Mal schreiten die süddeutschen Länder voran, Baden, Bayern, Württemberg, mit ihren Verfassungen, mal Preußen mit seiner neuen Städteordnung, die auf kommunale Selbstverwaltung setzt. Der erste moderne Plenarsaal auf deutschem Boden entsteht 1810 für die Reichsstände des Königreichs Westphalen in Kassel. Das erste mit ernsthaften Rechten ausgestattete deutsche Parlament, die Zweite Kammer des Badischen Landtags in Karlsruhe, wird 1819 eröffnet. Erhebungen im Revolutionsjahr 1830 erzwingen moderne Verfassungen in Sachsen, Hessen-Kassel, Hannover, Braunschweig. Das in der Paulskirche beschlossene allgemeine, freie Männerwahlrecht – damals noch eine Rarität in Europa – wird 1867 im Norddeutschen Bund und 1871 im Deutschen Reich umgesetzt, während Preußen beim Dreiklassenwahlrecht bleibt. Nur die letzten Freien Städte, Lübeck, Hamburg, Bremen, Frankfurt am Main, ausgerechnet sie, die sich immer so gern als republikanische Avantgarde gefeiert haben, fallen zu Beginn des Jahrhunderts zurück. Nicht nur beim Wahlrecht. Lübeck und Bremen bringen es sogar fertig, sich der Judenemanzipation zu verweigern, und treiben 1816/19 ihre jüdischen Bürger aus der Stadt.

Die Reichsverfassung von 1849 macht allem Mittelalterspuk ein Ende. Selbstverständlich Religionsfreiheit, selbstverständlich Pressefreiheit, Redefreiheit, Versammlungsfreiheit, Niederlassungsfreiheit, die freie Berufswahl, das allgemeine, freie und geheime Männerwahlrecht. Und selbstverständlich wird die Todesstrafe abgeschafft.

Die Weimarer Verfassung baut darauf auf, sie ist ohne die Arbeit in der Paulskirche nicht zu denken. Man hat sie später gern für das bittere Ende der Weimarer Republik verantwortlich gemacht. Doch gerade jetzt zum Jubiläum erweist ein neuer Blick, dass dieses Urteil nur Vorurteil ist. In ihrem Buch Das Wagnis der Demokratie zeigen Dieter Grimm, Michael Stolleis, Christopher Clark und andere bekannte Historiker und Juristen, wie umsichtig und mutig die Weimarer Nationalversammlung ans Werk gegangen ist; der ehemalige Verfassungsrichter Udo Di Fabio kommt in seinem gerade erschienenen Band über das Thema zu keinem anderen Schluss. Und wer in der neuen, tausendseitigen Monografie Die Entstehung der Weimarer Reichsverfassung des hannoverischen Rechtshistorikers Jörg-Detlef Kühne liest, der kann ermessen, welche Leistung 1919 gelang.

Nein, an der Verfassung lag es ganz bestimmt nicht, dass Weimar gescheitert ist. Weimar ist auch gar nicht "gescheitert". Weimar ist zerstört worden. Zu den Zerstörern gehörten vom allerersten Tag an jene, die das überfällige Ende der Monarchie nicht verkraften konnten. Deutschlands Konservative befanden sich Ende 1918 im Schockzustand. Er sei, schreibt zum Beispiel der rasende Untertan Oswald Spengler, "vor Ekel beinahe erstickt". Nichts empörender, als erleben zu müssen, wie sich nun "jeder Lumpenhund" erlaube, den Kaiser zu schmähen, "dem Manne Kot anzuwerfen, der 30 Jahre lang selbstlos und aufopfernd an der Größe Deutschlands mitgearbeitet" habe.

Die "Judenrepublik" musste verschwinden und die autoritäre Herrschaft neu begründet werden. Oder wie es 1923 der Ex-Herzog Bernhard von Sachsen-Meiningen so bündig formulierte: Der Deutsche sei nur gut und brauchbar unter einer festen Hand, die auch die Peitsche zu schwingen verstehe. Das stand für Deutschlands Konservative von Anfang an fest. Und darin mag wirklich eine deutsche Besonderheit liegen. Denn größer als in anderen westlichen Ländern blieb hier der Abstand der Konservativen zum parlamentarischen System. "Einen überzeugten demokratischen Konservatismus", schreibt Paul Nolte , "hatte es in Deutschland – erst recht in Preußen – eigentlich nie gegeben."

Und doch saßen schon in der Paulskirche auch eiserne Konservative (wie der preußische General Joseph von Radowitz), die nicht unbedingt auf die sofortige Selbstabschaffung des Parlaments sannen. Nur war von ihnen eben kein Widerstand zu erwarten, als der Rest der Nationalversammlung, das Rumpfparlament, das sich nach Stuttgart geflüchtet hatte, im Juni 1849 von württembergischem Militär auseinandergetrieben wurde. Als die Monarchie rief, standen sie wieder bei Fuß. Für sie hatte sich erwiesen: Die Demokratie ist dem Deutschen wesensfremd.

Es passt eben nicht zusammen: deutsch und frei. Wie in einem spiegelverkehrten Reflex schien die alte Maxime des Konservatismus in diesen Tagen noch einmal auf. Ausgerechnet vor den großen "Unteilbar"-Demonstrationen in Hamburg, Berlin und anderen Städten wurde heftig darüber gezankt, ob das Mitführen schwarz-rot-goldener Fahnen zu billigen sei. Nein, meinten die Internationalisten der strengen Observanz resp. Ignoranz, das sei unmöglich. Blanker Faschismus. Aber ja, befanden dagegen die unerschütterlichen 48er, denn diese Fahne, diese Farben ständen für das Deutschland der Freiheit.