Was für ein Wesen das angeblich älteste figurative Kunstwerk der Menschheit darstellt, kann Maxime Aubert nicht direkt sagen. Das amorphe Säugetier erinnert mehr an einen Rorschachtest als an das Wirken eines schöngeistigen Maestros. Auf ein "großes Huftier" tippt Aubert, Archäologe an der australischen Griffith University. Außerdem geht er davon aus, dass eine zweite, vollständigere Tierdarstellung in unmittelbarer Nachbarschaft ähnlich alt sein dürfte und dieselbe Spezies zeigt. Deutlich ist da an den mächtigen Hörnern ein Rindvieh zu erkennen. "Ein Banteng", sagt Aubert. Man kann auch Sunda-Ochse sagen, diese Wildrindsorte domestizierten Südostasiaten später zum Balirind.

Mindestens 40.000 Jahre, maximal 52.000 Jahre sollen verstrichen sein, seit ein künstlerisch ambitionierter Mensch an diesem unterirdischen Ort auf der Insel Borneo einen Geistesblitz hatte. Er griff, so vermutet Aubert, zu oranger Farbe, trug sie mit den Fingern an der Höhlendecke auf. Und am Ende prangte über seinem Kopf die einigermaßen realistische Darstellung eines Bos javanicus lowi. Wenn Maxime Aubert recht behält, dann war am Anfang der Kunst vielleicht – das Porträt eines Rindviehs.

Bewaldete Gebirgsketten mit schroffen, mehrere Hundert Meter aufragenden Klippen: In den Karsthöhlen dieser schwer zugänglichen Region in der indonesischen Provinz Kalimantan Timur haben Wissenschaftler seit den Neunzigerjahren Tausende von Felsbildern dokumentiert. Aber erst jetzt, nachdem Aubert einige Werke aus der Höhle Lubang Jeriji Saléh datieren konnte, wird die Weltöffentlichkeit von ihnen Notiz nehmen.

Im Wissenschaftsmagazin Nature wurden die Resultate des Australiers publiziert. Stimmen sie, bedeutet dies: Jahrtausende bevor Künstlerinnen oder Künstler in den berühmten Eiszeithöhlen von Lascaux, Chauvet oder Altamira zu Werke gingen, schufen am entgegengesetzten Ende des eurasischen Doppelkontinents Menschen schon großformatige Wandgemälde. Nahm die gegenständliche Kunst etwa nicht in Europa ihren Anfang, wie jahrzehntelang von Archäologen behauptet worden war, sondern weit weg im Südosten Asiens?

Die neue Datierung rückt die Werke aus Borneo zeitlich vor berühmte europäische Kreativleistungen. El Castillo in Spanien mit 40.000 Jahre alten Darstellungen oder die Grotte Chauvet mit rund 36.000 Jahre alten Meisterwerken gelten als Pionierstätten der Kunst. Genauso die Grotten der Schwäbischen Alb, wo Eiszeitler vor 30.000 bis 40.000 Jahren meisterhafte Kleinode aus dem Elfenbein von Mammutzähnen schnitzten – Löwe, Wasservogel, Pferd und die üppig konturierte Venus vom Hohlefels. Laufen nun Höhlen in Südostasien diesen Stätten den Rang ab?

Mehrere Huftiere, unten das Wildrind aus dem Foto oben © Pindi Setiawan

Für Nicholas Conard, Archäologe an der Universität Tübingen, sind das nicht die entscheidenden Fragen. Und seinen Neid weckten die neuen Befunde auch nicht. Vielmehr seien sie eine Bestätigung. Conard, selbst mehrfach als Entdecker früher Kunst in Erscheinung getreten, sagt, er habe sich eher gewundert, dass es so lange gedauert habe, bis ähnlich bejahrte Werke auf anderen Kontinenten zum Vorschein kamen. Conard erforscht seit Jahren die figürliche Kunst der Schwäbischen Alb. Von ihm stammte einst die Idee einer "starken Kulturpumpe". Sie lautet etwa so: Das wechselhafte Eiszeitklima, die Konkurrenz zu anderen Jäger-und-Sammler-Gruppen oder das Nebeneinander mit dem Neandertaler hätten zu Stress geführt. Unter diesem Druck seien fast urknallartig vielfältige kulturelle Neuerungen entstanden – in Europa.

Conard sagt, ihn habe gewundert, dass dieses Modell nicht längst modifiziert wurde. Er selbst sei überzeugt, dass Kunst nicht nur einmal an einem Ort entstanden sei und sich von dort ausgebreitet habe. Im Gegenteil: "Das polyzentrische Innovationsmodell wird sich etablieren" – viele Ausgangspunkte anstelle eines einzigen. Auch die Vorstellung, zu einem bestimmten Zeitpunkt sei ein zentraler Lichtschalter der Kreativität betätigt worden, sei überholt. "Es ist alles viel komplexer."

Der Tübinger Conard erwartet, dass noch an vielen Orten auf der Erde Spuren frühen Schaffens entdeckt werden. Europas Ruf als Hotspot dürfte nicht nur damit zu tun haben, dass sich hier viel erhalten hat, sondern auch damit, dass hier mit viel größerem Aufwand gesucht wurde.