Die Grünen träumen von einem Ausstieg 2030. Ronald Pofalla, früherer Kanzleramtsminister und heute einer der Vorsitzenden der Kohlekommission der Bundesregierung, hat das Jahr 2038 ins Gespräch gebracht. Proft fragt: "Wenn die Politik diese Entscheidung trifft: Sollte sie sich dann nicht auch Gedanken über uns machen und über die Zukunft meiner Heimat?"

Die blanken Zahlen sind diese: Ein Fünftel aller deutschen Kohlenstoffdioxid-Emissionen geht auf die Braunkohle zurück. Mit einem schnellen Kohleausstieg ließen sich die ambitionierten Klimaziele der Bundesregierung am ehesten erreichen. Für die Lausitz ist das ein Problem, sie liefert bislang ein Zehntel des deutschen Stromes. Die Kohleindustrie ist hier mit Abstand der wichtigste und größte Arbeitgeber. Für Löhne und Gehälter bringt die Leag jährlich 550 Millionen Euro auf. Es müssten sich sehr schnell große Firmen in der Gegend ansiedeln, um das auszugleichen. In den zurückliegenden 30 Jahren ist aber eher das Gegenteil passiert. Ganze Industrien sind verschwunden, statt dass neue entstanden wären: die Glasindustrie gibt es in der Lausitz nicht mehr, die Textilindustrie ebenso wenig. Geblieben ist: die Kohle.

Sie schafft nicht nur Wohlstand für Leute wie Thomas Proft, den Vorarbeiter in Welzow-Süd. Sie hat auch schon Wohlstand geschaffen für Profts Großvater, der Rampenfahrer im Tagebau Scheibe war. Genauso wie für Profts Vater, der im Lager der Leag arbeitet, und für seinen Bruder, der in der Brikettfabrik tätig ist. Fast alle Männer der Familie leben von der Kohle. Und Familien wie seine, sagt Thomas Proft, gebe es hier viele.

Wer für die Leag arbeitet, stellt etwas dar. Der gehört zu den Spitzenverdienern in der Lausitz. 3000 bis 3500 Euro netto kann ein Baggerfahrer im Tagebau im Monat verdienen, das Durchschnittsgehalt in mancher Kleinstadt hier ist nicht einmal halb so hoch. Es geht bei der Debatte um die Braunkohle deshalb nicht nur um irgendwelche Arbeitsplätze, es geht um gut bezahlte Arbeit, die ihresgleichen sucht in diesen Breiten.

"Inzwischen ist es hier richtig schön geworden", sagt Thomas Proft. Aus den diversen Tagebau-Restlöchern wurden in den zurückliegenden Jahren mehr als ein Dutzend Seen. Am Wochenende fährt Proft manchmal mit dem Motorboot von einem zum andern. "Wir haben uns diesen Sommer schon gefragt: Muss man überhaupt noch irgendwo anders Urlaub machen?", sagt Proft. Das hier sei zu schön, um es aufzugeben! Proft würde gern ein Haus bauen, eine Familie gründen. Aber das traut er sich gerade nicht. Wer wisse denn, ob er hier wirklich bleiben könne? Er mache sich darum Sorgen.

Wo Braunkohlearbeiter Thomas Proft steht, befand sich einmal das Dorf Haidemühl. © Felix Adler für DIE ZEIT

Als Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) vor einigen Wochen die Lausitz besuchte, behauptete er, das sei nicht nötig. Er machte sogar ein großes Versprechen: Kein Job werde hier verschwinden, ehe ein neuer entstanden sei.

Altmaier berichtete von einer Batteriezellenfabrik für Elektroautos in der Lausitz. Wer diese Fabrik errichten und betreiben soll, ließ er offen. Als es neulich Spekulationen darüber gab, dass der amerikanische E-Auto-Bauer Tesla eine Fabrik in Deutschland bauen wolle, versuchten ein paar Leute, mit zarten Signalen auf sich aufmerksam zu machen. 500 Menschen stellten sich im Dunkeln auf den Lausitzring und schalteten ihre Taschenlampen ein – in der Hoffnung, dass Tesla-Chef Elon Musk die Bilder erreichen.

Es gibt Ideen und ein gewisses Bemühen – aber es sieht nicht danach aus, dass es einen wirklichen Plan gibt für die Lausitz. Wird man den Leuten hier irgendwann sagen müssen, dass Strukturbrüche eben dazugehören und es nicht immer eine Entschädigung dafür gibt?

Dass jede Wende Gewinner und Verlierer hervorbringt, braucht man den Ostdeutschen jedenfalls am allerwenigsten zu erklären. Nicht wahr, Frau Herntier?