Gerade hatte seine Inszenierung in Zürich Premiere, dabei steht er unter Hausarrest. Er darf kein Internet benutzen, keine E-Mails schreiben und darf nur mit wenigen ausgewählten Personen sprechen, auf keinen Fall aber mit Journalisten. Wie in einem Gefängnis sitzt Kirill Serebrennikow fest, in einer Wohnung in Moskau, 33 Quadratmeter, immerhin, gelegentlich darf er durch die Nachbarschaft spazieren. Über ein Jahr ist es jetzt her, dass sie ihn eingesperrt haben. Seine Mutter ist während dieser Zeit gestorben. Sein Vater weint heiser, als russische Journalisten ihn aufsuchen, und hofft, er möge den Tag noch erleben, an dem sein 49-jähriger Sohn freikommt. Dem drohen bis zu zehn Jahre Haft.

Vor Kurzem begann der wohl spektakulärste Künstlerprozess, den es im postsowjetischen Russland je gab. Kirill Serebrennikow und drei Mitangeklagten wird schwerer, gemeinsam organisierter Betrug vorgeworfen. Zwischen 2011 und 2014 sollen sie etwa 1,8 Millionen Euro entwendet haben, so lautet die Anklage. Staatliches Geld wanderte in die privaten Taschen der Künstler, behaupten die Ankläger. An einem kalten Herbsttag sitzen im vierten Stock des Meschanski-Gerichts, Saal 233, die vier Kulturschaffenden vor der Richterin: Juri Itin, Alexej Malobrodski, Sofia Apfelbaum und Kirill Serebrennikow im Kapuzenpulli. Der Prozess wird sich über viele Monate hinziehen.

Die Vorwürfe wirken einigermaßen bemüht: Erst hieß es, eine Inszenierung von Shakespeares Mittsommernachtstraum sei niemals produziert worden. Nachweislich gab es sie; bestens besucht übrigens. Ähnlich unsinnig klingt die Unterstellung, Serebrennikow habe mit dem angeblich unterschlagenen Geld seine Wohnung in Berlin bezahlt. Dabei kaufte er sie, bevor er die staatliche Förderung erhielt. Die Ermittler suchten weiter – und wer sucht, der findet. Serebrennikows Produktionsfirma bezahlte Dienstleistungen in bar. An das Bargeld gelangte sie über Scheinfirmen, die Anschaffungen abrechnen, faktisch aber das Geld an das Theater zurückzahlen. Das ist zwar nicht sauber, an vielen Theatern aber üblich, andernfalls müsste jedem Botengang, jedem Requisitenkauf eine Ausschreibung oder Kostenaufstellung vorangehen. Selbst Wladimir Putin kritisierte das entsprechende Gesetz. Die Theater wurschtelten sich durch. Bis jetzt. Kirill Serebrennikow hat offenbar eine Grenze überschritten. Nur weiß niemand, welche.

Serebrennikow ist homosexuell, als Künstler brach er Konventionen mit nackten Körpern und Glaubenskritik. Und er wurde berühmt, wurde gefeiert, nicht nur in Russland, auch international. Er hatte seine "krischa", sein schützendes Dach im Machtapparat. Als Serebrennikow 2011 seine Theaterplattform gründete, eine Experimentierbühne, die Tanz, Film, Musik, Schauspiel vereinte und deren Geld er nun angeblich unterschlagen haben soll, hatte er Dmitri Medwedews Unterstützung, der damals noch russischer Präsident war. Serebrennikow bekam viel Geld vom Staat, seine Produktionsgesellschaft Siebtes Studio setzte die Projekte um. 2012 übernahm er das verstaubte Gogol-Theater und machte es zu einem der wichtigsten künstlerischen Treffpunkte der urbanen Mittelschicht in Russland. 2014 wurde die Theaterplattform aufgelöst, sein Siebtes Studio aber existierte als Teil des Gogol-Theaters, das fortan Zentrum hieß, weiter.

Kirill Serebrennikow, meint der russische Filmregisseur Witali Manski, sei das perfekte Opfer, weil er in seinen Produktionen Film, Theater und zeitgenössische Kunst vereine: "Man schlägt einmal zu und trifft dreifach." Deshalb bringt dieser Strafprozess gegen den Regisseur so viele Künstler in Russland auf wie keiner zuvor: Es trifft einen aus ihrer Mitte. Vor Gericht stehen Serebrennikow und drei Mitangeklagte, gemeint sind sie aber alle.

Dem Regisseur Witali Manski strich der Kulturminister persönlich wegen seiner "antistaatlichen Rhetorik" die Förderung für sein Dokumentarfilmfestival. Seine Produktionsfirma hat Manski nach Riga verlegt. Auch sein Kollege Andrej Swjaginzew, für den Oscar nominiert, verzichtete auf eine Staatsförderung, nachdem ihm der Kulturminister "Nestbeschmutzung" vorwarf. Der Dramaturgin Marina Dawydowa wurde die Finanzierung für ihre Zeitung Teatr gestrichen, nachdem sie zu Beginn des ukrainisch-russischen Krieges einen Schwerpunkt über ukrainisches Theater veröffentlichte und das Titelblatt in die blau-gelben Nationalfarben der Ukraine tauchte. Früher, meint Dawydowa, hätten die Machthaber in Moskau auch veränderungswillige Künstler ausgezeichnet. Das sei vorbei. Wie also leben, wie atmen, wie arbeiten?

Etwas verschließt sich in Russland. Grenzen verschieben sich. Wann fing es an?

Andrej Jerofejew sitzt im vierten Stock seiner Altbauwohnung, die unweit des Bolotnaja-Platzes liegt, wo Wladimir Putin 2012 die Proteste der Mittelklasse gegen seine abgekartete Wiederwahl auseinandertreiben ließ. Jerofejew blickt aus dem Fenster auf das Haus des Volkskonzils, wo eine Gruppe religiöser Fanatiker ihren Sitz hat. Die Aktivisten wollten Jerofejew im Gefängnis sehen, weil er eine Ausstellung mit dem Titel "Verbotene Kunst" kuratiert hatte: Zu sehen gab es Jesus als Werbefigur für McDonald’s, Polizisten knutschend in einem Birkenwald – alles durch Gucklöcher einsehbar. Ein Teil der Exponate war in der Sowjetunion verboten, ein anderer wurde später in russischen Museen und Galerien abgelehnt. Dafür zeigten die Tugendkrieger des Volkskonzils ihn und seinen Partner an.

Viele waren damals schockiert. Andrej Jerofejew aber fiel diese Begegnung ein, die sich Mitte der Neunzigerjahre zutrug. Damals schälte sich eine freie Gesellschaft aus den Trümmern des Sozialismus heraus, und die Künstler halfen eifrig mit. "Man hatte das gleiche Ziel vor Augen: ein neues Bild von Russland zu erschaffen." Sie waren plötzlich nicht mehr in der Opposition, sondern arbeiteten mit dem Staat Hand in Hand. Für Jerofejew steht dafür exemplarisch eine Reihe von Künstlern, zu denen auch Kirill Serebrennikow gehörte. Alle hatten sie einflussreiche Bekannte, den Gouverneur aus Perm zum Beispiel oder Putins späteren Berater Wladislaw Surkow, der sich als Schriftsteller versuchte. Doch rückblickend, meint Jerofejew, waren die Spielräume kleiner, als viele meinten. "Schon damals gab es die Idee, russische Kunst nicht mit der Weltkunst interagieren zu lassen", sagt Jerofejew. "Das war das erste Zeichen für die Abschottung. Nur nahm das niemand wahr. Man konnte sich kaum vorstellen, dass das Land sich zu diesem Irrsinn hin entwickeln würde. Auch ich verstand damals nicht, dass das Zensur ist."

"Die Kunst soll dem Staat nutzen"

2010 ging der Kunstprozess gegen Jerofejew mit einem Schuldspruch zu Ende. Er und sein Partner sollen religiöse Gefühle verletzt und nationalen Hass geschürt haben, kamen aber mit einer Geldstrafe davon. Vielleicht wurde damals das Fundament dafür gelegt, was Andrej Jerofejew heute das "Putinsche System" nennt: die schrittweise Übernahme von Institutionen. Die dürfen weiterarbeiten, werden aber ausgehöhlt und umgedeutet. "Sie sagen nicht, dass sie das staatliche Zentrum für zeitgenössische Kunst kaputt machen – sie sagen, dass sie es ›modifizieren‹ oder ›optimieren‹." Neulich, erinnert sich der Kurator, sprach er auf einem Empfang mit einem hohen Tier beim russischen Staatsfernsehen über Zensur. Der sagte: "Bei uns gibt es keine schriftlichen Verbote, der Mensch muss die Grenzen selbst fühlen." Fühlt er sie nicht, fällt er eben raus.

Jede Ideologie braucht ihre Vollstrecker, der in Russland heißt Wladimir Medinski, ein smarter Kulturfunktionär von scharfer Eloquenz und ideologischem Eifer. Seine Stunde schlug 2012, als sich Wladimir Putin vollends für den autoritären Weg entschied. Seither wird Medinski nicht müde, den Patriotismus als neue Staatsideologie zu preisen: Die Kunst soll dem Staat nutzen. Die Künstler sollen seine Handlanger werden. Das Internet soll zum patriotischen Bollwerk gegen westliche Ideen werden. "Wir brauchen ein patriotisches Internet, ein patriotisches Radio und patriotisches Fernsehen", schrieb er in einem Aufruf. Kunst und Kultur sind für Medinski Instrumente zur Erziehung vaterlandsliebender Bürger, und viele in Russland stimmen ihm zu.

Zum Wendepunkt wurde damals die Annexion der Krim. Sie führte zur quasireligiösen Überhöhung des Staats, sie wurde zur wichtigsten Quelle des neuen Patriotismus. Einer wie Serebrennikow hielt sich zwar fern von der Hurra-Stimmung, aber namhafte Künstler bedankten sich in einem Brief bei Wladimir Putin für seine Politik in der Ukraine und auf der Krim. Vielleicht ahnten sie nicht, dass die patriotischen Gefühle sich gegen ihr eigenes Schaffen richten könnten. Da versuchten religiöse Fanatiker, mit Gewalt einen Film über den letzten Zaren zu verhindern, da der religiöse Gefühle verletze, da zerstörten Tugendwächter angeblich unzüchtige Foto-Ausstellungen – der Staat lässt sie fast immer gewähren. Selbst der Direktor der Eremitage in St. Petersburg räumt ein, dass sie mittlerweile aufpassen müssen bei bestimmten Ausstellungen. Vielleicht hatte sich einer wie Kirill Serebrennikow zu sicher gefühlt. Er hatte sich ja nie offen gegen das System gestellt.

Autoritäre Systeme zeichnen sich durch eine merkwürdige Ungleichzeitigkeit aus. Sie müssen gar nicht alles kontrollieren: Sie können liberal und illiberal zugleich sein. Politologen kritisieren die manipulative Geschichtspolitik im Radio, zeitgleich werden Prozesse gegen Historiker angestrengt, die Verbrechen aus der Stalin-Zeit aufdecken. Russische Regisseure machen Filme über den Krieg in der Ostukraine, während einer ihrer Kollegen, der ukrainische Regisseur Oleh Senzow, unter fingierten Vorwürfen seit vier Jahren im Gefängnis sitzt. Kritisches Theater wird mit Staatsgeld inszeniert, und doch kursieren schwarze Listen, auf denen steht, welche Künstler bei prestigereichen Kunstforen unerwünscht sind – auch Serebrennikows Name fand sich auf so einer Liste.

In einem System, das nach dem Prinzip Willkür aufgebaut ist, wird jedes Detail bedeutsam. Sämtliche Angeklagten im Prozess gegen Serebrennikow sind jüdisch, merken einige Beobachter an. Andere sagen: Putins angeblicher Beichtvater Tichon ist mächtiger geworden und kämpft mit Furor gegen Homosexualität. Die dritten: Serebrennikows Verhaftung ist ein Schlag gegen den liberalen Flügel im Kreml. Man wendet und deutet, um irgendein Muster zu erkennen. Und wenn es gar keines gibt?

Serebrennikows Aufführung am Bolschoitheater über den schwulen Baletttänzer Rudolf Nurejew, der sich aus der Sowjetunion in den Westen absetzte, wird kurzfristig abgesagt – und dann doch erfolgreich aufgeführt und ausgezeichnet. Serebrennikow stellt im Hausarrest seinen Film Leto ("Sommer") über den sowjetischen Rockstar Viktor Zoi fertig, der diese Woche in Deutschland anläuft – und wird bei einem vom russischen Kulturministerium mitfinanzierten Festival dafür gefeiert. Er wird – ebenfalls im Hausarrest – mit der russischen "Goldenen Maske" ausgezeichnet, dem wichtigsten staatlichen Theaterpreis in Russland. Als aber Serebrennikows Mutter im Sterben liegt, darf er nicht zu ihr.

Was sind Tauwettersignale, was sind falsche Fährten? Was sind Zeichen der Freiheit und was nur taktische Manöver der Sicherheitsapparate?

Beinahe ein Jahr ist es her, dass Kirill Serebrennikow, damals schon im Hausarrest, in einem Lokal auftauchte, das bei Kulturschaffenden beliebt ist und in der Nähe seiner Wohnung liegt. Hastig schreitet er auf die Hinterhofterrasse, die an diesem kalten Abend fast menschenleer ist. Er hat den schwarzen Schal tief ins Gesicht gezogen und huscht nach oben auf die Veranda, wo Tee für zwei gebracht wird. Eine Stunde später verschwindet Serebrennikow. Kurz darauf folgt ihm ein Mann, der aussieht, wie Geheimdienstler in Parodien aussehen: wattierte Jacke, raspelkurzes Haar, massig. Er verdrückt sich in die Ecke des Hinterhofs, telefoniert, dann verschwindet auch er.

Kirill Serebrennikow, sagen jene, die mit ihm in den vergangenen Monaten sprechen konnten, sei verunsichert. Er begreife nicht, wie ihm geschehe. Hoffe nach wie vor, aus diesem Albtraum aufzuwachen. Irgendwie. Vermutlich hat er noch immer Unterstützer im Machtapparat. Sicher aber ist er schon lange nicht mehr.

Mitarbeit: Lena Sambuk