Es gibt von Alfred Polgar eine wunderbare Erzählung mit dem Titel Auf dem Balkon. Sie handelt von Menschen, die auf dem Balkon eines hochherrschaftlichen Hauses stehen, gute Gespräche führen, guten Wein trinken – und Zeugen eines Zugunglücks werden, das sich in der Ferne ereignet. Zuerst sind sie entsetzt, dann wird ihnen klar, dass in den aufeinandergeprallten Zügen vermutlich niemand saß, den sie kannten. Sie beruhigen sich und finden, so eine Katastrophe sei, aus der Ferne gesehen, auch nur "eine Spielzeug-Affaire".

Man sieht: Der Mensch auf dem Balkon hat kein gutes Image. Wer auf dem Balkon steht, hat sich kalt emporgearbeitet und will oben bleiben. Noch schlechter beleumundet ist der Mensch, der auf einen Balkon tritt, um eine Rede zu halten. Warum spricht er auf jene herab, die unten stehen? Warum geht er nicht hinunter und redet direkt mit ihnen? Offenkundig ist er an einem Gespräch nicht interessiert, Gegenfragen würden ihn nur aufhalten. Balkonredner wollen in aller Regel noch höher hinauf. Vor diesem Hintergrund ist es beruhigend, dass am 10. November, 16 Uhr, einmal nicht die Mächtigen oder die Gierigen auftreten, um über die Zukunft des Kontinents zu sprechen, sondern die Künstler. European Balcony Project heißt die Aktion, bei der von zahlreichen Theaterbalkonen herab eine "Europäische Republik" ausgerufen werden wird, welche wiederum als Ausgangspunkt einer Weltregierung gemeint ist. Man plant groß. Erdacht haben diese Weltwertegemeinschaft der Freien und Gleichberechtigten die Politologin Ulrike Guérot, der Schriftsteller Robert Menasse und der Regisseur Milo Rau. Das Datum ist von höchster Symbolik, schließlich geht dem 10. der 9. November voraus (Tag der Ausrufung der deutschen Republik durch Philipp Scheidemann 1918 sowie Datum der Reichspogromnacht und des Mauerfalls), und es folgt ihm der 11. November (Ende des Ersten Weltkriegs).

Und um nun, mit Frank Schirrmacher zu sprechen, die Zeit vollends über die Ufer treten zu lassen: Den 9. November selbst hat sich eine andere, mit dem Balkonprojekt nicht zu verwechselnde Interventions-Initiative als Datum gesichert. Unzählige deutsche Kulturinstitutionen, darunter etliche Theater, werden eine "Erklärung der Vielen" veröffentlichen, worin sie sich gegen rechtspopulistische und völkische Tendenzen wenden.

Wird das Sprechen von oben (von Podien und Balkonen) herab eine gute Wirkung auf das Leben am Boden haben? Auf keinen Fall sollten die Aktionen so ausgehen wie Alfred Polgars Geschichte. Die endet nämlich damit, dass die Zeugen der Katastrophe sich wieder dem Wein zuwenden. Und ihr Balkongespräch? Das kehrt "zwanglos zu den früheren Themen, die eines politischen Beigeschmacks nicht entbehrten, zurück".