Wer ist der "Stabilitätsanker des Nahen Ostens"? Das Königreich Jordanien, wenn man der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) glauben darf. So jedenfalls überschrieb die bundeseigene Förderbank Ende Oktober die Nachricht, dass man den Jordaniern im Auftrag des Bundes einen Kredit von 86 Millionen Euro als Unterstützung gewähre. Weitere 237 Millionen Euro haben die Deutschen als direkte Entwicklungshilfe zugesagt – für Schulen, Wasser und die Betreuung syrischer Flüchtlinge. Der Kredit solle zur Steigerung des Wirtschafts- und Beschäftigungswachstums eingesetzt werden; zugleich unterstreiche er "das Vertrauen in die Reformbemühungen unserer jordanischen Partner", führte die KfW in ihrer Begründung für den Kredit aus.

Worauf sich dieses Vertrauen stützt, bleibt offen. Bisherige Anläufe, die Strukturen in dem wirtschaftlich Not leidenden Land zu reformieren, bieten kaum Grund zur Hoffnung. Im Gegenzug für einen Kredit des Internationalen Währungsfonds (IWF) über 723 Millionen US-Dollar verpflichtete das Land sich schon 2016 zu Reformen. Bis dato zahlen nur fünf Prozent der Jordanier Einkommensteuer. Jordaniens Staatsdefizit liegt bei 96 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Im Mai legte die Regierung eine Steuerreform vor: Sie sollte die Strafen für Steuerhinterziehung verschärfen, den Freibetrag senken und so den Anteil der Steuerzahler verdoppeln.

Was moderat klingen mag, bescherte dem Land die größten Proteste seit Jahren: Tausende gingen Anfang Juni auf die Straße, trommelnd, pfeifend, Fahnen schwenkend. Plötzlich lag ein Hauch von Arabischem Frühling in der Luft im sonst so schläfrigen Königreich. "So etwas habe ich noch nicht erlebt", sagte Tarek Nadschar, ein 31-jähriger Zahnarzt, der in der Hauptstadt Amman inmitten der Menge stand.

Für ihn und viele andere war die Schmerzgrenze erreicht. Zuvor hatte die Regierung bereits Mehrwert-, Strom- und Benzinsteuern erhöht und Subventionen auf Nahrungsmittel gekürzt. Die Machthaber versuchten damit, auch die Auflagen von Geldgebern wie dem IWF zu erfüllen, doch das kam jedes Mal schlecht an in der Bevölkerung, zumal die Löhne seit Jahren stagnieren. Tarek Nadschar arbeitet morgens in einem öffentlichen Krankenhaus, nachmittags in einer Privatklinik, nebenbei setzt er Botox-Spritzen, um sein Einkommen aufzubessern. Dennoch, sagt er, liege dieses unter 1.000 Dinar (1.189 Euro). Vielen geht es noch deutlich schlechter: Fast 40 Prozent der jungen Jordanier finden keinen Job. "Ma’anash" lautete der Hashtag und auch das Motto der Proteste: "Wir haben nichts".

Die Proteste ebbten ab, nachdem der König den Premierminister abgesetzt und dessen Nachfolger Omar al-Rassas die Steuerreform abgeblasen hatte. Damit kaufte er Zeit. Doch die droht abzulaufen: Im September legte Rassas einen neuen Entwurf vor, der sich vom vorherigen nur leicht unterscheidet. Vorsorglich schickte der Premier seine Minister aus, um landesweit für die Reform zu werben. Doch vielerorts hinderten buhende Bürger die Politiker am Sprechen.

Der Widerstand gegen die Reformen fällt so vehement aus, weil sie den ungeschriebenen Gesellschaftsvertrag untergraben. Er besagt: Der Staat schafft Jobs, sorgt für günstige Bildung, hält Güter des alltäglichen Bedarfs mit Subventionen billig. Im Gegenzug verzichten die Bürger auf politische Mitsprache. Ähnliche informelle Abmachungen bestehen in den ölreichen Golfstaaten.