DIE ZEIT: Herr Reck, halb Europa regt sich darüber auf, dass Internetkonzerne wie Apple und Facebook in der EU kaum Steuern zahlen, obwohl sie hier viele Milliarden verdienen. Ihnen dagegen scheint das gleichgültig zu sein.

Johannes Reck: Nein, ich finde das genauso ungerecht wie die meisten anderen Menschen in Europa.

ZEIT: Dennoch haben Sie zusammen mit Daniel Ek von Spotify und Robert Gentz von Zalando sowie 13 anderen Internetunternehmern an die EU-Finanzminister appelliert: Sie sollen den Plan beerdigen, den Umsatz der Digitalkonzerne mit drei Prozent zu besteuern. So wollen die Politiker jene Firmen zur Kasse bitten, die weltweit mehr als 750 Millionen Euro Jahresumsatz erzielen, davon mindestens 50 Millionen in der EU, und die in Europa aber auf dem Papier kaum Gewinne erzielen.

Reck: Diese Digitalsteuer ist eine verrückte Strategie. Harakiri! Sie würde nicht nur die amerikanischen Konzerne treffen, sondern all jenen europäischen Unternehmen schaden, die noch keine Gewinne erzielen, weil sie ihre Umsätze lieber in Wachstum investieren. Die Steuer dient nur dazu, die tatsächlichen Probleme zu kaschieren – so als wenn man ein schiefes Haus schnell neu anstreicht, statt erst mal Statik und Fundament auszubessern.

ZEIT: Was sind denn Ihrer Meinung nach die tatsächlichen Probleme?

Reck: Dass wir es in Europa verschlafen haben, eigene Digitalunternehmen aufzubauen, die Google, Apple, Facebook und Amazon die Stirn bieten. Wenn wir nun alle Digitalfirmen mit einer Extrasteuer belegen, machen wir es womöglich noch schlimmer, weil wir die europäischen Unternehmen viel stärker treffen würden als die amerikanischen, für die Europa nur ein Markt von vielen ist.

ZEIT: Was schlagen Sie stattdessen vor?

Reck: Wir brauchen Anreize dafür, dass europäische Investoren mehr Wagniskapital zur Verfügung stellen und wir unabhängiger von Geldgebern aus den USA werden – etwa indem wir auch Pensionsfonds Investitionen in junge Technologiefirmen erleichtern. Außerdem brauchen wir mehr Informatiker in Europa, und auch nicht börsennotierte Firmen müssen ihre Mitarbeiter leichter beteiligen können. Über all das müssen wir reden – statt immer nur über Mütterrente oder Baukindergeld.

ZEIT: Nur würde das so schnell nichts daran ändern, dass amerikanische Internetkonzerne hier groß verdienen, ohne einen fairen Beitrag zum Gemeinwesen zu leisten. Abgesehen davon könnte die Steuer für mehr Chancengleichheit zwischen europäischen und amerikanischen Firmen sorgen.

Johannes Reck, 33, ist CEO von GetYourGuide © PR

Reck: Von wegen! Die Internetkonzerne haben doch längst eine ungeheure Marktmacht aufgebaut, der man sich kaum entziehen kann. Wer sich mit seinen Freunden vernetzen will, kommt an Facebook und seinen Tochterfirmen WhatsApp und Instagram nicht vorbei. Die EU-Kommission müsste noch entschiedener gegen solche monopolartigen Strukturen vorgehen. Außerdem muss die EU klare Kante gegenüber Mitgliedsstaaten zeigen, die Digitalunternehmen mit besonders niedrigen Steuern ködern – so wie Irland.

ZEIT: Das ist doch naiv. Warum sollte Irland seine Steuern erhöhen und so riskieren, dass die Digitalfirmen viele Tausend Jobs verlagern? Das Land hat sich sogar monatelang dagegen gewehrt, bei Apple 13 Milliarden Euro Steuern einzutreiben, nachdem die EU-Kommission irische Steuervergünstigungen als rechtswidrig eingestuft hatte.

Reck: Man muss Ländern wie Irland klarmachen, dass wir in der EU nur zusammen gewinnen können – oder eben zusammen verlieren. Irgendjemand muss bei der Steuerharmonisierung die Führungsrolle übernehmen. Das wäre viel wichtiger, als mit einer Digitalsteuer herumzuwurschteln.