Warum dürfen weiterhin Ferkel ohne Betäubung kastriert werden? Darauf gibt es eine große und eine kleinere Antwort. Die große lautet: weil die Menschen immer noch glauben, sie dürften Tiere bis zum Äußersten benutzen. Die kleine Antwort lautet: weil Deutschland ein neues Einwanderungsgesetz braucht.

Aber der Reihe nach. Vor fünf Jahren entschied die große Koalition, dass das betäubungslose, sprich für das Ferkel sehr schmerzhafte Kastrieren ein Ende haben müsse. Weil jedoch Eber schwer zu vermarkten sind (das Fleisch einiger Eber riecht auch nach Eber), genehmigte die Regierung den Ferkelerzeugern eine fünfjährige Übergangsfrist, um tierschutzrechtlich unbedenkliche Alternativen zu entwickeln.

Die Ferkelerzeuger und ihre im Deutschen Bauernverband organisierten Vertreter taten in diesen vergangenen fünf Jahren vieles, nur nicht tierschutzrechtlich unbedenkliche Alternativen entwickeln. Sie redeten zum Beispiel einer Betäubungsmethode das Wort, die sie "Lokalanästhesie" nennen. Dabei handelt es sich aber weder um eine Anästhesie – nachweislich schaltet sie den Schmerz nicht aus. Noch kann von "lokal" die Rede sein, denn es gibt das handfeste Problem, dass Ferkel keine Lust haben, sich betäuben zu lassen, weshalb der Bauer mit der Nadel sehr wahrscheinlich die richtige Stelle verfehlen wird.

Des Weiteren nutzte der Bauernverband die Übergangsfrist dazu, tatsächlich schonende Möglichkeiten zu verunglimpfen, und brachte das Wort "Hormonfleisch" in Umlauf. Damit ist die Immunokastration gemeint: Durch Impfung wird im Ferkel ein bestimmtes Hormon unterdrückt, sodass das Fleisch des Tieres keinen Ebergeruch entwickelt. Es ist also genau genommen das Gegenteil von Hormonfleisch.

Aber welche Rolle spielen solche Details, wenn die Ferkelerzeuger sich während der fünf Jahre sowieso darauf verlassen konnten, dass irgendjemand in der dem Bauernverband eng verbundenen CDU die Übergangsfrist verlängern würde?

Und so kam es. Anfang Oktober wurde die SPD im Koalitionsausschuss mit der ernüchternden Tatsache konfrontiert, dass sie entweder die Klientelpolitik der CDU mittragen würde, also den Ferkelerzeugern noch mal mehr Zeit zur Umstellung ihrer Betriebe beziehungsweise zum systematischen Verplempern geben würde. Oder sie wäre eben verantwortlich dafür, dass in Deutschland die Ferkelzucht für viele unmöglich wäre, weil sie bei einem tatsächlichen Verbot ab Januar 2019 nämlich vor ernsthaften wirtschaftlichen Problemen stünden.

Das Ergebnis: Die Ferkel dürfen weiter gequält werden. In dieser Woche geht der Gesetzesentwurf im Bundestag in die erste Lesung, und die SPD-Fraktion wird ihm zustimmen. Doch ein Koalitionsausschuss ist ein Geben und Nehmen, vieles wird beschlossen. Und damit sind wir beim Einwanderungsgesetz. Denn ganz leer ist auch die SPD nicht ausgegangen. Die Ferkelerzeuger haben der Politik versprochen, diesmal vielleicht wirklich die Übergangsfrist zur Umstellung ihrer Praxis zu nutzen. Die CDU hat der SPD versprochen, diesmal vielleicht wirklich über den lang gehegten sozialdemokratischen Herzenswunsch nach einem neuen Einwanderungsgesetz nachzudenken. Das sind zwei Vielleichts, die Politiker betäuben, aber gewiss keine Ferkel.