Zum Dreißigjährigen Krieg sind ungefähr so viele Bücher erschienen, wie Jahre vergingen seit dem Westfälischen Frieden. Bei Dirk Pilz konnte man sich sicher sein: Er hatte sie alle gelesen. Mehr noch: Er konnte sie aus dem Kopf zitieren, kritisieren und ins historische Ganze einordnen. Sein letzter Artikel für Christ&Welt ging aus einem solchen Brainstorming nach Feierabend hervor. Dabei war Pilz kein Historiker, sondern Theaterkritiker und Literaturwissenschaftler. Letztere neigen bisweilen zum Fachidiotentum. Dirk Pilz entkam den Begrenzungen seiner Zunft durch einen Kniff: Er las und wusste alles. Letzteres hätte er, obwohl es zutraf, selbst sicher bestritten. Dirk Pilz nötigte einem sein Wissen nicht auf (auch das machte ihn in der Literaturwissenschaft einmalig). Er stellte es Interessenten beinahe selbstlos und beiläufig zur Verfügung.

So manchen Feierabend haben wir in der Banditenbar beim Kaffee (Bier trank er nie) über Gott und die Welt philosophiert. Genauer gesagt: Er hat philosophiert und ich kritzelte mir seine Lektüreempfehlung auf die Serviette. Viele Bücher, die ich nicht missen will, hätte ich ohne ihn nie gelesen. Ob er mich klüger machte, bezweifle ich, aber reicher wurde mein Leben so schon dank ihm. Ein Buch mochte er besonders: "Matthäuspassion" von Hans Blumenberg. Kein Philosoph, so Pilz, habe schöner und wahrer über Glauben und Christentum geschrieben. Der Glaube bedeutete Dirk Pilz viel. Was genau, habe ich ihn mal gefragt. Da hat er es aufgeschrieben: Der Glaube, schrieb er, ist "kein Trost, sondern das Versprechen eines Getröstetseins, das sich momentweise erleben lässt, in der Musik, im Gebet, in der Gemeinschaft mit jenen, die solche Momente kennen. Tröstlich ist, dass es andere neben mir gibt und vor mir gegeben hat, die Trost erfahren haben; allein darin liegt die Kraft der Tradition: Ich bin nicht allein. Aber diese Kraft hilft nicht beim Blick in den Abgrund, bei Schmerz und Leid, nicht gegen die Einsamkeit des Zweifels, nicht gegen die Leere."

Vor wenigen Tagen ist Dirk Pilz gestorben im Alter von 46 Jahren. Er hatte Krebs. Ich hatte keine Ahnung. Bei unserem letzten Kaffee erzählte er mir von seinen Kindern, zwei und sechs Jahre alt. Er wirkte wie immer, nur fröhlicher. Als wir uns verabschiedeten, sah ich ihm eine Weile nach. Obwohl er zur Bahn wollte, verschwand er vorher noch in einer Buchhandlung. Ich beobachtete ihn durchs Fenster. Lächelnd nahm er hier und da ein Buch aus dem Regal, las ein, zwei Seiten und stellte es wieder zurück. Es sah aus, als kenne er jedes Buch beim Namen, als hätte er es vor einer Ewigkeit bereits gelesen und wolle sich nur seiner Existenz ein letztes Mal versichern.