1923: Neutöner

Mit seinem op. 25, einer kurzen Suite für Klavier, verhalf der Wiener Komponist Arnold Schönberg der Welt 1923 zu einem neuen Hörerlebnis. Das erste Werk der Zwölftonmusik, einer Kompositionsmethode "mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen", wie Schönberg schrieb, begründete ein neues Ordnungsprinzip in der Musik. Aufführungen dieser Zweiten Wiener Schule führten regelmäßig zu Tumulten in den Konzertsälen von Wien. Doch Schönberg und seine Weggefährten, die Neutöner, kämpften leidenschaftlich für ihren neuen Stil. Allerdings konnte sich der musikalische Reformator erst nach seiner Flucht vor den Nazis in den USA durchsetzen. Heute gilt sein Stil bereits als Klassiker.
Joachim Riedl

1925: Bilder als Sprache für alle

Wie lassen sich wissenschaftliche Zusammenhänge für Laien verständlich machen? Sprache, so war Otto Neurath überzeugt, reicht nicht. Der Ökonom, Wissenschaftstheoretiker und Volksbildner, der im Revolutionsjahr 1919 als Funktionär in der ersten Münchner Räterepublik gewirkt hatte, sah im Symbolbild den Weg zur Demokratisierung des Wissens. Die Wiener Methode der Bildstatistik, die er ab 1925 mit dem Grafiker Gerd Arntz konzipierte, sollte über politische Vorhaben und soziale Fragen aufklären. Im Exil des vor den Nazis geflüchteten Reformers wurde daraus das International System of Picture Education, kurz Isotype: Symbole, die heute weltweit den Weg auf Flughäfen oder in Bahnhöfen weisen und in Infografiken allgegenwärtig sind.
Judith E. Innerhofer

1929: Wissenschaftliche Weltauffassung

Hinter den Schwingtüren zum Mathematischen Seminar der Universität Wien traf sich am Abend jedes zweiten Donnerstags ein erlesener Denkerkreis. Inspiriert von der rationalen Gedankenwelt des Ludwig Wittgenstein, hatte der gebürtige Berliner Moritz Schlick, Professor für Naturphilosophie, einen Philosophenzirkel um sich geschart. Dieser Wiener Kreis hatte Metaphysik und Theologie den Kampf angesagt, Disziplinen, die man für "Aberglauben" hielt, die bis dahin alle Sinnsuche dominierten. An ihre Stelle sollte ein empirischer Positivismus treten, der sich auf das Wahrnehmbare beschränkt. In ihrem 1929 erschienen Manifest Die wissenschaftliche Weltauffassung erklärten die Denker, ihnen schwebe eine "Einheitswissenschaft" vor.
Joachim Riedl

1933: Die müde Gesellschaft

Sie sind müde, haben resigniert, stehen antriebslos herum, starren mit stierem Blick von einer Brücke ins Nichts. 120 Tage lang studierten Paul Felix Lazarsfeld, ein karenzierter Mittelschullehrer für Mathematik, und seine zwölf Mitarbeiter von der Wiener Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle die über tausend Arbeitslosenfamilien, die in der niederösterreichischen Fabriksiedlung Marienthal in den Tag hinein lebten. Die Untersuchung Die Arbeitslosen von Marienthal, 1933 erschienen, kombiniert moderne Erhebungsmethoden und Feldforschung, um so ein authentisches Bild einer sozialen Gruppe zu zeichnen. Sie ist ein Meilenstein der empirischen Sozialforschung, weltweit richtungsweisend.
Joachim Riedl

1949: Geblasener Stahl

In Häusern, Maschinen oder Autos, Stahl ist überall. Und damit auch jene Technologie aus Oberösterreich, die heute in den meisten Fällen hinter der Metalllegierung steckt: das als Linz-Donawitz-Verfahren bekannte Sauerstoff-Blasstahl-Verfahren. Ingenieure der Vereinigten Österreichischen Stahlwerke (Voest) in Linz schafften es im Jahr 1949 erstmals, das LD-Verfahren durchzuführen. Drei Jahre später nahm dort das erste LD-Werk der Welt seinen Betrieb auf, das rasch Nachahmer fand. Heute werden zwei Drittel der 1,6 Millionen Tonnen Stahl, die jährlich weltweit hergestellt werden, mit dem LD-Verfahren produziert.
Judith E. Innerhofer

1956: Auf der Spur der Zecke

Immer mehr Waldarbeiter erkrankten in den Zwanzigerjahren rund um Wiener Neustadt an einem mysteriösen Leiden, das an Kinderlähmung erinnerte. Erst im Jahr 1956 war klar, was dahintersteckte: das Frühsommer-Meningoenzephalitis-Virus (FSME-Virus), das der Wiener Mediziner und Mikrobiologe Hans Moritsch und sein Kollege Josef Krausler nun aus fünf Zecken, die zu den Überträgern der Erregern gehören, isolieren konnten. 17 Jahre später entwickelte der Virologe Christian Kunz an der Universität Wien den ersten Impfstoff gegen die Krankheit, die zu einer Entzündung von Gehirn und Hirnhäuten mit unheilbaren Schäden führen kann.
Judith E. Innerhofer

1968: Nackte Provokation

Im Hörsaal 1 war der Teufel los: Unter Absingen der Bundeshymne veranstaltete der Aktionskünstler Günter Brus mit sechs Freunden ein provokantes Happening: Sie verrichteten auf offener Bühne ihre Notdurft, masturbierten, verschmierten die Exkremente auf ihren nackten Körpern. Bis dahin hatten die Wiener Aktionisten weitgehend isoliert ihre Schock-Kunst ausgeübt, bei der sie ihre Körper malträtierten und besudelten. Mit einem Mal standen sie im Blickpunkt. Medien polemisierten gegen die "Uni-Ferkelei", und ihre Teilnehmer wurden vor Gericht gestellt. Der Justiz entkamen sie in ihr Berliner Exil, von wo aus sie die Kunstwelt beeinflussten. Heute gelten die Außenseiter von damals als arrivierte Staatskünstler.
Joachim Riedl

1976: Glitzersteine für Arm und Reich

Sie funkeln von Lustern in arabischen Palästen und vom Bauchnabel der Lady Gaga, sie kommen für urbane Trendsetter ebenso infrage wie für die Großelterngeneration, die Glasmenagerie in ihre Vitrine stellt: die schillernden Steinchen des Tiroler Glaskristallproduzenten Swarovski. Zwar arbeitete der traditionsreiche Familienbetrieb aus Wattens schon in den Zwanzigerjahren mit Hollywood-Ausstattern und Modeschöpfern zusammen. Erst im Jahr 1976 entstand aber die Idee, eine Maus aus geschliffenem Glas zusammenzukleben und unter dem eigenen Markennamen zu vertreiben. Seit dem Erfolg mit den Tier-, Obst- und Blumenfiguren steht der Name Swarovski für Zierrat und Glitter für jedermann.
Judith E. Innerhofer

1981: Tödliches Prestigeobjekt

Glock heißt Pistole, jedenfalls im amerikanischen Umgangsjargon. Das liegt an jener Selbstladepistole, die der Ingenieur Gaston Glock im Jahr 1981 in seiner Garage in Deutsch-Wagram baute: leicht, verhältnismäßig günstig, wartungsarm, mit großem Magazin, allzeit schussbereit. Die meistverkaufte Pistole der Welt ist eine popkulturelle Ikone und in manchen Kreisen ein Statussymbol. Eines, das tötet.
Judith E. Innerhofer

1984: Eine Dose im Flugrausch

Ein österreichischer Zahnpastamanager entdeckt in Asien ein koffeinhaltiges Zuckerwasser und macht daraus eine der erfolgreichsten Marken der Welt: Die Geschichte von Dietrich Mateschitz und seinem Red-Bull-Imperium ist legendär – was neben dem Marketingkonzept auch an der Geheimhaltungsstrategie des vielfachen Milliardärs und seines 1984 gegründeten Konzerns liegt. In Milliardenhöhe liegt auch der Absatz im Kerngeschäft, den Red-Bull-Dosen. Daneben gehören Mateschitz Fußballclubs, Eishockeyvereine und ein Formel-1-Rennstall, Medienhäuser und Musikevents. Von Anfang an setzte Red Bull auf Sponsoring, vor allem im Sportbereich. Die Maxime: Hauptsache, extrem.
Judith E. Innerhofer

1986: Danke, Jörg

Mithilfe des nationalen Flügels putschte sich Jörg Haider, der damalige Jungstar der Freiheitlichen, 1986 an die Parteispitze. Rasch mischte der Scharfmacher die Politik auf. Er agitierte gegen etablierte Politiker und rückte eine angebliche "Ausländer-Frage", die durch Abschottung gelöst werden müsse, in das Zentrum seiner Propaganda. Er führte einen atemlosen Feldzug gegen die "Alt-Parteien", wie er seine Konkurrenz nannte und ermöglichte dem kleinen Dritten Lager einen beispiellosen Höhenflug. Heute wird seine Methode, Ängste zu schüren, als Rechtspopulismus bezeichnet. Haider raste 2008 in den Tod, dank vieler Epigonen hält aber sein politischer Stil heute ganz Europa fest in seinem Griff.
Joachim Riedl

1997: Spukhafter Informationsaustausch

Es ist so als würden zwei Würfel stets dieselbe Zahl anzeigen, wenn sie gleichzeitig gewürfelt werden: Dem Physiker Anton Zeilinger gelang im Jahr 1997 an der Uni Innsbruck die erste Quantenteleportation. Dieses "Beamen" von Informationen war ein Durchbruch bei der Umsetzung der Quantentheorie in die Praxis. Zeilinger schaffte es, den Zustand von Quanten, einer Art kleinster Elementarteilchen, untereinander auszutauschen. Die Photonen, die er nutzte, sind vertikal oder horizontal polarisiert – was zwar nicht erkennbar ist. Doch indem die Photonen verschränkt, also in jene Verbindung gebracht werden, die Albert Einstein "spukhafte Fernwirkung" nannte, teleportieren sie ihre Eigenschaft und damit Information.
Judith E. Innerhofer