Für Emmanuel Macron ist diese Woche eine Art Endspiel. Seit er Präsident Frankreichs wurde, versucht er, die Deutschen für ein neues Europa zu gewinnen – wirtschaftlich und sozial eng verwoben, einig und selbstbewusst. Obwohl "Ahngelaa" kaum auf ihn eingegangen ist, beweist er Geduld, lobt Merkel nach ihrem Teilrückzug aus ihren Ämtern, schwärmt von Europa und warnt vor einer Radikalisierung. Am Wochenende reist die deutsche Bundeskanzlerin zu ihm nach Paris, wo er ihr beim Friedensforum den großen Auftritt überlässt.

Können die beiden also etwas bewegen, bevor die Macht in Deutschland neu verteilt wird? So viel sei vorab verraten: Zur Frage, ob das europäische Projekt noch eine Chance hat, setzt Macron am Ende dieser Geschichte gegenüber der ZEIT ein Hoffnungszeichen.

Aber der Reihe nach.

Es ist Montag, der 16. Juli 2018. Ein historisches Datum: Am Abend zuvor ist Frankreich Fußballweltmeister geworden, die Pariser haben in den Straßen getanzt, gehupt, getrunken. Doch in dem klassischen Bau direkt neben dem Élysée-Palast wirkt an jenem Morgen niemand übermüdet und übermütig. Es herrscht Betriebsamkeit.

In dem Gebäude sitzen die jungen Berater von Emmanuel Macron, Absolventen der Universität Oxford und der Pariser Eliteschule ENA, intelligente Leute, die auch als Investmentbanker Geld verdienen oder als Wissenschaftler die Welt erforschen könnten. Einer von ihnen öffnet die Tür zu seinem Büro mit Blick auf die Prachtallee Champs Élysées und die Tribünen, die dort für den Siegeszug der Mannschaft bereitstehen.

Bei den Macron-Leuten herrscht ein gnadenloser Realismus

Vom französischen Triumph ist nichts zu spüren. Die Sprache: Englisch. Der Ton: offen. Die Stimmung: sachlich. Der Berater will nicht namentlich genannt werden, ist aber bereit, Einblick in die Sorgen zu gewähren, die Macron und sein engstes Umfeld bewegen. Als Experte des Präsidenten für Europa kennt er sich aus in der deutschen Wirtschaft und Politik. Jede Schwäche von Angela Merkel und ihrer Regierung wird hier registriert, weil das die Zusammenarbeit in der EU erschwert.

Im Regierungsgebäude neben dem Élysée-Palast herrscht gnadenloser Realismus. Von Beginn an sei ihnen klar gewesen, sagt der Mann, dass es nicht unbedingt eine zweite Amtszeit für Macron geben werde. Zu wankelmütig seien die französischen Wähler, zu unberechenbar die Populisten. Er sagt das ohne Bedauern. Ist halt so. Also versuchen Macron und seine Leute, ihre Reformagenda für Frankreich so weit und so schnell wie möglich umzusetzen. Arbeitsmarkt, Unternehmenssteuern, Rente, Digitalisierung – Frankreich soll eine der dynamischsten Ökonomien in Europa werden. Das ist ihr Ziel, und bisher stand dafür kein Land so sehr Modell wie Deutschland.

Quelle: Eurostat, Stand 2017 © ZEIT-Grafik

Noch liegen sie im Zeitplan. Bald kommt die große Rentenreform. Langsam wird der französische Staat effizienter, spart Kosten und Stellen. Demnächst wird die Einkommensteuer endlich als Quellensteuer, also beim Arbeitgeber eingezogen. Für Frankreich sind das Meilensteine der Modernisierung. Patzer des Präsidenten wie die Unterstützung für einen Schläger unter seinen Sicherheitsleuten und selbst das Umfragetief, das sich seit dem Sommer ausbreitet – all das berührt den jungen Mann kaum. Aber was ihn gewaltig stört und womit auch die anderen Palaststrategen nicht gerechnet haben: Deutschland, das zehn Jahre darauf wartete, dass Frankreich sich erneuert, geht nicht auf Macron ein. Manche im Élysée haben den Eindruck, in Berlin sehe man sie eher als Bedrohung denn als Verheißung.

Dabei hätte die EU die gemeinsame Führung aus Paris und Berlin so nötig wie lange nicht mehr. Zwar hat der Wüterich Donald Trump die Europäer in einigen Fragen wieder zusammengebracht, aber geht es um innere Angelegenheiten, wirkt die Union ohne deutsch-französisches Rückgrat kraftlos. Polen tanzt Brüssel mit seinen antidemokratischen Reformen auf der Nase herum, Ungarn sowieso. Die Briten führen ein Brexit-Theater auf, das sich ein souveränes Europa nicht bieten ließe. Und die Italiener fordern die EU an ihrem wundesten Punkt heraus, bei den nationalen Haushalten.