Wir treffen uns während der Filmfestspiele von Venedig. Der Ort: ein gesichtsloses Luxushotel, irgendwo in der venezianischen Lagune auf einer eigenen Insel.

Joel Coen: Dieser Ort ist schrecklich.

Ethan Coen: Ich glaube, es ist eine Mischung aus Hotel und Kongresszentrum.

Joel: Aber es gibt keinen Kongress. Deshalb wirkt es so trist.

Ethan: Wir sind der Kongress.

Joel: Wenigstens würde uns der viele Beton notfalls vor einer Bombe schützen.

Ethan: In Venedig werden keine Amerikaner angegriffen.

Joel: Warte unsere Premiere ab.

DIE ZEIT: Joel und Ethan, warum erwecken Sie in der Öffentlichkeit eigentlich immer wieder den Anschein, dass Sie nichts oder fast nichts mit Ihren Filmen zu tun haben?

Joel: Ist das so? Okay, wir sind in unserer Haltung eher defensiv.

Ethan: Ja, wir verteidigen uns.

ZEIT: Wogegen?

Joel: Gegen Journalisten.

ZEIT: Warum?

Ethan: Wir schauen nie von außen auf das, was wir tun. Also können wir auch nicht erklären, warum in unseren Filmen dieses oder jenes geschieht oder ein bestimmtes Motiv auftaucht. Das bringt uns in Konflikt mit der generellen Lebensaufgabe von Journalisten, die darin besteht, etwas zu erfahren, etwas zu enthüllen. Aber selbst einfache Fragen sind für uns manchmal sehr schwer zu beantworten.

Joel: Ein Problem ist auch, dass wir immer wieder politische Fragen gestellt bekommen, uns aber nicht politisch äußern wollen.

ZEIT: Sie, Ethan, haben allerdings Gedichte über Donald Trump veröffentlicht.

Ethan: Ja.

ZEIT: Eine Kostprobe: "Trumple do what Trumple does / Trumple be what Trumple was".

Ethan: Immerhin, es reimt sich.

ZEIT: In einem offenen Brief haben Sie Trump aufgefordert, Sie zum Poet Laureate der USA zu ernennen. Sie schrieben: "Die amerikanische Dichtkunst sollte Amerikas Größe vergrößern."

Ethan: Ja, das sollte sie!

ZEIT: Ihre Argumente waren schlagend: "Die amerikanische Dichtung hat das Reimen vernachlässigt. Das ist wie ein Hühnergericht ohne Huhn."

Joel: Mein Bruder hatte schon immer ein Gespür für große Sprachbilder.

Ethan: Ein Hühnergericht ohne Huhn ist wie ein Western ohne Pferde.

Joel: Eine wichtige Erkenntnis für einen Regisseur ist: Wenn man einen Western dreht, verbringt man 90 Prozent der Zeit damit, sich mit den Pferden zu beschäftigen oder auf die Pferde zu warten.

Ethan: Und auf die Ochsen.

ZEIT: Ihr neuer Film The Ballad of Buster Scruggs besteht aus sechs kürzeren Episoden, die unterschiedliche Tonlagen des Western anschlagen. Warum wählten Sie die Form der Anthologie?

Joel: Sie ist ein leider vernachlässigtes Kino-Genre. Wir wollten uns die Freiheit nehmen, mit einem einzigen Film gleichzeitig einen Spaghetti-Western und ein Western-Musical zu drehen, eine Siedlertreck-Geschichte, eine Goldgräber-Geschichte, einen brutalen und einen existenzialistischen Western.

© Henry Nicholls/​Reuters

Ethan: Anthologien gab es schon in guten alten Hollywood-Zeiten. Auch italienische Sex-Komödien der Siebzigerjahre bestanden oft aus mehreren Episoden. Das Format hat etwas von einer Fingerübung. Obwohl wir den Western sehr ernst nehmen.

Joel: Alle Episoden des Films beruhen auf Kurzgeschichten, die wir in den letzten 25 Jahren geschrieben haben. Nur hatten wir sie immer direkt in die Schublade gesteckt.

ZEIT: Vor jeder Episode gleitet die Kamera über die Seiten eines illustrierten Bandes mit Western-Geschichten. Haben Sie solche Bücher als Kind gelesen?

Joel: Zuhauf. Unser Lieblingsbuch war Howard Pyle’s Book of Pirates.

Ethan: Kolorierte Seiten, glatter, fast öliger Einband.

Joel: Diese Art von Büchern des frühen 20. Jahrhunderts waren Klassiker, bebildert von dem großen Illustrator N. C. Wyeth. Wyeth illustrierte Bücher wie Die Schatzinsel von Robert Louis Stevenson – Millionen von Amerikanern haben diese Geschichten als Kind gelesen. Die Bücher selbst waren wie kostbare Objekte, die man ehrfürchtig in Händen hielt. Man bewunderte die Illustrationen. Als Jungs konnten wir in diese Bilder eintauchen.