Nostalgie ist nicht das Ding von Günter Zint. Wenn man den Hamburger Fotografen auf dem Bauernhof im Geestland erreicht, wo er seit fünf Jahren mithilfe des Instituts für Sozialforschung sein enormes Fotoarchiv aufbaut, schaltet er sofort in den Kämpfermodus. "Wir haben die Freie Republik Behrste im Landkreis Stade gegründet", bellt der 77-Jährige ins Telefon. "Der Bürgermeister hat uns anerkannt, weil wir ihn auch anerkannt haben. Unsere Währung sind die Kiezdollars, die wir auch im Sankt Pauli Museum haben."

Im Ernst? Was für eine Frage – hat Günter Zint das Aufbegehren doch in einer Zeit gelernt, als Spaßhaben und Weltrevolution zeitgleich stattfinden sollten. Vor allem davon handelt sein Buch Wilde Zeiten. Darin: Fotografien aus den Hamburger 68er-Kommunen, deren Bewohnerinnen und Bewohner die Türen aushängten, um sich das kleinbürgerliche Rollenverhalten auszutreiben. Von der nackten Studentin, die auf einer Mao-Büste sitzt ("Das war eine Befreiung, nicht nur von den Klamotten, sondern auch vom Elternhaus"), von der Aktion, bei der Zint und seine langhaarigen Kommunengenossen am Fischmarkt als Bürgerschreck posierten ("Gammler fotografieren – 50 Pfennig"). Davon, wie ein SDS-Kader mit schwarzer Anarchistenflagge das Rathaus hochkletterte, um gegen die Notstandsgesetze zu protestieren, wie Aktivisten die Statuen der Kolonialherren Hermann von Wissmann und Hans Dominik von ihrem Sockel stürzten, wie weibliche Fans die Gitarre von Jimi Hendrix abküssten, wie die Redaktion der St. Pauli-Nachrichten in ihren Räumen Versicherungsfachleute und Sexarbeiterinnen zusammenführte, um Letzteren eine Krankenversicherung zu ermöglichen. Zints Kamera war immer dabei.

Der Kampf um das Dorf Altenwerder, das in den Siebzigern für die Hafenerweiterung abgerissen wurde, die Anti-AKW-Proteste in Brokdorf und Gorleben – immer war Zint sowohl Aktivist als auch Chronist, nach der Gründung der Republik Freies Wendland bekleidete er dort zeitweise das Amt des Innenministers.

Das Buch endet in den späten Achtzigern mit dem Kampf um die besetzten Hafenstraßenhäuser. Auch hier war Zint immer da, wenn es brannte – einerseits weil er Polizeifunk hörte, andererseits weil er Teil einer Vermittlergruppe war, die einen Kompromiss zwischen den Hausbesetzern und der Hamburger Politik aushandeln sollte. Mit einem Hubschrauber von Jan Philipp Reemtsma, so erzählt es Zint, seien er und zwei Mitglieder der Patriotischen Gesellschaft nach Sylt geflogen, um den Bürgermeister Klaus von Dohnanyi zum Einlenken im Streit um die Hafenstraßenhäuser zu bewegen: "Herr Dohnanyi, in Hamburg gibt es Straßenkämpfe, und Sie können doch nicht seelenruhig Urlaub machen, während sich die Hamburger die Köppe einschlagen!" So will er dem sozialdemokratischen Bürgermeister ins Gewissen geredet haben, der dann natürlich stante pede zurückgereist sei.

Erinnerungen eines Straßenkampf-Veteranen? Nein, Zint steckt nicht in der Vergangenheit fest. "Ich habe während des G20 um die 4000 Fotos gemacht", erklärt er. Und überhaupt kämen zur Jahreswende noch diverse weitere Bücher mit seinen Fotos auf den Markt, über die Rote Flora, über John Lennon, über den Kiez-König Willi Bartels und eine mehrbändige 68er-Chronik.

Man braucht sich keine Sorgen zu machen, dass Zint die Arbeit ausgeht. "Ich habe hier sechs Millionen Fotos", sagt er, "davon ist erst eine Million digitalisiert."

"Wilde Zeiten. Hamburg-Fotografien von Günter Zint 1965–1989." Dölling und Galitz/Junius Verlag; 256 S., 49,90 €