Willy Brandt kniet am 7. Dezember 1970 vor dem Mahnmal des ehemaligen jüdischen Ghettos in Warschau. © [M] dpa

Ich gehöre zu den Leuten, die mit den Jahren ein paar Gewissheiten um sich versammelt haben, zur Orientierung, wo man steht, wer man ist. Es ist also keine Kleinigkeit, in diesen Wochen zu erleben, wie immer mehr dieser Gewissheiten unter Feuer genommen werden – damit meine ich jetzt nicht, dass in den Wahlen in Hessen und Bayern der Begriff "große Koalition" eine Karikatur geworden ist. Mir geht es mehr um den Bundestagsabgeordneten der Linken, der seine Unterstützung der außerparlamentarischen Sammlungsbewegung von Sahra Wagenknecht mit dem Satz erklärte, die Menschen im Lande hätten das Vertrauen in das Parlament verloren. Die Politiker im Bundestag würden nur noch als Einheitsbrei wahrgenommen, Unterschiede zwischen den Parteien nicht erkannt. Der grüne Finanzpolitiker Gerhard Schick argumentierte ähnlich, als er sein Bundestagsmandat zurückgab: Er könne seinen Kampf gegen die Finanzlobby besser außerhalb des Bundestags führen.

Als ich Schüler war, elf Jahre alt, sagte mein Vater eines Morgens zu mir und meinem Bruder: Ihr geht heute nicht in die Schule, ihr schaut heute Fernsehen. Es ging um den Kanzler Willy Brandt und darum, ob er gestürzt wird oder nicht. Die CDU wollte die SPD von der Macht verjagen, mithilfe eines Misstrauensvotums. Wir saßen also stundenlang vor dem Fernseher, und ich habe sicherlich das meiste nicht verstanden, was da geredet wurde. Aber eines habe ich ganz sicher verstanden: Es ist nicht egal, wer da regiert, im Gegenteil – es ist sehr, sehr wichtig. Als Brandt die Abstimmung überstand, jubelten wir vor dem Fernseher. Mein Vater rief dann noch in der Schule an und erklärte, seine Kinder seien nicht krank, sondern hätten was Bedeutsameres zu tun gehabt, als in den Unterricht zu gehen. Es gab ziemlichen Ärger, den wir freudig aushielten.

Ich erinnere mich an die Wahlabende meines Lebens, meistens vor dem Fernseher, bangend, ja, wirklich bangend, dass endlich die Richtigen gewinnen. Waren traurige Abende in der Regel. Ich sage nur: 16 Jahre Helmut Kohl. Und: Ich lebte lange in Bayern, wo ein SPD-Wahlerfolg so wahrscheinlich war wie der deutsche Meistertitel von Schalke 04. Dann kam, endlich, Bundestagswahl 1998, der Wahlsieg von Schröder und Rot-Grün. Ich weiß noch gut, ich habe wirkliches Glück empfunden an diesem Abend.

Natürlich habe ich bemerkt, wie die Leidenschaft in den letzten Wahljahren zurückgegangen ist. Manchmal habe ich sogar die 18-Uhr-Prognose verpasst. Ich kam mir gelegentlich vor wie ein Roboter, der in der Wahlkabine auf ein bestimmtes Kreuz programmiert ist.

Als neulich im ZDF-"heute journal" an die schwere Bombardierung der Stadt Hamburg im Zweiten Weltkrieg erinnert wurde, fehlte etwas. Der Moderator Claus Kleber sprach von den schrecklichen Folgen der Bombenangriffe der Alliierten, und im Filmbeitrag war ein alter Mann zu sehen, ein englischer Pilot, der als junger Mann Bomben über Hamburg abwarf und heute bereut, was er damals getan hat. Eindrucksvoller Mann, der alte Pilot, eindrucksvolle Bilder, auch gegen die Worte von Claus Kleber konnte man nichts sagen. Aber es fehlte etwas. Es fehlte der Hinweis, dass die Deutschen diesen Krieg begonnen und verbrochen haben, dass die Deutschen in erster Linie und vor allem die Täter waren. Dieser Hinweis gehörte immer dazu, ich habe geradezu körperlich gespürt, dass er diesmal fehlte.

Mein Vater, Jahrgang 1929, litt sein ganzes Leben lang darunter, dass er ein begeisterter Hitlerjunge war. Er war überzeugt, wenn die Nazis den Krieg nicht verloren hätten, wäre er ein übler Täter geworden, nichts habe darauf hingewiesen, dass es anders gekommen wäre.

Übrig geblieben ist bei ihm ein lebenslanges tiefes Misstrauen gegen sich selbst, davon hat unser Vater oft erzählt. Dazu gehörte auch eine Geschichte aus seinem Sportunterricht. Die Nazis hatten große Freude an sogenannten Mutproben, und eine sah so aus: Kinder, die noch nicht schwimmen konnten, sollten vom Dreimeterbrett springen, um unten dann nach dem Sprung von älteren Hitlerjungen aus dem Wasser gezogen zu werden. Der Sportlehrer ließ meinen Vater und die anderen in einer Reihe antreten und sagte, wer die Mutprobe verweigere, solle vortreten. Mein Vater erzählte, dass ein einziger Junge vortrat und sagte, er werde das nicht machen, weil er Mutproben für etwas Bescheuertes halte. Mein Vater erzählte, wie sich alle über ihn lustig gemacht hätten, ohne damals auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben, dass dieser Junge der einzige Tapfere war unter all den Feiglingen.

Von meiner Mutter, Jahrgang 1931, habe ich eine Szene aus dem Jahr 2009 in Erinnerung, wenige Wochen vor ihrem Tod: Wir waren zusammen in einer Münchner Buchhandlung, und sie stand vor den Neuerscheinungen, den Sachbüchern, sie nahm sich eins und blätterte hinten im Namensverzeichnis, und dabei zitterten ihre alten Hände. Sie suchte den Namen ihres Vaters, meines Großvaters, das Buch hieß Zwangsarbeit bei Daimler-Benz, und ihr Vater war ein Chefentwickler in der Flugmotorenabteilung gewesen, also mittendrin in der Kriegsindustrie. Sie hatte oft von ihm erzählt, aber nie von seiner Rolle während des Krieges, wir hatten auch nicht gefragt. Im Buch stand der Name nicht, aber sie fürchtete, dass er in irgendeinem anderen Buch steht.