Steil heißt steil, ich hätte es mir denken können. Hätte davon ausgehen sollen, dass Wanderführer nicht kokett übertreiben und es für einen ausgewiesenen Faulbert wie mich erst einmal unbequem werden würde, wenn in der Wegbeschreibung von einem gepfefferten Anstieg die Rede ist. Ich nehme die Strapaze dennoch auf mich. Denn hier ist mein ewiges Lieblingsmonster zu Hause. Eine Expedition zu ihm steht schon lange auf meiner Traumreisenliste, und wenn ich alle kindliche Restunschuld zusammenkratzte, ist vielleicht sogar eine Sichtung drin.

Ich bin auf einem Weg unterwegs, der niemals endet, theoretisch: Seit August ist die Wanderroute rund um den Loch Ness lückenlos geschlossen, 130 Kilometer, einmal in großem Bogen. Das klingt angesichts meiner aktuellen Kurzatmigkeit zwar schrecklich, andererseits aber auch wunderbar tröstlich: Ich könnte also – immer noch theoretisch – dieses rätselhafte, schmal gezogene Gewässer (37 Kilometer lang, nur 1,5 Kilometer breit) so lange umkreisen, bis ich es endlich gesehen habe, das darin wahrscheinlich nicht, möglicherweise aber ja doch befindliche Ungeheuer. Ich atme tief ein, mache das, was ich mir unter Dehnübungen vorstelle, und schnaufe dann weiter hangaufwärts.

Glaube ich eigentlich ernsthaft daran, während meiner fünf Tage Wanderzeit im Wasser irgendetwas anderes zu sehen als Wellen, Schatten, vielleicht ein Stück Treibholz, frage ich mich beim Gang durch den Wald. Ich würde jedenfalls gerne. Nessie, das Seeungeheuer, stammt aus einer Zeit, als Mythen noch solide gezimmert wurden. Keine digitale Pfuscharbeit – an der Geschichte von Nessie wurde jahrzehntelang geklöppelt, hier eine Sichtung, da eine Fußspur, so etwas wird heute in dieser Qualität gar nicht mehr fabriziert. Bei ausgiebigen Wanderungen, stelle ich mir vor, könnte ich den Mythos einzingeln, mich je nach Pfadverlauf mal auf Wasserspiegelhöhe anschleichen, mal von oben draufschauen.

Befahren habe ich den See schon gestern, zumindest ein Drittel seiner Länge – so weit, wie das Ausflugsschiff eben in einer Stunde gemütlichen Tuckerns kam. Ich starrte auf das tintige Wasser, unmöglich, auch nur eine Armlänge hinab in den bis zu 230 Meter tiefen See zu blicken. Noch immer sind die finstersten Ecken seines Grundes nicht erforscht. Erst im Sommer wurde neu hinabgespäht, ein internationales Forscherteam entnahm zahlreiche Proben aus dem See, um DNA-Spuren von Fischen, Pflanzen und wer weiß was noch alles zu analysieren.

Auf dem Rückweg der zweistündigen Bootsfahrt gehe ich unter Deck, hier gibt es ein Sonargerät, das in Krickelkrakel-Optik zeigt, was gerade unter dem Schiff los ist. Es wäre gut, wenn ich den Bildschirm im Auge behielte, sagt der Kapitän mit ernster Miene zu mir, für alle Fälle. Ich nicke ebenso ernst, es macht Spaß mitzuspielen. Weshalb ich an Deck auch ein Auge darauf habe, dass alle Passagiere den Warnhinweis auf der Speisekarte beachten: Keine Krümel über Bord werfen! "You never know what it might attract!"

Am nächsten Tag, der Anstieg ist geschafft, stehe ich im Wald hoch über Inverfarigaig und muss an den Wald meiner Kindheit irgendwo in Unterfranken denken. Dieser hier ist ganz ähnlich, aber irgendwie unwirklicher, kulissenhafter, mit schier endlosen Moosflächen, als sei dieses Waldstück komplett ausgepolstert worden, von einem nachlässigen Raumausstatter, der es mit Faltenwürfen nicht sehr genau nimmt. Dann öffnet sich die Baumreihe, und ich sehe die blauen Berge des Nordufers, darüber den Himmel als gräuliches Plumeau. Und unten den See, in düsteren Tönen unbestimmt schillernd. Kein Schiff, kein Bötchen, kein Mensch. Und kein Ungeheuer, och. Ich finde mich gleichzeitig kindisch und rührend.

Alle paar Hundert Meter krame ich die ausgedruckte, knittrige Wegbeschreibung aus meiner azurblauen Outdoorjacke, in der ich mich immer noch verkleidet fühle: Mein Smartphone findet hier kein Netz, zum ersten Mal seit ewig muss ich selbst eine Karte lesen und den Weg nach Foyers bestimmen, ein Marsch von etwa sechs Kilometern. Irgendwo muss ich falsch abgebogen sein, jedenfalls dauert es nicht lange, bis ich an ein verwildertes, mit einem Bauzaun schroff abgesperrtes Grundstück stoße. Auf einem groben Holzschild steht: "Dangerous building! Keep out! Shooting taking place! Do not enter!" Ich erkenne die Spitze eines gemauerten Kamins, der aus dem Gebüsch ragt. Echter, schierer Grusel! Ich weiß sofort, wo ich bin und wer hier einmal wohnte: Das hier ist Boleskine House, hier lebte einmal der böseste Mann des ganzen Landes, und bis heute soll es spuken.