frankreich wars!", klagt Klopstock 1790.

Doch schon sein Zeitgenosse Knigge, politisch der hellere Kopf, analysiert 1793 kühl die Gründe, warum die "Germanen" zögern, es den "Franken" nachzutun, und ein spezieller Nationalcharakter gehört nicht dazu. Vielmehr herrschen in Deutschlands Staaten eben ganz unterschiedliche politische Temperaturen: In diesem gibt es eine größere politische Toleranz als in jenem (eine größere gewiss auch als in Frankreich), dafür darf in jenem ein jeder nach seiner Religion selig werden (was in Frankreich schon gar nicht möglich ist). Es existiert keine Hauptstadt als Zentrum des Reiches, kein Paris; Wien ist lediglich die Kaiserstadt. Die Unterschiede zwischen Oben und Unten fallen geringer aus als auf der anderen Seite des Rheins. Die Wirtschaft bleibt an die vielen kleinen Höfe gebunden, von denen auch manche Freie Stadt lebt und nicht zuletzt und oftmals gar nicht schlecht das intellektuelle Prekariat wie unsere lieben Klassiker in Sachsen-Weimar.

Die deutsche Republik war überfällig

Im Übrigen fehlt es von Köln bis Königsberg nicht an Revolutionssympathisanten. Es gibt bedeutende politische Aufklärer, manch frühen Demokraten. Knigge selbst gehört dazu.

In den letzten Jahren haben Historiker das Klischee vom exklusiv demokratieresistenten Deutschland zerpflückt. Historische Komparatistik hat nachgezeichnet, wie viele Parallelen es in den nationalen Freiheitsgeschichten gibt, ob es nun um die Menschenrechte geht, um den Streit zwischen parlamentarischer und direkter Demokratie oder um die Urfrage jeder Volksherrschaft, was denn das überhaupt sei: der demos, das Volk, le peuple. Untersuchungen, die belegen, dass der politische Fortschritt überall eine Schnecke ist, wenngleich er auch nirgendwo sonst wie in Deutschland über den Abgrund eines mehrfachen Völkermords hinwegfinden musste.

So zeigt die Hamburger Historikerin Hedwig Richter in ihrem 2017 erschienenen Buch zu den Wahlen in Preußen und den USA, wie nah im 19. Jahrhundert die politische Praxis in den beiden Ländern beieinanderlag. Dabei kommt eben auch ein Amerika in den Blick, das tief gezeichnet war vom Massenverbrechen der Sklaverei. Und ihr Berliner Kollege Paul Nolte wies 2011 in seinem Kompendium Was ist Demokratie? eigens darauf hin, dass selbst England (Magna Charta! Bill of Rights!) mehr als ein Jahrhundert brauchte, um eine moderne Demokratie zu etablieren: "Nicht weniger als sechs verschiedene Reformgesetze waren zwischen 1832 und 1948 nötig, bis das Prinzip 'one person, one vote' uneingeschränkt galt." Auch hier hatte sich der Parlamentarismus schon zuvor keineswegs so organisch-evolutionär entwickelt wie gern suggeriert: Der Widerstand gegen den absolutistisch gesinnten Karl I. führte 1642 in einen brutalen, siebenjährigen Bürgerkrieg und endete mit der Hinrichtung des Königs auf dem Schafott.

Anderthalb Jahrhunderte später fiel der Kopf des sechzehnten Ludwig. Doch die gloriose erste französische Revolution mündete in die Militärdiktatur des Generals Bonaparte, die zweite, 1830, in das Regime des Birnenkönigs Louis Philippe, die dritte, 1848, in die Autokratie Napoleons III. Sie kriegen einfach keine Revolution hin, diese Franzosen! Und wer bitterlich beklagt, dass der große Dichter und Freiheitsfreund Heinrich Heine ob der deutschen Zustände sein halbes Leben im Pariser Exil leben musste, der sei daran erinnert, dass auch der große Freiheitsfreund und Dichter Victor Hugo ob der französischen Zustände unter Napoleon III. zwei Jahrzehnte aus seiner Heimat vertrieben war. Es brauchte schon eine vernichtende militärische Niederlage – 1870/71 gegen Preußen-Deutschland –, um der autoritären Herrschaft den Garaus zu machen und die Republik der Franzosen endlich auf stabile Füße zu stellen. Und für ihr Wahlrecht mussten die Französinnen sogar noch ein Vierteljahrhundert länger kämpfen als die deutschen Frauen.

Dabei waren es just Frauen in der Französischen Revolution von 1789 gewesen, die als Erste ihre Gleichstellung eingeklagt hatten. Während es wiederum deutsche Aufklärer waren, die den Anstoß zur Judenemanzipation gaben, allen voran Christian Wilhelm Dohm. Seine Schrift Über die bürgerliche Verbesserung der Juden von 1781 hatte er gleich ins Französische übersetzen lassen. Sie inspirierte einflussreiche Revolutionäre der ersten Stunde wie Mirabeau und den Abbé Grégoire. Im September 1791 verkündete die Pariser Nationalversammlung die Emanzipation der Juden. Erstmals in der Geschichte Europas waren sie nun den christlichen Mitbürgern in ihren Rechten gleichgestellt.

Vor allem der Völkerfrühling von 1848 zeigt vielfache Gemeinsamkeiten. Zwar scheint die Revolution jenseits des Rheins erfolgreicher zu verlaufen als diesseits, wo die Demokraten am Fuße des Throns haltmachen; in Paris wird der Thron der Bourbonen verbrannt. Doch am Ende steht hier wie dort die Angst der Bürger vor ihren Barrikaden-Alliierten, den Handwerkern und Arbeitern, die Angst der Liberalen vor den Demokraten. In Frankreich führt das zu den barbarischen Juni-Massakern und schließlich zur Diktatur Napoleons III. In Deutschland unterliegt die gespaltene Freiheitsbewegung der preußischen Militärmonarchie: Die blutige Kampagne gegen die reichsverfassungstreuen Sachsen, Pfälzer, Badener, Rheinländer und Schlesier wird zum ersten "Einigungskrieg" und bereitet Bismarcks fataler Gewaltpolitik mit drei weiteren "Einigungskriegen" gegen Dänemark, Österreich und Frankreich den Weg.

Napoleon III. sollte Frankreichs letzter gekrönter Autokrat bleiben. In Deutschland dauerte es noch knapp fünf Jahrzehnte länger, bis sich die Fürsten und Fürstchen nach dem siegreichen Aufstand der Matrosen davonmachten wie Diebe in der Nacht. Die jähe Implosion der deutschen Monarchien im November vor hundert Jahren war die Konsequenz aus der Unfähigkeit der Serenissimi zum politischen Kompromiss. Bis zuletzt wollten sie, so zeitgemäß sie sich nach außen hin gaben, von ihrem Gottesgnadentum nicht lassen.

Die deutsche Republik war überfällig. Sie hatte sich mehr als ein Jahrhundert lang vorbereitet. Von 1792/93, als in Mainz erstmals die moderne Demokratie gewagt wurde, bis hin zu den letzten Reichstagsreformen noch im Oktober 1918, als das nationale Parlament endlich weitgehende Souveränität erhielt. Dazwischen lagen zig Verfassungen, Wahlrechtsnovellen, Schritte nach vorn, Schritte zurück. Immer wieder stritt man um die Fragen: Wer darf wählen? Welche Kompetenzen hat das Parlament? Es ging um das Wahlrecht nach Besitz und Zensus, nach Herkunft und Geschlecht. Es ging um das Recht der Abgeordneten, über den Staatshaushalt zu entscheiden, über Krieg und Frieden.

Die Weimarer Verfassung

Mal schreiten die süddeutschen Länder voran, Baden, Bayern, Württemberg, mit ihren Verfassungen, mal Preußen mit seiner neuen Städteordnung, die auf kommunale Selbstverwaltung setzt. Der erste moderne Plenarsaal auf deutschem Boden entsteht 1810 für die Reichsstände des Königreichs Westphalen in Kassel. Das erste mit ernsthaften Rechten ausgestattete deutsche Parlament, die Zweite Kammer des Badischen Landtags in Karlsruhe, wird 1819 eröffnet. Erhebungen im Revolutionsjahr 1830 erzwingen moderne Verfassungen in Sachsen, Hessen-Kassel, Hannover, Braunschweig. Das in der Paulskirche beschlossene allgemeine, freie Männerwahlrecht – damals noch eine Rarität in Europa – wird 1867 im Norddeutschen Bund und 1871 im Deutschen Reich umgesetzt, während Preußen beim Dreiklassenwahlrecht bleibt. Nur die letzten Freien Städte, Lübeck, Hamburg, Bremen, Frankfurt am Main, ausgerechnet sie, die sich immer so gern als republikanische Avantgarde gefeiert haben, fallen zu Beginn des Jahrhunderts zurück. Nicht nur beim Wahlrecht. Lübeck und Bremen bringen es sogar fertig, sich der Judenemanzipation zu verweigern, und treiben 1816/19 ihre jüdischen Bürger aus der Stadt.

Die Reichsverfassung von 1849 macht allem Mittelalterspuk ein Ende. Selbstverständlich Religionsfreiheit, selbstverständlich Pressefreiheit, Redefreiheit, Versammlungsfreiheit, Niederlassungsfreiheit, die freie Berufswahl, das allgemeine, freie und geheime Männerwahlrecht. Und selbstverständlich wird die Todesstrafe abgeschafft.

Die Weimarer Verfassung baut darauf auf, sie ist ohne die Arbeit in der Paulskirche nicht zu denken. Man hat sie später gern für das bittere Ende der Weimarer Republik verantwortlich gemacht. Doch gerade jetzt zum Jubiläum erweist ein neuer Blick, dass dieses Urteil nur Vorurteil ist. In ihrem Buch Das Wagnis der Demokratie zeigen Dieter Grimm, Michael Stolleis, Christopher Clark und andere bekannte Historiker und Juristen, wie umsichtig und mutig die Weimarer Nationalversammlung ans Werk gegangen ist; der ehemalige Verfassungsrichter Udo Di Fabio kommt in seinem gerade erschienenen Band über das Thema zu keinem anderen Schluss. Und wer in der neuen, tausendseitigen Monografie Die Entstehung der Weimarer Reichsverfassung des hannoverischen Rechtshistorikers Jörg-Detlef Kühne liest, der kann ermessen, welche Leistung 1919 gelang.

Nein, an der Verfassung lag es ganz bestimmt nicht, dass Weimar gescheitert ist. Weimar ist auch gar nicht "gescheitert". Weimar ist zerstört worden. Zu den Zerstörern gehörten vom allerersten Tag an jene, die das überfällige Ende der Monarchie nicht verkraften konnten. Deutschlands Konservative befanden sich Ende 1918 im Schockzustand. Er sei, schreibt zum Beispiel der rasende Untertan Oswald Spengler, "vor Ekel beinahe erstickt". Nichts empörender, als erleben zu müssen, wie sich nun "jeder Lumpenhund" erlaube, den Kaiser zu schmähen, "dem Manne Kot anzuwerfen, der 30 Jahre lang selbstlos und aufopfernd an der Größe Deutschlands mitgearbeitet" habe.

Die "Judenrepublik" musste verschwinden und die autoritäre Herrschaft neu begründet werden. Oder wie es 1923 der Ex-Herzog Bernhard von Sachsen-Meiningen so bündig formulierte: Der Deutsche sei nur gut und brauchbar unter einer festen Hand, die auch die Peitsche zu schwingen verstehe. Das stand für Deutschlands Konservative von Anfang an fest. Und darin mag wirklich eine deutsche Besonderheit liegen. Denn größer als in anderen westlichen Ländern blieb hier der Abstand der Konservativen zum parlamentarischen System. "Einen überzeugten demokratischen Konservatismus", schreibt Paul Nolte , "hatte es in Deutschland – erst recht in Preußen – eigentlich nie gegeben."

Und doch saßen schon in der Paulskirche auch eiserne Konservative (wie der preußische General Joseph von Radowitz), die nicht unbedingt auf die sofortige Selbstabschaffung des Parlaments sannen. Nur war von ihnen eben kein Widerstand zu erwarten, als der Rest der Nationalversammlung, das Rumpfparlament, das sich nach Stuttgart geflüchtet hatte, im Juni 1849 von württembergischem Militär auseinandergetrieben wurde. Als die Monarchie rief, standen sie wieder bei Fuß. Für sie hatte sich erwiesen: Die Demokratie ist dem Deutschen wesensfremd.

Es passt eben nicht zusammen: deutsch und frei. Wie in einem spiegelverkehrten Reflex schien die alte Maxime des Konservatismus in diesen Tagen noch einmal auf. Ausgerechnet vor den großen "Unteilbar"-Demonstrationen in Hamburg, Berlin und anderen Städten wurde heftig darüber gezankt, ob das Mitführen schwarz-rot-goldener Fahnen zu billigen sei. Nein, meinten die Internationalisten der strengen Observanz resp. Ignoranz, das sei unmöglich. Blanker Faschismus. Aber ja, befanden dagegen die unerschütterlichen 48er, denn diese Fahne, diese Farben ständen für das Deutschland der Freiheit.

Am Ende steht die Weltrepublik

In der Tat. Schwarz, Rot, Gold sind nicht die deutschen Farben. Sondern die Farben der deutschen Demokratie. Die Farben des Hambacher Festes, der Barrikaden von 48, der Weimarer Republik. Die Farben, die 1933 von den Rechtspopulisten verbrannt worden sind. Die Farben des Wintermärchens von 1989. Und des Sommermärchens von 2015: als Farben der Hoffnung in der Hand so manches Flüchtlings. Sie bilden die deutsche Trikolore – was wiederum auf die gemeinsamen Anfänge verweist, auf jene Tage der französischen Trikolore, als Blau, Weiß, Rot, ob als Fahne oder als Kokarde, zum Erkennungszeichen der Freiheit wurden, in den Straßen von Paris genauso wie in Deutschlands Hörsälen.

Ins Jahr 1789 führen die Wege zurück. Und von hier aus führen sie weiter. Denn alles, was wir heute an Formen der Demokratie ausprobieren, alles, worüber wir heute streiten – Parlament oder Plebiszit, Basis- oder Konsensdemokratie –, wurde damals diskutiert, in New York und Paris, in Mainz und Leipzig. Es war der französische Mathematiker und Revolutionär Condorcet, den die Idee einer möglichst demokratischen Demokratie faszinierte. Er wollte direkte und parlamentarische Formen vereinen. Dazu entwarf er Primärversammlungen, die als lokale Bürgerforen über Vermittlungsinstanzen mit dem Parlament verbunden sein sollten. Die Medien – damals Bücher und Zeitungen – sollten den Prozess der permanenten demokratischen Willensbildung und Entscheidung unterstützen.

"Tout pour le peuple, tout par le peuple, tout au peuple", schrieb der Abbé Fauchet 1791. Noch Philipp Scheidemann beflügelte die Parole bei seiner Ausrufung der Republik am 9. November 1918 vom Reichstag aus: "Alles für das Volk! Alles durch das Volk!" Der amerikanische Präsident Abraham Lincoln hatte daraus bereits 1863 in seiner Ansprache auf dem Schlachtfeld von Gettysburg jenes "government of the people, by the people, for the people" gemacht, das "niemals von der Erde verschwinden" dürfe.

Kein Sorge, Mr. President. Die Demokratie hat sich seit Gettysburg wacker geschlagen, zwei Schritte vor, einer zurück. Die traditionsreiche NGO Freedom House in Washington beobachtet mal mit Freude, mal mit Sorge das Auf und Ab rund um den Globus; 2017 beurteilte sie 45 Prozent aller Staaten weltweit als free, 30 Prozent als partly free und 25 Prozent als lupenreine Autokratien.

Gewiss verwandelt sich auch unsere verwackelte Europäische Union noch in eine Republik. Vielleicht nach dem volksnahen Modell des genialischen Vordenkers Leopold Kohr aus dem Salzkammergut. 1941 schlug er ein Europa der gewachsenen Regionen vor, der Kantone, der kleinen selbstorganisierten Einheiten, die sich, heutige Ländergrenzen ignorierend, von unten auf zu einem neuen Ganzen zusammenschließen.

Und eines Tages wird selbst die Vollversammlung der Vereinten Nationen ein echtes Parlament sein, ganz so, wie es Condorcets Freund und Protegé, der deutsche Baron Cloots aus Kleve, 1792 vorausgesehen hat. Ein Visionär? Ein Schwärmer? Ein Rationalist. Cloots hat den Gedanken der Freiheit zu Ende gedacht. No border, no nation: Am Ende des langen Weges steht die République Universelle, die Weltrepublik.

Noch lange hin, vielleicht. Und gerade jetzt, gerade jetzt scheint doch die Demokratie wieder in der Krise ...

Ach, Deutschland! Ach was. Bundeskanzler Willy Brandt hat es gesagt, am Schluss seiner berühmten Antrittsrede vom 28. Oktober 1969 im Bundestag: "Wir stehen nicht am Ende unserer Demokratie, wir fangen erst richtig an."