Bei den Briefen, die ihn letztlich ins Gefängnis bringen, beweist Markus E. Kreativität. Mal schreibt der Pfarrer 18.000 Euro auf die Rechnung, mal 12.000. Auch den Namen der angeblichen Sachbearbeiterin tauscht er ab und zu aus. Eines aber ändert sich nie: Absender ist jedes Mal eine estnische Filmproduktionsfirma mit Unternehmenssitz Tallinn. Kaum aus dem Drucker gekommen, werden die Papierbögen noch einmal ergänzt. E. greift zum Stempel, setzt ein "Sachlich richtig" oder "Zur Zahlung angewiesen" dazu.

Dann geht die Post in die Buchhaltung der Caritas in der badischen Kleinstadt Lahr. Und wenig später überweist der Wohlfahrtsverband mal wieder Tausende von Euro auf ein estnisches Konto. 72 fingierte Rechnungen reicht Priester E. insgesamt ein – immer geht es angeblich um Beratungsleistungen. Dabei hat nie ein Unternehmensberater aus Tallinn die Lahrer Caritas betreten. Was die Buchhalterin nicht weiß: Es gibt keine Berater. Die Briefe kommen aus der Wohnung ihres Pfarrers, nebenbei Mitinhaber der estnischen Filmfirma. Über Tallinn flossen laut Ermittlern insgesamt 165.000 Euro auf das private Konto des Pfarrers.

Als Rechnungsprüfer des Erzbistums Freiburg und später das Landeskriminalamt die Bücher durchgehen, stoßen sie auf einen ganzen Berg von fingierten Rechnungen und Hilfsprojekten, die nur einem halfen: Pfarrer E. Der heute 54-Jährige hat nicht nur mit erfundenen Abrechnungen Caritas-Geld auf sein Konto umgeleitet. Er kassierte auch für die Planung von Pilgerreisen, die gar nicht stattfanden. Der Orden der Mannheimer Ursulinen spendete für ein Hilfsprojekt, das es gar nicht gab. Insgesamt hat der Geistliche die kirchlichen Institutionen um rund 240.000 Euro geschädigt. E.s letzter Beutezug: Als er im Sommer schon aufgeflogen war, griff der Pfarrer, der zugleich Dekan war, noch in die Barkasse der Gemeinde, jetzt fehlen mehrere tausend Euro. Das Landgericht Mannheim hat ihn nun wegen Betrugs und Untreue zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.

Der Fall ist besonders: Es kommt nicht oft vor, dass ein katholischer Priester vor Gericht steht – noch dazu einer, der die eigene Kirche um Hunderttausende Euro betrügt. Der Prozess geriet deshalb zur Spurensuche im ungewöhnlichen Leben des Ex-Dekans E.

Doch es geht auch um Grundsätzliches – um die Frage etwa, ob sich die Kirche zu viel Unprofessionalität und zu wenig Kontrolle leistet. Ist es richtig, dass Bistümer und Orden so tun, als wären Menschen, die ein Theologiestudium abgeschlossen haben, Alleskönner und mit der Kompetenz ausgestattet, kirchliche Personalabteilungen zu leiten oder Unternehmensberatungen aufzubauen? Wieso wundert sich niemand in der Institution, wenn sich ein Pfarrer ganz selbstverständlich für den besseren Chef eines mittelständischen Unternehmens hält? Gelingt der Missbrauch von Macht hier leichter als anderswo, weil ein Priester nicht in jeder Funktion zwingend der Mitarbeiter mit der größten Fachkompetenz, wohl aber derjenige mit den qua Amt besseren Zugängen zur kirchlichen Leitungssebene ist?

Sommer 2017, noch einmal steht E. im Mittelpunkt. Der Priester verabschiedet sich in Lahr mit einem Empfang von seiner Gemeinde. Er sei krank, müsse kürzertreten, heißt es. E. lässt sich feierlich verabschieden, obwohl er längst wissen muss, dass bald alles herauskommen wird. Viele Gemeindemitglieder sind da: Er sei schon beliebt gewesen, lockerer, nicht so dogmatisch, wie man es von Priestern sonst gewohnt sei, und oft bereit, mal etwas anders zu machen, sagen Gemeindemitglieder. Andere, die mit E. in Gremien saßen, erinnern sich, dass der Priester Kritik und Einwände meist wortreich aus der Welt schaffen konnte.

Von der feierlichen Atmosphäre der Abschiedsvesper ist im Herbst vor dem Landgericht Mannheim, Außenstelle für Wirtschaftsstrafsachen, nicht mehr viel übrig. E. wird in Handschellen hereingeführt. "Er ist jemand, der nicht ins konservative Bild eines Pfarrers passt", hatte sein Anwalt Edgar Gärtner am ersten Prozesstag gesagt. Schon seine Frisur – ein Undercut mit langem Deckhaar und ausrasierten Seiten – ist auf Pfarrerköpfen eher selten zu sehen.

E. wächst im Schwarzwald auf und will als Kind Pfarrer werden. Später wird er in den Jesuitenorden aufgenommen, studiert Theologie. Für die Jesuiten soll er in Ludwigshafen eine Unternehmensberatung, das Zentrum für Soziales Management, aufbauen. Es ist sein Eintritt in ein anderes Universum, in dem es nicht um große Gedanken, sondern auch um üppige Honorare geht. Markus E. merkt schnell, dass man auch in dieser Welt Priestern vieles zutraut: Ihm gefällt es, ein Manager zu sein. Der Theologe berät jetzt soziale Einrichtungen und Firmen, wenn sie Abteilungen umbauen, Arbeitsabläufe verändern wollen. Was ihn dazu befähigt, will das Gericht wissen: Er habe sich das selbst angeeignet, behauptet er.

Doch E. verlässt den Orden und das Zentrum nach einigen Jahren. Das Armutsgelübde sei nicht seines gewesen. Er will jetzt alles gleichzeitig, Priester bleiben – und Unternehmensberater: Er gründet seine Firma. E. und Partner nennt er seinen Einmannbetrieb. Und er arbeitet nicht für Gotteslohn. Bei 1.600 bis 1.800 Euro liegt sein Tagessatz. Als Pfarrer wechselt er ins Erzbistum Freiburg.