Friedrich Merz juchzt, wenn man ihn dieser Tage fragt, wie es ihm geht. Es ist, als spüre er das Leben in sich, dass es nur so prickelt. Selbst der trüb-neblige Novemberanfang kann dem nichts anhaben. Oder die Tatsache, dass das Münchner Büro der Firma Blackrock Deutschland, bei der Merz Aufsichtsratschef ist, gerade wegen sogenannter Cum-Ex-Steuertricksereien durchsucht wurde.

Der Grund für die gute Laune liegt unter anderem in seinem Postfach. Das quillt über vor E-Mails, dazu Briefe, Anrufe. Friedrich Merz kann kaum alles lesen und anhören, was die Menschen ihm sagen wollen, seit er bekannt gegeben hat, dass er CDU-Vorsitzender werden möchte. Mit Zustimmung aus Teilen der Partei hat er gerechnet, mit freundlichem Kopfnicken von Leuten aus der Wirtschaft. Auch mit Kritik. Mit solch einer Welle der Aufmerksamkeit aber nicht. Er genießt sie, er findet sie unglaublich. Sie ist ihm aber auch ein wenig unheimlich.

Friedrich Merz wagt gerade etwas Unerhörtes, etwas, von dem nicht klar ist, ob es gut ausgeht. Vor Jahren verließ er die Spitzenpolitik und ging in die Wirtschaft, zehn Jahre blieb er dort und verdingte sich vor allem in Aufsichtsräten. Nun will er zurück, was für deutsche Verhältnisse geradezu unerhört ist an solch prominenter Stelle. Und da Merz, falls er tatsächlich CDU-Chef werden sollte, noch weitreichendere Ambitionen haben dürfte, lautet die Frage: Kann jemand, der über Jahre die Interessen der Wirtschaft vertreten hat, glaubwürdig als Politiker das Land führen, wozu eben auch gehört, den Kapitalismus zu bändigen und Unternehmen Grenzen zu setzen? Provokanter formuliert: Kann ein Millionär Kanzler werden?

Merz selbst gefällt diese Frage nicht. Das Wort Millionär hält er für einen politischen Kampfbegriff, obwohl er tatsächlich sehr wohlhabend ist. Sowieso fühlt er sich angegriffen von den Vorwürfen, er habe in seinen Jahren in der Wirtschaft zuallererst seine politischen Kontakte zu Geld gemacht. "Ich habe nie ein Lobbymandat angenommen", sagt er dazu knapp am Telefon. Viel lieber erzählt er, was er gelernt hat in seinen Jahren als Aufsichtsrat von Finanzfirmen wie Deutscher Börse, HSBC Deutschland, Blackrock Deutschland oder dem Mittelständler Wepa aus seiner Heimat, dem Sauerland, der Papier herstellt. Was er gelernt hat für die Politik.

Merz versteht die Banker, und die Banker verstehen ihn

Gleich seine erste Lehre lässt sich als Spitze in Richtung der Kanzlerin verstehen, die bekannt dafür ist, einigen Männern das Leben sehr schwer gemacht zu haben, darunter Friedrich Merz: Merz ist überzeugt, dass Manager und Unternehmer es besser verstehen, Nachfolger heranzuziehen und systematisch an die Macht heranzuführen, als der politische Betrieb, auch als seine Partei, die CDU. Das will er verändern in Berlin. Dabei sind Zweifel angebracht, ob es wirklich stimmt, dass Wirtschaftsführer hier anders ticken. Berthold Beitz etwa scheiterte jahrelang spektakulär an der Aufgabe, einen Nachfolger an der Spitze von Thyssenkrupp zu installieren. Auch Merz’ derzeitiger Chef Larry Fink, der den amerikanischen Vermögensverwalter Blackrock leitet und schon 66 Jahre alt ist, ist kein Vorbild. Auf die Frage, warum er keinen Nachfolger bestimmt habe, antwortete er mal mit einer Gegenfrage: "Warum sollten wir Möglichkeiten ausschließen?" Das würde, so Fink weiter, den Ehrgeiz der sieben oder acht Aspiranten nur dämpfen.

Die zweite Lehre des Friedrich Merz ist einleuchtender, wenn auch nicht unbedingt mehrheitsfähig in Deutschland. Er findet, dass der Abstand zwischen Frankfurt am Main und Berlin nicht nur geografisch zu groß ist, sondern auch politisch. Tatsächlich: Viele Banker fühlen sich nicht unterstützt, wenn es darum geht, Deutschland als Finanzstandort und Banken und Börse als Arbeitgeber zu bewahren oder gar zu fördern. Seit der Krise im Jahr 2008 ist der Abstand, den die Regierung zur Finanzwelt pflegt, besonders groß. Lang her erscheint die Feier, die Angela Merkel einst dem damaligen Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann zu dessen Geburtstag ausrichtete. Und dass es jahrelang nicht gelang, die Steuertricks der Finanzwelt, die heute als Cum-Ex bekannt sind, per Gesetz zu unterbinden, hat wohl nicht damit zu tun, dass die Politiker der Finanzindustrie zu nah waren. Sondern damit, dass sie schlicht zu wenig davon verstanden. Nicht nur Nähe, auch Entfernung kann dazu führen, dass man an der Nase herumgeführt wird.

Diese Ferne hat Merz erlebt, als er noch Aufsichtsrat der Deutschen Börse war, die mit der Londoner Börse fusionieren wollte. Die britische Politik sorgte sich um die Arbeitsplätze, brachte sich ein. Nur in Deutschland interessierte das so recht niemanden. Merz war ein Befürworter der Fusion. Als sie scheiterte, war er allerdings schon nicht mehr im Amt. Mit dem neuen Chef der Börse, Carsten Kengeter, hatte er sich nicht verstanden.

Sollte Merz CDU-Vorsitzender werden, kann man sich also darauf einstellen, dass er nicht nur eine neue Nähe herstellt. Er hat wohl auch nichts dagegen, eine Art Industriepolitik für die deutsche Finanzbranche zu betreiben. Angesichts des bevorstehenden Brexits ist das womöglich nicht die schlechteste Idee. Schließlich könnten eine Menge Stellen aus London abwandern, nach Paris, Dublin oder eben Frankfurt. Der französische Präsident Emmanuel Macron telefoniert immer wieder mit den Managern großer Banken, um sie nach Paris zu locken. Aus Berlin ist Ähnliches nicht zu hören.

Wenig verwunderlich also, dass einige Frankfurter Banker von Merz’ Kandidatur geradezu hingerissen sind. Paul Achleitner, der Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, etwa findet es gut, dass sich mit Merz jemand um einen zentralen Politikposten bewirbt, der nicht nur etwas von Wirtschaft versteht, sondern den auch die Banker verstehen.