Der Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul hat Wut und Trauer ausgelöst – und eine Zeit lang eine Hoffnung geweckt. So grausam haben saudische Schergen gemordet, dass die USA ihre Allianz mit den Saudis nun brechen müssen, lautet die. Dass der Westen die Augen vor der Hemmungslosigkeit des Regimes nicht länger verschließen kann, sondern hinschaut, vor allem auf den Jemen.

Saudi-Arabien, das reichste arabische Land, führt dort, im ärmsten Land der Region, einen Krieg ohne Gnade. Seit mehr als drei Jahren wird gekämpft, 18.000 Luftangriffe haben saudische Truppen und ihre Verbündeten geflogen. Sie nutzen einige der teuersten, schlagkräftigsten Waffen unserer Zeit, hergestellt im Westen. Und sie haben mächtige Verbündete: Die USA und Großbritannien stehen an der Seite der saudischen Koalition, sämtliche europäischen Staaten verkaufen den Koalitionären Waffen, auch Deutschland. Und obgleich westliche Staaten tief verwickelt sind in diesen Krieg, hat er erstaunlich wenig Aufmerksamkeit erfahren.

Für einen Moment schien der Fall Khashoggi das verändert zu haben.

Während die saudische Führung den Mord an dem Journalisten noch leugnete, meldeten die Vereinten Nationen, 14 Millionen Menschen im Jemen drohe der Hungertod. Die Versorgungskrise schwelt seit Monaten. Doch erst jetzt, da die Welt auf Saudi-Arabien blickt, kommt die menschengemachte Katastrophe in die Schlagzeilen. Die New York Times druckte das Foto eines vom Hunger ausgemergelten Mädchens, ähnlich dem Bild auf dieser Seite. Sein Name: Amal, Arabisch für Hoffnung.

Tatsächlich erklärte die US-Regierung vergangene Woche, sie fordere eine Feuerpause binnen 30 Tagen. Kann die Hoffnung wahr werden, dass der Krieg im Jemen endet – weil der Westen endlich hinschaut? Zumindest suggeriert die US-Regierung das.

Hört man sich genauer um, wachsen Zweifel. Die Amerikaner hatten ihren Vorstoß zu Friedensgesprächen offenbar nicht einmal mit ihren Verbündeten, den Saudis, Emiratis und Briten, abgesprochen. Zur Bedingung machen sie, dass die gegnerischen Rebellen das Feuer zuerst einstellen – das aber ist unrealistisch. Und so richtet sich dieser Aufruf zum Frieden wohl in erster Linie an die westliche Öffentlichkeit: Beruhigt euch.

Nur: Warum ist der Westen überhaupt verstrickt in diesen Krieg? Und warum ist das so wenigen bewusst?

Dieser Krieg ist der Welt nicht zufällig aus dem Blickfeld gerutscht. Das Verdrängen ist politisch.

Ein Krieg, größer als ein Land

An das Frühjahr 2015, als die Armeen Saudi-Arabiens und seiner Verbündeten im Jemen eingriffen, erinnert sich manch Spitzendiplomat als eine politische Rutschbahn: Die Welt ist in Bewegung, doch noch ist nicht deutlich, in welche Richtung es geht. Der IS erstarkt, Themen sind die Kriege in der Ukraine und in Syrien. Der Jemen bleibt eine Randnotiz. So erregt kaum Aufsehen, dass Saudi-Arabien im Jemen eine historische Wende hinlegt. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten ziehen saudische Truppen in den Krieg. Befehligt werden sie von dem damals 29-jährigen Verteidigungsminister, dem heutigen Kronprinzen Mohammed bin Salman, bekannt unter seinen Initialen MbS.

Der Jemen gilt als Hinterhof Saudi-Arabiens, ein armer Staat mit 30 Millionen Einwohnern, in dem gerade eine große Hoffnung stirbt. 2011 hatte sich die Bevölkerung gegen den langjährigen Diktator Ali Abdullah Salih erhoben, eine neue Politik schien möglich. Doch Rebellen aus den Nordprovinzen, die sich nach ihrem ersten Anführer die Huthis nennen, erobern Teile des Landes, sogar die Hauptstadt Sanaa. Im saudischen Riad sieht der aufstrebende Prinz MbS diesen Umstand als Gefahr für sein Land – und als Chance für sich selbst. Die schiitischen Huthis gelten als Verbündete des Iran, des Erzfeindes Saudi-Arabiens. Um keinen Preis will man in Riad akzeptieren, dass sie das Nachbarland unter ihre Kontrolle bringen. MbS wiederum ist ein Neuling an der Spitze der saudischen Monarchie, er ist ehrgeizig, und er hat ein Ziel: Saudi-Arabien aus dem Schlaf der greisen Könige rütteln, das Land zur führenden Regionalmacht machen und sich selbst zum Thronfolger. Ein schneller, siegreicher Krieg im Jemen soll ihm dabei helfen.

Es gibt in diesem Krieg keine Guten

MbS macht die Beteiligung am Jemen-Krieg zu einer Frage der Loyalität: Nur wer mit ihm kämpft, ist Saudi-Arabiens Freund. So schmiedet er eine Allianz, die übermächtig scheint, darunter Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar. Auch den Westen zieht er auf seine Seite. Der damalige US-Präsident Barack Obama beschließt, die saudische Koalition zu unterstützen, die saudische Luftwaffe wird seither von amerikanischen Truppen beraten, beliefert, betankt. Auch Großbritannien und Frankreich leisten militärische Unterstützung, alle europäischen Rüstungsproduzenten liefern Kriegsgerät, darunter Kampfjets und Bomben. Deutsche Waffen sind ebenfalls im Einsatz. Die Koalitionstruppen kämpfen mit Eurofightern, an denen Deutsche mitgebaut haben, mit Aufklärungsdrohnen, dem Sturmgewehr G36 – und womöglich auch mit deutschen Patrouillenbooten. Auf dem Papier dürfen diese Waffen nur unter der Bedingung geliefert werden, dass sie nicht in die Hände Dritter gelangen. Das aber passiert nachweislich – ohne dass die Bundesregierung Konsequenzen zieht.

Aus westlicher Sicht haben sich im Jemen 2015 drei Gelegenheiten geboten: den Verbündeten Saudi-Arabien – samt dem ambitionierten jungen Prinzen – zu stärken und den Iran in die Schranken zu weisen; Terroristen zu bekämpfen; und mit Waffen Geschäfte zu machen.

Doch der erhoffte schnelle Sieg bleibt aus. Die saudisch geführte Koalition hat seit Beginn des Krieges kaum Boden gutgemacht. Der Iran, der die Huthis mit Waffen unterstützt, aber kaum Einfluss auf sie hat, kann dabei zuschauen, wie Saudi-Arabien Milliarden ausgibt, aber wenig gewinnt. MbS hat sich zwar profiliert, doch steht er heute vor einem Dilemma: Ihm fehlt eine Exit-Strategie. Die Guerilla-Gruppe wird militärisch kaum zu besiegen sein. Der Westen muss sich eingestehen, dass dieser Krieg, dass dieser Prinz die Region nicht nur in Not gestürzt, sondern auch unsicherer gemacht hat.

Das ist die erste Dimension des Verdrängens: Der Westen hat gelbes Licht gegeben für diesen Krieg, er hat ihn nicht angezettelt, aber unterstützt – und gut daran verdient. Eine andere Sphäre der Verdrängung ist die Illusion über die Kriegsparteien: Es gibt in diesem Krieg keine Guten. Die Saudis bombardieren mit ihrer Koalition die Städte im Norden und auch immer wieder Flüchtlinge. Dafür durchsetzen ihre Gegner, die Huthis, das Land mit Minen aus iranischer Produktion. Die Loyalitäten wechseln ständig.

Hunger, größer als ein Krieg

Je erfolgloser die Kriegsparteien sind, desto mehr lassen sie die Bevölkerung leiden. Nachdem die ersten Luftschläge der saudisch geführten Koalition vor allem militärische Stellungen der Huthis trafen, bombardiert sie inzwischen strategische Infrastruktur wie Brücken und Wassertanks, Straßen und Märkte. Weil die Saudis nicht vorangekommen sind, haben sie das Land isoliert. Flughäfen, Seewege, Landgrenzen sind versperrt. Die Huthis wiederum kontrollieren ihre Machtbereiche mit Gangstermethoden, erpressen Geld mit Entführungen, unterdrücken jeden Widerspruch.

Die Aussichtslosigkeit dieses Krieges findet ihren Höhepunkt in der Offensive der Koalitionäre auf den Hafen von Hudaida, den wichtigsten Versorgungszugang für den Norden des Jemen. Unter Führung der Vereinigten Arabischen Emirate blockieren und bombardieren die Koalitionskräfte die Stadt, während die Huthis sich in ihr verschanzen. Die Kesselschlacht begann im Sommer, geriet ins Stocken – und ist vor wenigen Tagen neu entflammt. Für den Jemen ist sie so bedeutend, wie es der Kampf um Aleppo für Syrien war. Sie macht aber kaum Schlagzeilen, weil die jemenitischen Kräfte – ob prosaudisch oder nicht – kaum organisierte Medienarbeit betreiben.

Die Not verstärkt sich selbst

Schon vor dem Krieg war der jemenitische Staatsapparat dysfunktional. Zwischen den Fronten wird er nun vollständig zerrieben. So hat die saudische Führung, um ihre Gegner unter Druck zu setzen, finanzielle Sanktionen verhängt: Sie sabotiert die jemenitische Zentralbank und hat staatliche Gehälter einfrieren lassen. Seit mehr als zwei Jahren hat keine Ärztin, kein Lehrer, kein Polizist mehr Lohn erhalten. Und weil von diesen Löhnen ganze Familien lebten, trifft die Maßnahme etwa ein Drittel der Jemeniten. Das Ergebnis: Lebensmittel und Treibstoff werden für Millionen Menschen unerschwinglich.

In der Hauptstadt Sanaa, so erzählen es Jemenitinnen und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen am Telefon, sind die Regale der Supermärkte zwar gut gefüllt, doch die Straßen voller Bettler. Auf dem Land sind ganze Landstriche ohne Zugang zu Nahrung. Von dort wird nur das Leid jener sichtbar, die es noch irgendwie in eine Klinik schaffen.

Die Not verstärkt sich zudem selbst. Junge Männer verdienen als Milizionäre mehr denn als Bauern; es ist lukrativer, Drogen anzubauen als Getreide. Kat zum Beispiel, eine im Jemen extrem populäre Pflanze, unterdrückt das Hungergefühl und macht high. Sein Anbau verschlingt enorme Flächen.

Die Wirtschaftssanktionen sind eine eigene Front in diesem Krieg. Sie töten leiser als Bomben, dafür töten sie mehr. Nach groben Schätzungen sind bislang zwischen 16.000 und 60.000 Menschen im Kampf getötet worden, deutlich mehr dürften an Hunger und Krankheiten gestorben sein.

Es war wohl nicht das Ziel der saudisch geführten Koalition, eine solche Hungerkrise auszulösen. Doch sie befördert sie. Dieser Hunger ist ein Kriegsverbrechen, und die westlichen Bündnispartner machen sich daran mitschuldig.

Den Jemeniten – und das begünstigt das Verdrängen – bleibt kein Ausweg. Sie leben in einem abgeschotteten Land. Im Norden liegt Saudi-Arabien, im Osten der Oman, dazwischen viel Wüste und im Westen und Süden der Ozean. Es gibt kaum Flüchtlinge aus dem Jemen und damit kaum politischen Druck in Europa. Deshalb dringt noch etwas kaum nach außen: Geschichten.

Was wir sehen

Es ist eine Besonderheit dieses Krieges, dass es wenige Bilder gibt. Jene, die bekannt werden, zeigen: Opfer. Kinder mit vor Hunger geblähtem Bauch. Männer ohne Beine. Die Starken, die Täter, bleiben unsichtbar.

Dahinter steckt Taktik. Saudi-Arabien und seine Verbündeten haben viel dafür getan, diesen Krieg von den Blicken der Welt fernzuhalten. Sie haben dafür gesorgt, dass wenige ausländische Journalisten ins Land gelangen, während jemenitische Journalisten gezielt verfolgt werden, von allen Kriegsparteien. Das saudische Informationsministerium organisiert Fahrten an die jemenitische Grenze, wo man viel über die saudische Sicht erfahren kann, aber wenig über das Land. Das erschwert es, anschaulich über den Jemen zu berichten, und macht es leicht, sich nicht weiter beunruhigen zu lassen. Dabei hilft, dass das westliche Engagement fast ohne Opfer auskommt. Statt amerikanischer oder saudischer Soldaten kämpfen Söldner aus dem Sudan und Äthiopien. Statt bemannter Jets senden die USA Drohnen.

Dahinter steckt aber auch, dass man im Westen auf die Bilder gern verzichtet hat. Die Verdrängung fällt leichter, wenn die Krise ohne Gesicht bleibt, wenn Zahlen die Nachrichten dominieren statt Einzelschicksale. So war es auch mit Syrien: Der Krieg war aus den Schlagzeilen verschwunden, bis ein zweijähriger Junge mit rotem T-Shirt und blauen Shorts tot am türkischen Ägäisstrand lag. Es war sein Bild, seine Geschichte, die Europa daran erinnerte, was an seinen Grenzen los war.

Wie flüchtig wird die Aufmerksamkeit für den Jemen sein?

Eine weitere Besonderheit dieses Krieges ist, dass einige der Täter zugleich Helfer sind. Rund die Hälfte des Geldes für humanitäre Hilfe im hungernden Jemen kommt aus den Kassen Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate. Warum spenden sie, während sie gleichzeitig bomben? Weil die Hilfe die Verantwortung für das Leid verschleiert, auch gegenüber der eigenen Bevölkerung, die um die Not der jemenitischen Nachbarn durchaus weiß. Und die Hilfe verleiht Macht. Vertreter von Hilfsorganisationen verurteilen zwar die Kriegsführung. Sie wissen aber auch um die Abhängigkeit von den Zahlungen der Koalitionäre. Kürzen die Saudis oder Emiratis die Gelder, erreicht noch weniger Hilfe die Jemeniten. So wird der Hunger angeprangert, die Ursachen aber bleiben. Diese Logik hat dem Westen das Verdrängen erleichtert. UN-Friedensgespräche sind gescheitert, auch weil kaum Druck auf die Kriegsparteien, allen voran Saudi-Arabien, ausgeübt wurde. Untätigkeit musste man sich aber nicht vorwerfen lassen, schließlich zahlten westliche Staaten, darunter Deutschland, hohe Summen an Hilfsgeldern.

Zwei Tage nachdem US-Minister vergangene Woche vom Waffenstillstand sprachen, flogen Koalitionstruppen neue Luftangriffe auf die wichtigsten Flug- und Seehäfen des Landes. Das Mädchen mit dem Namen Amal, Hoffnung, dessen Foto in der New York Times Aufmerksamkeit erregte, ist inzwischen gestorben.

Wie flüchtig wird die Aufmerksamkeit für den Jemen sein? Was kann sie bewirken?

Der Westen ist militärisch so sehr in diesen Krieg verwickelt, dass sein Rückzug ihn verändern könnte. Ohne amerikanische Unterstützung und Feuerleithilfe ist die saudische Luftwaffe kaum einsatzfähig. Auch das Ende europäischer Waffenlieferungen an alle beteiligten Staaten – also auch an die Vereinigten Arabischen Emirate und Ägypten – wäre ein wichtiger Schritt, würde aber allein den Krieg nicht beenden. Das trifft insbesondere auf deutsche Waffen zu, die einen vergleichsweise kleinen Teil der Waffen im Feld ausmachen.

Ganz entscheidend hingegen wäre politischer Druck auf Saudi-Arabien und die verbündeten Emirate. Wirkt der Westen vereint darauf hin, dass nicht bloß geholfen wird, sondern die Ursachen der Not beseitigt werden, kann das Leid schnell drastisch verringert werden. Ohne das Einverständnis der westlichen Bündnispartner lassen sich wirtschaftliche Maßnahmen wie die Stilllegung der Zahlungswege in den Jemen nicht auf Dauer durchsetzen. Nur öffentliche Ächtung wird die stille Komplizenschaft des Westens beenden. Es wäre das Ende des Verdrängens.

Mitarbeit: Hauke Friederichs

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