Um zu ermessen, was Digitalisierung der Arbeit in der Zukunft bedeutet, hilft ein Blick in die Vergangenheit. Er lehrt, dass Umbrüche in der Arbeitswelt, sosehr man sie als Fortschritt begrüßen mag, bei den Betroffenen regelmäßig zu einem Gefühl des Entwertetseins führen. Dieses Gefühl wiederum ist eine der mächtigen Triebkräfte politischer Radikalisierung.

© Carolin Löbbert für DIE ZEIT

Es waren nicht nur die Demütigungen des verlorenen Krieges und auch nicht nur Massenarbeitslosigkeit und Verarmung, die dem Nationalsozialismus Scharen von Anhängern zutrieben. Vielleicht noch tiefer ging der Wertverlust körperlich verrichteter Arbeit durch die Ausbreitung der Fabrikproduktion: Im Zuge der industriellen Revolution wurde der menschliche Körper in ein Wettrennen mit der Maschine gezwungen; im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts wurde seine Niederlage unübersehbar. Nicht zufällig kommt es gerade in dieser Zeit zu einem Kult männlicher Kraft, den sich totalitäre Regime mit ihrer Verherrlichung muskulöser Arbeiterhelden zunutze machten.

Auskommen, Berufsstolz und Lebenssinn

Heute ist es umgekehrt. Heute lösen die Schließung von Fabriken und die Abwanderung ganzer Industriezweige Erfahrungen der Deklassierung aus. Sie lassen ehemals intakte Sozialräume als Ruinen zurück. Bei denen, die sich dadurch um Auskommen, Berufsstolz und Lebenssinn gebracht fühlen, wächst die Wut. Weil ein tragfähiges Geschäftsmodell für deindustrialisierte Zonen außerhalb einzelner Wohlstandsinseln nicht in Sicht ist, bietet auch die Zukunft wenig Trost.

Das steht vor Augen, wenn sich nun abzeichnet, dass durch digitale Automatisierung neuerlich große Bereiche menschlicher Arbeit ersetzbar werden – und dies nicht mehr nur im Segment gering qualifizierter körperlicher Arbeit. Während voraussichtlich Millionen Beschäftigte in prekäre Verhältnisse abgleiten werden, geht der Siegeszug der Digitalisierung mit Monopolbildungen gigantischen Ausmaßes einher. Es ist eine Illusion, zu glauben, dass sich diese Prozesse in den einzelnen Staaten noch autonom steuern ließen.

Wer ist "wir"?

Einerseits haben es die politischen Entscheider mit transnationalen Wirtschaftsdynamiken zu tun, die sich von ihnen nur begrenzt beeinflussen lassen. Andererseits finden sie sich einer erwartbar immer größeren Empörung in dem Teil der Bevölkerung gegenüber, der mit der Aussicht konfrontiert ist, aus dem Produktionsprozess ausgegliedert und in der globalisierten Ökonomie überzählig gemacht zu werden, und deshalb für den Rückzug aus internationalen Verflechtungen votiert. Jede Debatte wird in Gefahr sein, sich zwischen diesen beiden Tendenzen aufzureiben.

Auf der menschenwürdigen Gestaltbarkeit der künftigen digitalen Arbeitswelt zu bestehen und darüber nachdenken zu wollen, "wie wir als Gesellschaft leben wollen" – das sind gute Vorsätze. Aber wenn sie mehr als Kirchentagsappelle sein und für die unmittelbar Betroffenen nicht wie paternalistischer Hohn klingen sollen, stellt sich noch eine andere Frage: Wer ist "wir"?