Ein Häuschen, im Hochland der Anden, davor ein alter Jeep – und ein Schuppen, in dem der bescheidene Wohlstand der Familie geschaffen wird. Stolz zeigt der Besitzer, Vater von fünf Kindern, dessen Quelle: ein paar Stick- und Webmaschinen, die sich mithilfe einfacher Softwareprogramme auf unterschiedliche Muster im Stil der traditionellen Festbekleidung einstellen lassen und surrend die Stoffbahnen verarbeiten. In dieser Region haben sich noch vor wenigen Jahrzehnten ganze Familien tagein, tagaus an den Webstühlen und Stickmaschinen geschunden. Dann hat eine Entwicklungsbank einigen von ihnen Kredite für den Kauf von Maschinen gewährt, und sie haben nach und nach technisch aufgerüstet. Jetzt arbeiten die Maschinen von selbst. Ihr Eigentümer, seine Frau und seine älteren Kinder konzentrieren sich auf das Zeichnen neuer Entwürfe, auf die Qualitätskontrolle und die Vermarktung der Ware.

Die Arbeit im Schweiße des Angesichts lässt sich durch Technik reduzieren

Digitale Technik, die einen humanen Fortschritt bringt, Erlösung von körperlich quälender Arbeit und einen bescheidenen Wohlstand – in diesem Fall scheint es funktioniert zu haben. Aristoteles hatte im 4. Jahrhundert vor Christus in einer berühmt gewordenen Randbemerkung seiner Politik davon gesprochen, dass, wenn die Geräte von selbst arbeiten würden – "wenn so auch das Weberschiffchen von selbst webte und die Zither von selbst spielte" –, die Notwendigkeit menschenunwürdiger Arbeit, die im antiken Griechenland von Sklaven erledigt wurde, wegfallen würde. Die Arbeit "im Schweiße des Angesichts", die in der Bibel als Strafe Gottes für den Sündenfall verstanden wird, lässt sich durch Technik erheblich reduzieren, ihre zermürbende Eintönigkeit verschleißt dann nur noch Maschinenteile, nicht mehr Menschen.

Schaut man jedoch auf die westlichen Volkswirtschaften der Gegenwart und die technologischen Veränderungen, die sie durchlaufen, herrscht Angst. "Digital" soll alles werden, Jobs würden zerstört, der Faktor Mensch werde verschwinden: Eine machtvolle Minderheit hält das Eigentum an den arbeitenden Maschinen, unzählige Menschen werden überflüssig, von Almosen abhängig.

Viele Stimmen aus der jungen Philosophie digitaler Technologie warnen: Wenn Roboter, Software und künstliche Intelligenz übernehmen, ist dies kein segensreicher Fortschritt, sondern ein Albtraum der Unmenschlichkeit. Sie haben die Arbeit in den berüchtigten Amazon-Lagerhäusern vor Augen, in denen man überwacht und vermessen wird, oder die Clickworker, die für Cent-Beträge geisttötende Aufgaben erledigen, die auf Online-Plattformen versteigert werden. Der Mensch als Anhängsel der Maschine, diese von Karl Marx auf den Punkt gebrachte Verkehrung von Mittel und Zweck scheint wieder ins Haus zu stehen, auf Kosten einer menschlichen Arbeitswelt. Menschlich, das sollte seit den sozialen Kämpfen des 19. Jahrhunderts doch heißen: sozial eingebettet, wahrgenommen, anerkannt.

Alles Schmutzige, Langweilige, Nervenaufreibende an der Arbeit könnten die Roboter übernehmen

Kann digitale Arbeit menschlich sein? Wenn unter "Arbeit" verstanden wird, bestimmte Schritte möglichst zeit- und kosteneffizient zu erledigen, dann steht das, was unter dem Stichwort Digitalisierung diskutiert wird, in einer langen Reihe von technischen Entwicklungen als Teil der menschlichen Geschichte. Menschen gehören zu den Arten von Tieren, die Geräte verwenden, von den ersten primitiven Faustkeilen bis hin zu den hochkomplexen Fertigungsrobotern in der Autoherstellung. Es sind menschliche Erfahrung, Arbeit und ein Wissen, das sich über Jahrhunderte angesammelt hat, die in die Konstruktion dieser Roboter eingegangen sind. Weil man die einzelnen Schritte bis ins letzte Detail verstanden hat, kann man sie an Maschinen delegieren, während sich die menschliche Kreativität neuen Aufgaben zuwenden kann.

Sieht man es so, wäre es nur zu begrüßen, dass intelligente Maschinen, die von Software gesteuert werden und in die selbstlernende Programme eingebaut sind, noch stärker Einzug in die Arbeitswelt und auch in unseren Alltag halten. Die intelligente Drohne, die die Fenster putzt, kann bald so selbstverständlich für uns sein wie Feuerzeuge und Waschmaschinen. Die App, die uns an Termine erinnert oder Busverbindungen heraussucht, ist es längst. Diese Fortschritte vollziehen sich ständig, wir sind so in diese Prozesse eingebettet, dass sie uns kaum auffallen.

Die Befürchtungen, dass "die Roboter" uns irgendwann unterwerfen und versklaven könnten, scheinen kaum realistisch, schon deshalb, weil es bislang weit besser gelingt, künstliche Intelligenz für die Erledigung spezifischer Aufgaben einzusetzen, als die Art umfassender Intelligenz nachzubauen, die den Menschen auszeichnet. Allein das Fingerspitzengefühl, das man zum Aufsperren eines Schlosses braucht, ist für Roboter eine immense Herausforderung und erst recht das Springen zwischen verschiedenen Tätigkeiten, das Menschen so natürlich bewerkstelligen, dass sie es kaum bemerken.