Die österreichischen Freiheitlichen muss ein schlimmer Albtraum plagen: Endlose Menschenkarawanen würden unaufhaltsam in das Land eindringen, schlussendlich würde Österreich von einem Migrantenheer okkupiert sein. Die Fremden würden dreiste Ansprüche stellen, und der Staat müsste seine letzten Ressourcen aufwenden, um all die Zugeständnisse zu befriedigen. Kurz: Die Österreicher wären Fremde im eigenen Land.

Im Kosmos des blauen Weltbildes stellt dieses Szenario einen Super-GAU dar, den größten anzunehmenden Unfall in der Bevölkerungsentwicklung. Und wie es einst nach den beiden GAUs von Tschernobyl und Fukushima das Gebot der Stunde war, aus der Atomenergie auszusteigen, sei es nun unerlässlich, dass sich Österreich vom Migrationspakt der UN zurückzieht, auf den sich in diesem Sommer 193 Staaten geeinigt haben. Vergangene Woche im Ministerrat gelang es den Freiheitlichen, genau das zu erzwingen. Dem Land komme nun eine "Vorreiterrolle" zu, triumphierte der blaue Vizekanzler, und sein Innenminister trumpfte mit einer erstaunlich lebensfremden Feststellung auf: "Österreich ist kein Einwanderungsland."

Seitdem die umstrittene Entscheidung gefallen ist, bläst die freiheitliche Propaganda den formal bedeutungslosen Rückzug zu einem gewaltigen Befreiungsschlag auf, der vermutlich nicht einmal vom "Österreich ist frei!" des Staatsvertrages übertroffen wird. Man garantiere die "österreichische Souveränität", erklärt die Partei ihren Anhängern in diversen Botschaften, "die Heimat" wende sich von "der Globalisten- und Migrationslobby" ab.

Der hysterische Ton ist selbstverständlich maßlos übertrieben. Der UN-Migrationspakt ist weder rechtlich verbindlich, noch kann aus einer Zustimmung ein Gewohnheitsrecht abgeleitet werden, wie die Regierungsparteien unisono befürchten. Die Republik könnte durch ihn zu gar nichts gezwungen werden, der aktuelle restriktive Kurs wäre weiterhin der österreichische Weg. Die Übereinkunft stellt lediglich Benimmregeln im Umgang mit Migranten auf, ist eine Art Netiquette für Menschenströme. Der Pakt beinhaltet einen Vorschlag an die Völkergemeinschaft, nicht mehr und nicht weniger.

Genau darin liegt aber das Problem, das die Freiheitlichen sehen: Es sind die guten Manieren, die ihnen aufstoßen. Eines von dem stimmt, was der Innenminister konstatiert: Auf den 34 Seiten des Paktes dominiert eine "Pro-Migrations-Tonalität", die er allerdings für "verantwortungslos" und "naiv" hält. Das heißt, der Pakt spricht nicht die derbe Sprache, welche die Freiheitlichen in dieser Frage für angebracht halten. In den Ohren des blauen Fußvolkes klingt es geradezu obszön, wenn Migranten Rechte zugesprochen werden, die über ein bloßes Almosen hinausgehen.

Es ist der Wesenskern freiheitlicher Politik, weltoffene Entwicklungen zu verteufeln und das Land vor diesen vermeintlich schädlichen Einflüssen abzuschotten. Mag es sich dabei – wie im Fall des UN-Paktes – um reine Symbolpolitik handeln, mag es zu tatsächlichen Verschlechterungen der Lebensumstände unerwünschter Besucher führen. Der blaue Weg führt zurück in eine selbst gewählte Isolation, die man sich nicht als eine splendid isolation vorstellen darf, sondern als nationale Schicksalsgemeinschaft, in der Volkes Wille geschehe – sofern er dem "gesunden Volksempfinden" entspricht. Daher ist es nur konsequent, wenn nun die Freiheitlichen einen weiteren Schritt in diese Richtung gesetzt haben.

Was für die blauen Hardliner aber recht ist, sollte hingegen für den größeren Koalitionspartner, die neue Volkspartei, nicht billig sein. Die Konservativen mögen stets für viele politische Inhalte – auch einander widersprechende – gestanden haben, sicherlich aber nicht für ein völkisches Schlaraffenland, wie es die Populisten vorgaukeln. Kanzler Sebastian Kurz, der auf seinem Siegeszug selbst die Migrationspolitik instrumentalisiert hat, lässt jedoch nun die Freiheitlichen gewähren, damit er weiterhin ungestört seine ökonomische und gesellschaftspolitische Agenda verfolgen kann. Er nimmt dabei in Kauf, dass das Klima der Toleranz und Humanität zunehmend einfriert. Und ist die große Eiszeit erst einmal ins Land gezogen, wird sie so schnell nicht weichen.