Wozu noch etwas lesen über Hans-Georg Maaßen? Weil der verirrte Verfassungsschutzpräsident nicht der Einzelfall ist, als der er derzeit dargestellt wird. Wer sich auf diesen Überflieger im selbst verschuldeten Sinkflug einlässt, begreift, wie das Wutbürgertum allmählich in Deutschlands bessere Kreise vordringt. Maaßen offenbart einen Konservatismus der schlechten Laune – genau in dem Moment, da die Republik mit Neugier auf einen aufreizend unbekümmerten Konservativen schaut: Friedrich Merz ist geradezu der Anti-Maaßen.

Dabei musste Friedrich Merz vor 15 Jahren ähnliche Kränkungen hinnehmen – doch hat er sie anders bewältigt: Nachdem Merkel und Stoiber ihm den Fraktionsvorsitz entwunden hatten, kaute er seinen Groll langsam klein, machte Karriere außerhalb der Politik – und kalkulierte geduldig die Stunde seines Rückspiels. Manchmal ist Konservatismus auch eine Frage des Stils.

Nahezu gleichzeitig legen hier zwei gegensätzliche Typen von Konservativen ihren Abtritt beziehungsweise Auftritt hin. An ihrem Verhalten lässt sich ein grundsätzlicher Gegensatz ablesen, der zwischen fragwürdigem und ehrenwertem Konservativen. Diese Unterscheidung markiert bisher auch die rote Linie zwischen Union und AfD. Das CDU-Mitglied Maaßen beteuert, er wolle sie nicht überschreiten.

Hochambitioniert und tiefgekränkt, das erinnert an Sarrazin und Gauland

Maaßens Selbstradikalisierung offenbart einen Hochambitionierten und Tiefgekränkten, im Schwanken zwischen maskulinem Trotz und populistischer Versuchung. Darin ist er dem Immer-noch-Sozialdemokraten Thilo Sarrazin und dem Nicht-mehr-Christdemokraten Alexander Gauland durchaus ähnlich. Die Folgen sind in solchen Fällen stets unerfreulich. Von Maaßens Bild-Interview über die Chemnitzer Rechtskrawalle bis zu seiner Lebewohl-Rede vor anderen Geheimdienstchefs kehren drei Muster wieder: Da malt sich einer die Welt zu einfach (denn bei der Eskalation von Chemnitz ging es nicht allein um ein polizeiliches Urteil, sondern eben auch um ein politisches); da flüchtet sich ein Topjurist plötzlich in Verschwörungsglauben ("linksradikale Kräfte in der SPD" trachteten ihm angeblich nach dem Job); und am Ende wird er das Opfer überschießender Gewissheit der eigenen Überlegenheit. Mutmaßlich versteht der Mann sich gerade auf diesen Abwegen als ein aufrechter Konservativer. Dabei sind es nicht seine Positionen allein, die ihn diskreditieren, es sind ebenso sehr Haltung und Habitus – es war dem Staatsdiener Maaßen einfach zuwider, zu dienen.

Das macht ausgerechnet den Grenzschützer Maaßen zu einem Grenzverletzer der Verfassung – und unterscheidet ihn von Merz. Bei aller Demütigung von Merkels Hand hat dieser nie die Ordnung der demokratischen Institutionen in Zweifel gezogen. Während der CDU-Mann Maaßen nun seine politische Ambition wie eine Drohung vor sich herträgt, punktet Merz nach Jahren des inneren Exils mit einem unverdrucksten Klare-Kante-Kurs. Selbst das kontroverse Wort von der Leitkultur, das er einst prägte, qualifiziert ihn eher für den CDU-Vorsitz, als dass es ihn diskreditieren sollte: Wer, wenn nicht eine Partei rechts von SPD und Grünen, sollte von Leitkultur reden dürfen, solange sie nicht in Richtung AfD und Ausländerhass schmutzelt? Das aber hat Merz bisher nie getan – anders als Maaßen mit seinen Chemnitz-Scharaden.

Nun gibt es viele gute Gründe, die verdeckte Kanzlerkandidatur von Friedrich Merz kritisch zu durchleuchten: Wem dienten seine Millionengeschäfte – der freien Entfaltung der Marktkräfte oder der gemeinwohlschädigenden Bereicherung Einzelner? Und sind seine plötzlich deklarierten guten Absichten für Frauen, Jugend und Umwelt wirklich mehr als Greenwashing?

Doch wer jetzt bereits Friedrich Merz verteufelt, verkennt die Verarmung des demokratischen Spektrums unter der Ägide Merkel. Man kann Merkels Kurs vom Atomausstieg bis zur Schwulenehe gutheißen – und sich trotzdem für die CDU nach Merkel mehr Differenz zu Rot, Grün und Gelb wünschen. Wer für eine größere Unterscheidbarkeit der ehrbaren Parteien untereinander eintritt, der sollte nicht von links als Rechtsfrondeur verunglimpft werden.

Die Wut-Maaßens dieses Landes in die Schranken zu verweisen, aber den Gut-Maaßens ihre Chance rechts der Mitte zu lassen – wenn das die Lehre aus der "Causa M." wäre, dann hätte der Verfassungsschutzchef seiner Verfassung am Ende doch noch einen Dienst erwiesen.

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