Es lebe der Bagger – Seite 1

Als halb Deutschland über den Hambacher Forst diskutierte, jenen Wald tief im Westen des Landes, der zugunsten der Braunkohlenförderung gerodet werden sollte – da fragte sich Thomas Proft: Kohlegegner? Was sind das eigentlich für Leute?

Proft, 29, ist gelernter Aufbereitungsmechaniker. Er arbeitet in der Lausitz, "in der Braunkohle", wie man das hier nennt. Und er sagt: Bei ihm, in seinem Freundes- und Bekanntenkreis, gebe es niemanden, der sage: Schluss mit der Kohle! Ja, man habe richtig gehört: niemanden. Er kenne wirklich keinen einzigen Kohlegegner.

In der Lausitz, wo Proft im Tagebau Welzow-Süd nahe dem Städtchen Spremberg arbeitet, trifft man tatsächlich auf lauter Menschen, die ein baldiges Ende der Kohlenförderung für weltfremd halten. Die nicht verstehen können, was sie aus Medienberichten erfahren: dass es einer Mehrheit der Menschen in Großstädten wie Köln oder Potsdam gar nicht schnell genug gehen kann mit der Energiewende und mit dem Ende der Kohlenförderung.

Und so stellen sich in der Lausitz Fragen zur Klimapolitik, die weniger partikular sind als die nach unnötigen Urlaubsflügen: Warum sollen die Leute hier akzeptieren, dass ihre Existenzgrundlage geopfert wird? Beziehungsweise: Warum sollen sie bezahlen, ohne etwas Gleichwertiges dafür zu bekommen? Und wie hoch sind die politischen und sozialen Kosten, wenn so ein Ausgleich nicht gelingt?

Wenn der Kohleausstieg Jobs kostet, hilft das vor allem den Populisten

"Lausitz": Wer dieses Wort in Gegenwart ostdeutscher Bundes- oder Landespolitiker fallen lässt, kann förmlich sehen, wie ihnen die Gesichtszüge entgleiten. Die Lausitz – gelegen im Südosten der Republik zwischen Brandenburg und Sachsen – ist mehr als eine Region, um die sie sich sorgen. Die Lausitz wird in den kommenden Monaten und Jahren zu einer politischen und wirtschaftlichen Großbaustelle werden, im wahrsten Sinn des Wortes. Für die anderen beiden deutschen Braunkohlereviere – das Rheinische in Nordrhein-Westfalen und das Mitteldeutsche im Raum Leipzig-Halle – wird der Kohleausstieg schwierig. Aber für die Lausitz könnte er sich zu einer Katastrophe auswachsen.

Seit 1850 graben sie in der Lausitz die Erde um, noch heute arbeiten 8000 Menschen für die Leag, die Lausitz Energie Bergbau AG, den viertgrößten deutschen Energieversorger. Außerdem bis zu 16.000 Menschen, die als Dienstleister oder Zulieferer von der Braunkohleindustrie abhängig sind.

Wo die Kohle sitzt

Hier wird noch Braunkohle abgebaut.

Bundesverband Braunkohle © ZEIT-Grafik

2019 stehen in Brandenburg und in Sachsen Landtagswahlen an, in beiden Bundesländern droht die AfD stärkste Kraft zu werden. Die Ministerpräsidenten beider Länder, Dietmar Woidke (SPD) wie auch Michael Kretschmer (CDU), sind in der Lausitz zu Hause. Und beide, das muss man so sagen, fürchten persönlich den Zorn der Braunkohlearbeiter, wenn ihnen nichts einfällt für diese Gegend. Schon heute ist die Region ein Kraftzentrum der AfD. Die Partei präsentiert sich als jene, die bedingungslos hinter der Braunkohle stehe. Bei der Bundestagswahl gewann sie mehrere Direktmandate. Eine Wirtschaftskrise würde der AfD wohl noch mehr Wähler zutreiben, befürchten die Politiker der etablierten Parteien. Es wäre ein Leichtes für Populisten, dann gegen die Energiewende Stimmung zu machen. Denn darum geht es hier neben der Kohle auch: um Stimmungen und Gefühle.

Thomas Proft sagt: "Manchmal habe ich inzwischen das Gefühl, sehr viele Menschen sind gegen mich. Und ich verstehe es nicht. Ich sorge doch dafür, dass zu jeder Uhrzeit in Deutschland Strom aus der Leitung kommt."

Um zu erklären, was er damit meint, fährt Proft an einem Freitag in diesem Herbst mit dem Jeep zu seinem Tagebau Welzow-Süd, setzt einen Helm auf und deutet in die Ferne: Da unten, sagt er, im schwarzen Tagebau-Loch, da arbeite er jeden Tag. Sein Job ist es, einfach gesagt: Dafür zu sorgen, dass der Tagebau trocken bleibt. Deshalb buddelt er mit Baggern Gräben in die kahle Erde, sodass das Regenwasser abfließen kann.

Es sieht unwirtlich aus in einem Tagebau-Loch, die blanke Erde liegt da wie eine offene Wunde. Proft merkt gleich, was man denkt. "Für mich ist das nichts Bedrohliches", sagt er. "Sondern Wertschöpfung und Arbeitskraft."

Übrigens, sagt er noch: Auch er wisse, dass es mit der Braunkohle irgendwann zu Ende gehen müsse, dass die Energiewende notwendig sei.

Profts Arbeitgeber, die Leag, hat ausgerechnet, dass sie bis etwa Mitte der 2040er Jahre noch Braunkohle fördern kann – wenn sie darf. So lange dauert es, bis die bereits genehmigten Vorkommen abgegraben sind. Mit diesem Szenario hätten sich die meisten in der Lausitz längst arrangiert, sagt Thomas Proft. Auch er. Er wäre dann fast 60 Jahre alt. Nur diskutiere das Land ja nun über ein früheres Ende. Das kann er nicht verstehen.

Die Kohleindustrie ist der größte Arbeitgeber in der Lausitz

Die Grünen träumen von einem Ausstieg 2030. Ronald Pofalla, früherer Kanzleramtsminister und heute einer der Vorsitzenden der Kohlekommission der Bundesregierung, hat das Jahr 2038 ins Gespräch gebracht. Proft fragt: "Wenn die Politik diese Entscheidung trifft: Sollte sie sich dann nicht auch Gedanken über uns machen und über die Zukunft meiner Heimat?"

Die blanken Zahlen sind diese: Ein Fünftel aller deutschen Kohlenstoffdioxid-Emissionen geht auf die Braunkohle zurück. Mit einem schnellen Kohleausstieg ließen sich die ambitionierten Klimaziele der Bundesregierung am ehesten erreichen. Für die Lausitz ist das ein Problem, sie liefert bislang ein Zehntel des deutschen Stromes. Die Kohleindustrie ist hier mit Abstand der wichtigste und größte Arbeitgeber. Für Löhne und Gehälter bringt die Leag jährlich 550 Millionen Euro auf. Es müssten sich sehr schnell große Firmen in der Gegend ansiedeln, um das auszugleichen. In den zurückliegenden 30 Jahren ist aber eher das Gegenteil passiert. Ganze Industrien sind verschwunden, statt dass neue entstanden wären: die Glasindustrie gibt es in der Lausitz nicht mehr, die Textilindustrie ebenso wenig. Geblieben ist: die Kohle.

Sie schafft nicht nur Wohlstand für Leute wie Thomas Proft, den Vorarbeiter in Welzow-Süd. Sie hat auch schon Wohlstand geschaffen für Profts Großvater, der Rampenfahrer im Tagebau Scheibe war. Genauso wie für Profts Vater, der im Lager der Leag arbeitet, und für seinen Bruder, der in der Brikettfabrik tätig ist. Fast alle Männer der Familie leben von der Kohle. Und Familien wie seine, sagt Thomas Proft, gebe es hier viele.

Wer für die Leag arbeitet, stellt etwas dar. Der gehört zu den Spitzenverdienern in der Lausitz. 3000 bis 3500 Euro netto kann ein Baggerfahrer im Tagebau im Monat verdienen, das Durchschnittsgehalt in mancher Kleinstadt hier ist nicht einmal halb so hoch. Es geht bei der Debatte um die Braunkohle deshalb nicht nur um irgendwelche Arbeitsplätze, es geht um gut bezahlte Arbeit, die ihresgleichen sucht in diesen Breiten.

"Inzwischen ist es hier richtig schön geworden", sagt Thomas Proft. Aus den diversen Tagebau-Restlöchern wurden in den zurückliegenden Jahren mehr als ein Dutzend Seen. Am Wochenende fährt Proft manchmal mit dem Motorboot von einem zum andern. "Wir haben uns diesen Sommer schon gefragt: Muss man überhaupt noch irgendwo anders Urlaub machen?", sagt Proft. Das hier sei zu schön, um es aufzugeben! Proft würde gern ein Haus bauen, eine Familie gründen. Aber das traut er sich gerade nicht. Wer wisse denn, ob er hier wirklich bleiben könne? Er mache sich darum Sorgen.

Als Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) vor einigen Wochen die Lausitz besuchte, behauptete er, das sei nicht nötig. Er machte sogar ein großes Versprechen: Kein Job werde hier verschwinden, ehe ein neuer entstanden sei.

Altmaier berichtete von einer Batteriezellenfabrik für Elektroautos in der Lausitz. Wer diese Fabrik errichten und betreiben soll, ließ er offen. Als es neulich Spekulationen darüber gab, dass der amerikanische E-Auto-Bauer Tesla eine Fabrik in Deutschland bauen wolle, versuchten ein paar Leute, mit zarten Signalen auf sich aufmerksam zu machen. 500 Menschen stellten sich im Dunkeln auf den Lausitzring und schalteten ihre Taschenlampen ein – in der Hoffnung, dass Tesla-Chef Elon Musk die Bilder erreichen.

Es gibt Ideen und ein gewisses Bemühen – aber es sieht nicht danach aus, dass es einen wirklichen Plan gibt für die Lausitz. Wird man den Leuten hier irgendwann sagen müssen, dass Strukturbrüche eben dazugehören und es nicht immer eine Entschädigung dafür gibt?

Dass jede Wende Gewinner und Verlierer hervorbringt, braucht man den Ostdeutschen jedenfalls am allerwenigsten zu erklären. Nicht wahr, Frau Herntier?

"Wir erwarten, dass der Staat uns entsprechend auffängt"

Christine Herntier, 61, ist Bürgermeisterin in Spremberg. Die parteilose Politikerin ist außerdem Mitglied der Kohlekommission. Die Bundesregierung hat dieses Gremium im Sommer eingesetzt. Darin sitzen Leute wie Matthias Platzeck (SPD), Brandenburgs früherer Ministerpräsident, und Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, und Hans Joachim Schellnhuber, Klimafolgenforscher aus Potsdam. Sie sollen darüber beraten, zu welchen Konditionen ein Kohleausstieg stattfinden könnte.

Herntier wäre es lieber, die Kommission würde zunächst einen Plan für die Lausitz beschließen – und dann erst ein Datum für den Ausstieg aus der Kohle. Denn: "Der Osten hat 1989 eine Lektion gelernt", sagt sie. Die laute: Nur Industrien, die wirklich wettbewerbsfähig seien, könnten überleben im Kapitalismus. Kein Politiker und keine Regierung der Welt könnte eine Firma schützen, die schlecht wirtschafte. "Nachdem wir Ostdeutschen also über all die Jahre die Erfahrung gemacht haben, dass die Politik wenig Einfluss auf Wirtschaftsunternehmen nehmen kann", sagt Christine Herntier, "machen wir im Osten nun die Erfahrung, dass die Politik eine ganze Industrie beerdigen will." Neuerdings hört sie öfter Sätze wie diesen: "Ihr habt so viel ausgehalten, ihr haltet das auch noch aus."

Natürlich sei das dahinterstehende Ziel, die Verlangsamung des Klimawandels, ein hehres und gutes, sagt Herntier. "Aber die Energiewende bleibt eine politische Entscheidung, sie ist staatlich verordnet. Aus diesem Grund erwarten wir auch, dass der Staat uns entsprechend auffängt."

Die Lausitz ist so etwas wie der Gegenentwurf zum Hambacher Forst

Die Bürger fürchteten eher das Gegenteil – dass der Staat sie im Stich lasse. Sie fragten, ob die Energiewende wirklich gut durchdacht sei. Und wie beruhigt Christine Herntier die Leute, die das fragen? Nun – das sei schwierig. Sie habe ja selber Zweifel, sagt die Bürgermeisterin, dass die Energiewende wirklich gelingen werde.

Herntier war zu DDR-Zeiten Direktorin in einem Textil-Kombinat. Es wurde nach 1989 abgewickelt. Später gründete sie ihre eigene Textilfirma, hatte zwischenzeitlich 120 Mitarbeiter. Aber auch diese Firma musste 2012 schließen. Alles Neue hat es schwer – das ist die Erfahrung, die viele Lausitzer nach 1989 gemacht haben. Deswegen klammern sie sich an das Alte.

1,5 Milliarden Euro soll die Bundesregierung allein in dieser Legislaturperiode für den Strukturwandel in den Braunkohlegebieten ausgeben – so hat es die Kohlekommission nun empfohlen. Aber eigentlich brauche es viel mehr Geld, haben die Ministerpräsidenten von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg ausgerechnet und eine Zahl genannt, die utopisch hoch klingt: 60 Milliarden Euro müssten investiert werden, fordern sie, um adäquate neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Könnte man so viel Geld überhaupt sinnvoll ausgeben?

Christine Herntier träumt von einer Sonderwirtschaftszone Lausitz, in der Unternehmen viel unkomplizierter und schneller an Fördergelder und Genehmigungen kämen. Sie träumt auch von einem "KI Campus Lausitz" in Cottbus, einem Zentrum für Künstliche Intelligenz, mit Clustern für Bioökonomie, Mobilität, Gesundheit und Energietechnik. Die Speicherung von Wasserstoff könnte dort doch erforscht werden, denkt sie. Kurzum: Aus Cottbus soll ein Zentrum der Forschung werden, und auf diese Weise auch eine Art Metropole.

Zur Ehrlichkeit gehört – und das weiß auch die Bürgermeisterin –, dass sich die Lausitz jahrzehntelang auf der Braunkohleindustrie ausgeruht hat. Dass sie sich wenig Mühe gegeben hat, auch auf andere Weise attraktiv zu werden. Erst jetzt, langsam, ändert sich das. Brandenburgs Landesregierung hat kürzlich einen eigenen Lausitz-Beauftragten mit Dienstsitz in Cottbus berufen. Der heißt Klaus Freytag und fordert vor allem eine bessere Infrastruktur: Für die Zugfahrt von Berlin nach Cottbus brauche man heute wieder so lange wie in den 1930er-Jahren. Und wenn Kollegen aus Nordrhein-Westfalen in der Kohlekommission nach einem dritten oder vierten Gleis zwischen Köln und Aachen verlangten, dann kontere er, Freytag: "Ich wäre ja schon froh, wenn die Strecke zwischen Forst und Cottbus überhaupt einmal elektrifiziert wäre."

Und bis es so weit ist? Lieber langsam machen mit dem Kohleausstieg, findet er. Wenn man so will, ist die Lausitz der Anti-Hambacher-Forst: Ja, hier lässt man sich gern die Landschaft zerbuddeln. Von denen, die in den deutschen Großstädten leben und weder Tagebaue noch Windräder vorm Gartenzaun stehen haben, will man sich nicht erzählen lassen, wie die Zukunft der eigenen Heimat aussehen soll.

Freytag sagt, er scheue sich nicht davor, in politischen Verhandlungen zu sagen, wie hoch "die Umfragewerte" seien. Er meint damit: die Zustimmung für die AfD in der Lausitz.

Ostdeutsche Politiker argumentieren längst so: Wenn ihr nicht wollt, dass eine ganze Region sich abgehängt fühlt und deswegen an die AfD fällt, dann müsst ihr Geld in die ostdeutschen Braunkohlegebiete pumpen. Denn, so Freytag, eine Frage müsse er dem Westen schon stellen: "Wenn die Kohleindustrie weg ist – wollen wir dann etwa dem Wolf die Lausitz überlassen?"

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