Das Wort Musterfeststellungsklage gehört zu den wenigen juristischen Fachbegriffen, die es in die Abendnachrichten geschafft haben. Die seit Anfang November mögliche neue Klageform erleichtert es Verbrauchern, in großer Zahl gemeinsam vor Gericht zu gehen. Interessant ist sie derzeit vor allem für die Besitzer manipulierter Dieselautos, die sich von Volkswagen betrogen fühlen.

Stellvertretend für Tausende führen der ADAC und der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) nun die erste Musterfeststellungsklage. Unangenehm ist sie nicht nur für den Autokonzern. Sie gefährdet auch das Geschäftsmodell zahlreicher Anwaltskanzleien, juristischer Dienstleister und Prozessfinanzierer, die bislang vom Streit um Schadensersatz profitieren: Wer immer sich der Musterklage anschließt, fällt für sie als potenzieller Mandant erst mal aus. Also kämpfen sie verbissen um jeden unentschlossenen Dieselbesitzer. Und das teilweise mit Methoden, die für Betroffene so undurchsichtig sind wie die Abgaswolken über der Stuttgarter Innenstadt.

Möglich ist das, weil viele Wege zum Recht führen; die Musterfeststellungsklage ist nur einer davon. Andere Wege bieten Verbrauchern andere Chancen und Risiken, sind für die Rechtsberatungsindustrie aber wirtschaftlich interessanter. Zahlreiche Anbieter schalten Werbung im Umfeld von Google-Suchen – was teilweise so wirkt, als würden sie Interessenten gezielt umleiten wollen. "Wer sich für eine Musterfeststellungsklage interessiert, landet am Ende womöglich bei einer ganz anderen Klageform", sagt Leon Heuser, Gründer der Online-Plattform DeineKlage, die Informationen über die neuen Musterverfahren anbietet. "Unter diesem Stichwort werden teilweise Angebote beworben, die mit einer Musterfeststellungsklage gar nichts zu tun haben."

Google-Anzeigen sind ein gängiges Instrument der Kundenakquise. Bei einer Top-Positionierung zum Suchbegriff "Musterfeststellungsklage" sind Firmen teilweise bereit, mehr als fünf Euro pro Klick zu zahlen, wie aus Googles Datenbank hervorgeht.

Bei den Suchergebnissen tauchen dann unter anderem Anzeigen von Verbraucherhilfe24 (Eigenwerbung: "das Rechtsportal") auf. Wer darauf klickt, landet bei einem Anbieter, der verspricht, eine "Diesel-Abgasskandal Klage" zu erheben und Schadensersatz durchzusetzen. Im Angebot hat Verbraucherhilfe24 aber nur zwei Varianten: eine herkömmliche Einzelklage für jene Dieselbesitzer, deren Rechtsschutzversicherung sämtliche Anwaltskosten übernimmt. Und eine, bei der Verbraucherhilfe24 im Erfolgsfall eine Provision kassiert: "Als grobe Orientierung können wir einen Rahmen von 11 bis 35 Prozent der für Sie erkämpften Summe angeben", erklärt das Unternehmen auf seiner Website.

Nur eines scheint an dieser Stelle keine Option mehr zu sein: die Musterfeststellungsklage. Obwohl bei Google genau danach gesucht wurde. Und obwohl sie keine Rechtsschutzversicherung und keinen eigenen Anwalt erfordert. Telefonisch war die Pressestelle von Verbraucherhilfe24 nicht zu erreichen. Auf eine Mail mit Fragen reagierte die Firma nicht.

Das könnte auch daran liegen, dass nur wenige Organisationen eine Musterfeststellungsklage überhaupt führen dürfen. Diese sogenannten qualifizierten Einrichtungen sind beim Bundesamt für Justiz registriert. Derzeit sind es 78, es sind Mieterbünde, Verbraucherzentralen und Verbände wie der ADAC – nicht jedoch Verbraucherhilfe24 und andere Unternehmen. Das Zulassungssystem soll sicherstellen, dass Verbraucherinteressen stets im Vordergrund stehen. Bei der Suche nach Mandanten verschafft es den qualifizierten Einrichtungen aber auch einen Wettbewerbsvorteil gegenüber allen anderen.