Von Zeit zu Zeit melden sich Politiker zu Wort, die finden, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre. Wenn von diesem Islam die Rede ist, wirkt es oft, als stehe er für ein Kollektiv, eine ungreifbare Masse von Muslimen. Aber haben alle, die über den Islam reden, über ihn mutmaßen und ihn fürchten, den Anhängern dieses Glaubens schon einmal zugehört?

Ein Muslim, um den es hier geht, ist Mohammad Imran Sagir, geboren in Berlin, die Eltern aus Indien, Ehemann, Vater von zwei Kindern, Betriebswirt und Geschäftsführer des Muslimischen Seelsorgetelefons.

Jede Woche sitzt er einige Stunden in einem schlichten Raum in einem hippen Viertel Berlins und nimmt den Hörer ab, wenn es klingelt. Am Telefon: ein Mensch, der sich sorgt, der sich quält, der nachts nicht schlafen kann. Mehr als 43.000 Anrufe gab es seit der Gründung 2009, die von der Kirchlichen Telefonseelsorge Berlin unterstützt wurde. Beide Dienste arbeiten weiter bei Ausbildung und Supervision zusammen. 24 Stunden ist das Muslimische Seelsorgetelefon erreichbar, 80 Ehrenamtliche wechseln sich ab.

Sagir hat einige Zeit überlegt, ob die ZEIT dabei sein kann, wenn er die anonymen Gespräche führt. Dann aber zugestimmt, um transparent zu machen, wie und worüber geredet wird. Die Gespräche beginnen oft zaghaft, stockend, mit einigen Sekunden Schweigen, oder der unsicheren Frage: Soll ich einfach anfangen? Manchmal siezen sich Anrufer und Seelsorger, manchmal duzen sie sich, manchmal vermischt sich beides. Der Anlass des Anrufs wird selten sofort genannt: Er wird umschlichen, langsam gehäutet, und nicht immer entblößt sich ein Kern. Ihren Namen verraten die Anrufer nicht, meist aber ihren Wohnort und ihren Beruf. Um sie zu schützen, werden diese Details hier nicht genannt.

Was erfahren wir, wenn Muslime über ihr Inneres reden? Ein Lehrstück in fünf Akten über die Nöte von Menschen, die oft als Masse gesehen und in ihrem Alltag aber kaum gehört werden.

Akt 1: Versuchung

Mohammad Imran Sagir: Muslimisches Seelsorgetelefon.

Anrufer: Salam alaikum. Ich habe ein Problem, oder ich weiß nicht, ob Problem, ja, ich denke, es ist ein Problem: Ich möchte heiraten, aber meine Eltern erlauben mir das nicht.

Sagir: Wie alt bist du?

Anrufer: 24. Mein Vater meint, ich bin nicht reif.

Sagir: Lebt dein Vater hier?

Anrufer: Nein, in der Heimat, in Afghanistan, manchmal kommt er beruflich nach Deutschland.

Sagir: Du bist hier aufgewachsen?

Anrufer: Ja.

Sagir: Und dein Vater?

Anrufer: Er war lange in Deutschland und hatte keine Arbeit, das machte ihn psychisch kaputt, er war nichts, ein Niemand in dieser Gesellschaft. Er ging zurück, dort ist er ein angesehener Mann. Er sagte zu mir, ich soll erst nach meiner Ausbildung heiraten.

Sagir: In welchem Jahr bist du?

Anrufer: Im dritten. Wenn Sie nun denken, ist ja bald vorbei, ich kann warten, das ist nicht so, ich will nicht mehr warten.

Sagir: Warum nicht?

Anrufer: Ich habe das Bedürfnis nach einer Frau, aber ich will mich nicht mit meiner Familie streiten, verstehste, Bruder?

Sagir: Was würde passieren, wenn du heiraten würdest?

Anrufer: Ich wäre ruhiger, sicherer. (Kurze Pause, dann sehr aufgebracht:) Weißt du, es wird überall verschleiert, dass alle schon vor der Ehe eine Freundin haben! Jeder Mann macht das, das kannst du mir glauben! Und die Frauen auch, kaum Jungfrauen, das ist der Trend! Ist doch nicht richtig! Ich kann das nicht mit meinem Gewissen vereinbaren! Aber ganz ehrlich, im Beruf habe ich viel mit Frauen zu tun, es sind schöne Frauen, parfümiert ... Wie soll ich denn da islamisch handeln? Es wäre doch besser, wenn ich eine Frau hätte.