Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-Doctor-Beilage für Krebspatienten, die in ihren Beruf wieder einsteigen möchten.

Alles zu seiner Zeit: Ein Leitfaden für Berufstätige

Krebs bedeutet immer temporären Kontrollverlust: Von jetzt auf gleich fühlt man sich hilflos und ist abhängig von Ärzten. Die Existenz – auch die materielle – gerät ins Wanken. Und dann kommen die Briefe: die Reha-Anträge, die Formulare mit Fristen, um die man sich auch noch kümmern soll, zum Beispiel von der Krankenkasse. Und das mitten in der Therapie, wenn man doch nur überleben möchte und sich schwach fühlt. Die meisten Menschen können dann Unterstützung bestens gebrauchen – jemanden, der hilft, den Parcours zwischen Klinikaufenthalten, Therapien und notwendigen bürokratischen Schritten zu meistern, mit all den Ängsten, die sie begleiten.

Wer nach der Genesung wieder arbeiten möchte und muss, sollte besonders achtgeben. Sehr hilfreich kann es sein, sich einen Freund oder Verwandten als "Formularbeauftragten" an die Seite zu holen, der Telefonate führt und Fristen im Auge behält. Zudem sollte man sich früh kompetent beraten lassen, sogar schon im Krankenhaus, beim sogenannten Sozialdienst. Da sitzen Fachleute, die alle Formulare kennen – und auch die Fallen beim Ausfüllen. Immer wieder sind dort zwei Empfehlungen zu hören: lieber einmal mehr nachfragen. Alle Hilfe ohne schlechtes Gewissen annehmen. Hier finden Sie Ratschläge, die es Ihnen erleichtern sollen, später in den Job zurückzukehren.

1. Die Diagnose

In dieser Phase nur das Allernötigste tun

Nach dem Krebsbefund dreht sich erst einmal alles um die großen Fragen: Muss ich sterben? Welche Behandlung steht an? Wer so geschockt ist, kann keine berufliche Zukunft planen. Er braucht zunächst Gespräche mit Vertrauten, um wieder etwas Halt zu finden. Angestellte müssen in dieser ersten Zeit nur auf eine Sache achten: dass sie binnen drei Tagen beim Arbeitgeber eine Krankmeldung vorlegen und diese lückenlos verlängern lassen, damit ihr Lohn fortgezahlt wird. Selbstständige erhalten von der privaten Krankenversicherung Tagegeld – wenn sie das so vereinbart haben. Wer die Zusatzleistung nicht im Vertrag und keine privaten Rücklagen hat, muss als Freiberufler oft Alg II beantragen. Angestellte bekommen nach sechswöchiger Lohnfortzahlung Krankengeld in Höhe von 70 Prozent des Brutto-, maximal 90 Prozent des Nettolohns über 72 Wochen. So lange dauern oft auch Therapie und Nachsorge.

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2. Während der Therapie

Die ersten Weichen richtig stellen

Wenn der Arzt erklärt hat, wie der Therapieplan aussieht und wie lange man voraussichtlich im Job ausfällt, ist es sinnvoll, dem Arbeitgeber zu sagen, wann man nach derzeitigem Stand wiederkommt. Je nach Krebsart können das zwei, drei Monate oder auch ein Dreivierteljahr sein. Es hat sich bewährt, während der Therapie alle ein bis zwei Monate ein Signal an den Chef zu senden, dass man immer noch weiterarbeiten möchte – schon um im Team nicht in Vergessenheit zu geraten. Außerdem empfiehlt es sich, einen Antrag auf Schwerbehinderung zu stellen. Diesem wird fast immer stattgegeben. Die Mitarbeiter des Krankenhaus-Sozialdienstes helfen mit den Formularen. Wenn man möchte, kann man die Schwerbehinderung bei der Rückkehr in den Job geltend machen, um einen besseren Kündigungsschutz und mehr Urlaub zu bekommen.

Die Krankenkassen stellen derweil fest, ob man länger als sechs Monate nicht erwerbsfähig sein wird, und sie dürfen ihre Mitglieder auffordern, binnen zehn Wochen einen Antrag auf eine Reha zu stellen. Diese Aufforderung kommt allerdings häufig, wenn der Patient noch sehr geschwächt ist, und sie erfolgt oft in drängendem Ton. Beantragt man nun keine Reha, wandelt die Kasse den Vorgang automatisch in einen Rentenantrag um – auch wenn man gar nicht in Rente gehen möchte. Wer die Reha-Aufforderung erhält, sollte vor allem die Nerven bewahren und sich sofort fürs Ausfüllen der Formulare Hilfe beim Sozialdienst oder in Beratungsstellen holen. Man kann binnen einer Frist widersprechen, dieser Widerspruch muss aber sauber begründet sein. Ein wichtiger Partner ist dann der Arzt, der eine Prognose abgeben muss. Man sollte ihm explizit sagen, dass man arbeiten möchte, dass man es sich nicht leisten kann, in Rente zu gehen – und ihn um seinen Rat fragen.

Übrigens: Wer ambulant behandelt wird, kann bei der Kasse die Übernahme der Fahrtkosten beantragen.

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3. In der Reha

Die vielfältigen Angebote nutzen

Die medizinische Reha ist ein wichtiger Baustein, um sich auf die Rückkehr in den Beruf vorzubereiten. Für manche Menschen kommt eine medizinisch-beruflich orientierte Reha (MBOR) in Betracht – etwa wenn sie am Arbeitsplatz spezielle Handgriffe ausführen und Techniken erlernen müssen, wie sie das trotz einer nun eingeschränkten Beweglichkeit hinbekommen. Im Zentrum aller Rehas steht, körperlich wieder stabiler und leistungsfähiger zu werden. Es empfiehlt sich, auch die Angebote zum Thema Entspannung, Gedächtnistraining oder Konfliktmanagement zu nutzen. Denn gerade bei Letzterem lernt man in alltagsnahen Rollenspielen mitunter sehr Nützliches: etwa wie man später im Job Bedürfnisse anmeldet, ohne gleich anzuecken, oder wie man auf unangebrachte Kritik an der Arbeitsleistung reagiert. Mit der Teilnahme signalisiert man den Ärzten zudem: Ich will wieder arbeiten – und es ist mir ernst!

© Paula Troxler für DIE ZEIT

In der Reha-Zeit lässt sich in einem geschützten Raum auch austesten, wie fit man schon ist. So kann eine Verkäuferin feststellen, ob sie noch von früh bis spät stehend arbeiten kann oder ob vielleicht ein anderer Job besser wäre. Die Ärzte können im Abschlussbericht passende sogenannte Leistungen zur Teilhabe anregen: Fortbildungen, Umschulungen, eine Umgestaltung des Arbeitsplatzes. Wenn der Rentenversicherer die Maßnahme genehmigt, übernimmt er die Kosten. Fachleute raten dazu, bereits aus der Reha heraus mit dem Arbeitgeber Kontakt aufzunehmen und ein Wiedereingliederungsgespräch zu planen, das jedem Arbeitnehmer zusteht. Niemand muss übrigens im Job offenbaren, woran er leidet. Wer sich sicher fühlt und in einem guten Klima arbeitet, kann seine Krebsdiagnose aber ruhig ansprechen.

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4. Auf dem Weg zurück

Langsam wieder schneller werden

Egal, ob man die Rückkehr in den Job eher fürchtet oder es kaum erwarten kann, wieder durchzustarten: Ratsam ist immer eine konsequente, stufenweise Wiedereingliederung. Besonders gut bewährt und etabliert hat sich dabei ein Programm mit dem Namen "Hamburger Modell". Dabei ist man während der ersten Monate noch krankgeschrieben und bekommt Übergangsgeld, der Arbeitgeber zahlt also noch keinen Lohn. Man startet zum Beispiel mit vier Stunden täglich und erhöht erst nach einigen Wochen auf sechs Stunden. Es ist sinnvoll, dass die Vertretung anfangs noch dabeibleibt und mitarbeitet, statt weggeschickt zu werden. Die meisten Rückkehrer sind hoch motiviert. Doch sie überschätzen oft ihre Kräfte und unterschätzen ihren Bedarf an Erholung. Da hilft nur Disziplin. Also: wirklich nach vier Stunden nach Hause gehen. Man darf in der Wiedereingliederungszeit flexibel sein und die Stundenzahl auch wieder reduzieren. Wenn sich zeigt, dass die Kräfte noch nicht ausreichen, oder Folgeleiden wie Fatigue auftreten, kann eine zweite Reha helfen.

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5. Wieder im Job

Die eigenen Grenzen im Auge behalten

© Paula Troxler für DIE ZEIT

Auch die sehr Ehrgeizigen und Leistungsbetonten unter den Krebskranken können häufig nicht einfach im Beruf weitermachen wie zuvor. Zwar spricht nichts dagegen, bereits während der Behandlungsphasen zu arbeiten, wenn es möglich ist, das kann schließlich ablenken und stabilisieren – dennoch sollte man die neue Belastungsgrenze von Anfang an ernst nehmen. Das heißt: rechtzeitig Pausen einlegen und nicht erst, wenn man schon fix und fertig ist. Nicht wenige muten sich beim Comeback zu viel zu und erleben nach einigen Monaten einen Zusammenbruch, der womöglich vermeidbar gewesen wäre. Man kann einiges tun, um das richtige Maß zu finden. Mit Entspannungsübungen zu Hause. Mit Delegieren, privat und im Job. Damit, eigene Prioritäten zu setzen. Indem man sich traut, seine Bedürfnisse mit den Kollegen zu besprechen, und ihnen sehr freundlich, klar und einfach sagt, wo man etwas mehr Unterstützung braucht und welche Art Hilfe einem wirklich nützlich wäre. So verhindert man sowohl Überforderung als auch, mit Samthandschuhen angefasst zu werden, obwohl man bereits mehr leisten könnte. Beim Arbeitgeber kann ein sogenannter leidensgerechter Arbeitsplatz beantragt werden. Wie der im individuellen Fall aussehen kann, erfährt man bei der Rentenversicherung. Oft entlasten bereits kleine Korrekturen: etwa eine Armablage neben der Computertastatur, wenn die Lymphknoten in der Achsel entfernt wurden und der Arm schnell anschwillt. Wer nach einem Krebsleiden in den Beruf zurückkehrt, darf sich etwas herausnehmen. Als Schwerbehinderter muss man beispielsweise keine Überstunden machen. Und wer es sich finanziell erlauben kann, schafft den Neuanfang manchmal besser in Teilzeit.

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6. Nach dem Berufsleben

Orientierung und neuen Sinn suchen

Wenn die ärztliche Prognose nicht gut ausfällt, vielleicht weil die Krankheit wiederkehrt, oder wenn die Rückkehr in den alten Job nicht gelingt und der Umstieg in neue Arbeit nicht möglich ist, bedeutet das tiefe Einschnitte – finanziell und lebensplanerisch. Denn klar ist: Man wird nicht mehr so viel Geld haben wie früher – und nicht mehr alle Zeit der Welt.

Finanziell sieht es so aus: Wenn Krebspatienten vor dem Renteneintrittsalter nicht mehr arbeiten gehen können, bekommen sie eine Erwerbsminderungsrente. Dabei gibt es verschiedene Modelle, und diese auch in Kombinationen. So ist es zum Beispiel sogar möglich, eine Teilrente zu erhalten und auf Honorarbasis in seinem alten Beruf oder in ähnlichen Tätigkeiten und nach eigenem Ermessen Aufträge zu übernehmen. Ein wichtiger Tipp: Wer den Antrag auf Erwerbsminderungsrente erst 2019 stellt, bekommt zehn Prozent mehr Geld, weil diese Rente künftig aufgestockt wird.

Lebensplanerisch kann die Entscheidung, nicht mehr in den Beruf zurückzukehren, dramatisch sein. Oft ist der Ausstieg ein schwerer, unfreiwilliger Schritt in eine ungewisse Zukunft. Viele Patientinnen und Patienten machen erst mal eine große Inventur in eigener Sache: Was oder wer kam bisher zu kurz? Wie will ich meine verbleibende Lebenszeit nutzen? Wer aus dem Beruf ausscheidet, hat ein höheres Risiko, zu verarmen und zu vereinsamen. Und: Oft war die Arbeit auch etwas, was dem Leben Struktur verliehen hat. Manchen hilft es, sich neue Aufgaben zu suchen, falls die Gesundheit es zulässt, zum Beispiel ehrenamtliche. Dabei können sie vielleicht auf Erfahrungen und Kompetenzen aus dem Berufsleben zurückzugreifen – etwa als Steuer-Profi bei einem Verein oder als PR-Experte einer Initiative. Wichtig ist, sich nicht in eine innere Höhle zurückzuziehen, sondern der Suche nach einem Sinn im Leben eine Chance und Zeit zu geben. Vielleicht findet man ihn sogar in Bindungen und Tätigkeiten, die durch die freie Zeit erst möglich wurden.

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