Noch nie ist unsere Spezies so unaufgeregt verschwunden wie in diesem Film: keine atomare Katastrophe, keine Seuche, kein Angriff von Außerirdischen. Eines Morgens sind die Menschen einfach weg.

Übrig bleibt Armin, ein Typ Anfang vierzig. Seit Jahrzehnten wohnt er in derselben kleinen Wohnung in Berlin. Eine Beziehung hat er nicht, den Job des Nachrichten-Kameramanns scheint er ohne Ambitionen zu betreiben. Zu Beginn von Ulrich Köhlers In My Room werden im Schneideraum einer TV-Redaktion Interviews mit Politikern abgespielt, die Armin gedreht hat – oder eben nicht. Im entscheidenden Moment war die Kamera ausgeschaltet.

Plötzlich ist die Tankstelle verwaist

Die eigentliche Dystopie liegt im ersten Teil der Erzählung, der sich nach wenigen Szenen zum selbst fabrizierten Schicksal, zu einer Kette der Verweigerungen verdichtet. Ein Besuch in der Stadt seiner Kindheit wirft Armin auf sich selbst zurück. Seine Oma liegt im Sterben, der Vater lebt in einer neuen Beziehung. Man ahnt, spürt, sieht, wie schwer das ist, heimzukommen, ohne irgendwo anders angekommen zu sein. Im vertrauten Ambiente dem eigenen Erwachsensein ins Auge zu blicken, das nach bürgerlichen Maßstäben gescheitert ist.

Das Unfassbare tritt lautlos ins Bild, an einem trüben, nieseligen Morgen, der wie geschaffen ist für Ulrich Köhlers Poesie der Beiläufigkeit: Plötzlich ist die Tankstelle, in der gestern noch Bier gekauft wurde, verwaist; Motorräder liegen auf der Autobahn herum; ein Rollator steht mitten auf der Straße; ein Schiff treibt steuerlos den Fluss hinab. Irgendwo in der Ferne bellt ein Hund. Armin ist offenbar der letzte Mensch auf Erden.

In früheren Filmen (Bungalow, Montag kommen die Fenster, Schlafkrankheit) erzählte Ulrich Köhler von Menschen, die zumindest vorübergehend aus dem eigenen Leben aussteigen, die sich dem allgemeinen Takt verweigern, der Welt abhandenkommen. In My Room geht den umgekehrten Weg. Hier ist es die Welt, die sich in einem sozialen Sinn verabschiedet. Der Film ist eine konsequente Versuchsanordnung, eine Erforschung der Muster, die bleiben, wenn sonst nichts mehr da ist.

Fünf Jahre später führt Armin ein Eremitendasein mit selbst gebautem Haus, Wasserkraftgenerator, Kartoffelfeld, einem Pferd und Haustieren. Sein Körper ist muskulös, seine Bewegungen, Verrichtungen, Handgriffe sind zielstrebig. Der Schauspieler Hans Löw spielt diesen Wandel sehr fein, als veränderte Haltung eines Menschen zu sich selbst. Von der ewigen Verweigerung und vom spätadoleszenten Phlegma hin zu einem Ich, das erst bei sich ist, wenn die Beobachtung durch andere aussetzt.

Früher stellte einer wie Armin Weichen, indem er Optionen (Familie, Beziehung, Karriere) ausschlug.Nun gibt es nur noch eine einzige: allein zu überleben. Und die nachgeordnete Entscheidung, dies in seiner Heimat Ostwestfalen zu versuchen. Man könnte diesen Zustand zwischen Vormoderne und Postapokalypse auch das Paradies nennen. Die Frage ist, ob es sich zu zweit bewohnen lässt. Eine Frau taucht auf: Kirsi (Elena Radonicich). Die Menschheitsgeschichte kann also von vorn beginnen. Oder nicht? Wie seltsam muss es zwei Wesen ergehen, die auf der Welt die einzigen möglichen Partner füreinander sind.

Die Offenheit von Ulrich Köhlers Experiment findet sich in jedem Bild des Kameramanns Patrick Orth. Nie weiß das Objektiv mehr als wir. Die Kamera wertet nicht, drängt sich nicht auf – eher gibt sie den Figuren einen Rahmen, den sie in jeder Szene neu betreten, mit Spannung erfüllen können. Etwa wenn sie dem reitenden Armin durch die Kleinstadt Vlotho folgt. Entlang des Weges: wuchernde Pflanzen, von Wurzeln gesprengter Asphalt. Verwilderte deutsche Vorgartenträume. In einer überwachsenen Videothek betrachtet sie gemeinsam mit Kirsi die Auslage der Pornoabteilung. Fast empfindet man ein bisschen Rührung über eine entschwundene Menschheit, die sich Filmtitel wie Fickschnitzel und Lass knacken 9 ausgedacht hat.

So aberwitzig Köhlers apokalyptische Setzung ist, so genau behält er die Grundlagen seiner filmischen Versuchsanordnung im Blick. Womöglich ist die Sozialisation – hier in einer linksbürgerlichen Familie im Landkreis Lippe – tatsächlich prägender als alle Freiheit, die aus dem Verschwinden der Menschheit erwächst.

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