Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-Doctor-Beilage für Krebspatienten, die in ihren Beruf wieder einsteigen möchten.

Menschen mit Krebs leben heute vielfach länger als noch vor Jahrzehnten. Sie gewinnen Jahre, die sie gestalten möchten. Fast ein Drittel der Betroffenen erhält die Diagnose im erwerbsfähigen Alter. Doch während die Medizin alles daransetzt, das Leben der Patienten zu verlängern, wird ihnen die Rückkehr in den Alltag an anderer Stelle extrem schwer gemacht.

Viele Verantwortliche in Politik und Wirtschaft haben noch nicht begriffen, dass immer mehr Menschen Krebs überstehen und weiterarbeiten können und wollen. Sie müssen ein Haus finanzieren, die Altersvorsorge, die Ausbildung der Kinder. Sie sind womöglich alleinerziehend oder leben allein – und sind dann im Wortsinne arm dran. Zur Bedrohung ihres Lebens durch die Krankheit kommt die Bedrohung ihrer materiellen Existenz hinzu. Krebs zu überleben ist hierzulande mit einem massiven Armutsrisiko verbunden – absurd, in einem der reichsten Länder der Welt.

Es liegt etwa daran, dass Krankenversicherung, Rentenversicherung und Arbeitsagentur sich wechselseitig die Verantwortung zuschieben, was einer vernünftigen, selbstbestimmten Rückkehr der Patienten ins Arbeitsleben zuwiderläuft. So haben die gesetzlichen Krankenkassen den Auftrag, festzustellen, ob ein Krebspatient in absehbarer Zeit wieder arbeiten kann. Kommen sie zum gegenteiligen Schluss, dürfen sie ihn in Rente schicken – ohne dass er ein Wort mitredet. Krebsüberlebende vom Bäcker bis zur Betriebswirtin landen dann binnen kurzer Zeit in prekären Verhältnissen. Die Erwerbsminderungsrente liegt derzeit im Schnitt bei 716 Euro.

Die Kasse ist fein raus, denn von diesem Moment an braucht sie kein Krankengeld mehr zu zahlen. Die Versuchung ist derart hoch, dass die Kassen rigoros vorgehen: Sie bedrängen Krebspatienten zu einem immer früheren Zeitpunkt, eine medizinische Reha zu beantragen, so früh, dass eine seriöse Prognose über den Krankheitsverlauf noch gar nicht möglich ist. Stellt der Patient den Reha-Antrag nicht fristgerecht, wird er automatisch in Rente geschoben. Bringt er aber die Kraft auf, Widerspruch einzulegen, versuchen die Kassen mit allen Tricks, ihn dazu zu bewegen, den Widerspruch zurückzuziehen. Das geht so weit, dass kürzlich das Bundesversicherungsamt einschritt: In einem Schreiben wies es die Kassen darauf hin, dass schon die ständigen Nachfragen bei schwer kranken Patienten, ob sie den Widerspruch nicht zurückziehen möchten, gegen das Sozialgesetz verstoßen. Und es sei nicht statthaft, zu suggerieren, dass der Widerspruch keine Aussicht auf Erfolg habe oder ständig neu bekräftigt werden müsse.

Da passt ins Bild, was die Bundesagentur für Arbeit in einem internen Bericht gerade an ihren Jobcentern kritisierte: dass sie gesundheitlich langfristig eingeschränkte Arbeitslose in drastischer Weise benachteiligen.

Es fehlt an Weichenstellungen aus der Politik, die Sozialträger zur besseren Zusammenarbeit zu zwingen. Die Wirtschaft klagt über Fachkräftemangel, und Hunderttausende qualifizierte Krebsüberlebende werden Jahr für Jahr unfreiwillig in Rente geschickt. Auch in der Arbeitswelt liegt einiges im Argen: Ehemaligen Krebspatienten wird unter Vorwänden gekündigt. Es mangelt allenthalben an Fantasie, chronisch Kranke so einzusetzen, dass ihr Know-how dem Arbeitgeber erhalten bleibt. Es gilt stur: 130 Prozent Leistung oder tschüs. Zeit für ein Umdenken. Prognosen zufolge muss jeder zweite Babyboomer mit einer Krebsdiagnose rechnen. Chronische Leiden werden das Thema der Zukunft. Sollen all diese Menschen zu Hause sitzen? Das ist kein guter Plan.