Als die Nacht seiner größten Demütigung, aber auch die Nacht seines größten Triumphes überstanden ist – da sagt Pablo Ben-Yakov: "Die Empörung ist so groß, dass manche wohl vergessen, worüber sie eigentlich empört sind."

Ben-Yakov, 32, und sein Kompagnon André Krummel, 29, sitzen in einem Café im Leipziger Westen. Sie sind Filmemacher, und zwar frisch ausgezeichnete: Lord of the Toys, ein Dokumentarfilm der beiden Studenten, hat die Goldene Taube, den Hauptpreis des Leipziger Dok-Festivals, gewonnen. Eigentlich könnten sie glücklich sein, mehr als das. Aber sie stochern ein bisschen abwesend, ein bisschen betrübt in ihrem Rührei.

Ben-Yakov und Krummel befinden sich nämlich auch mitten in einem Shitstorm. Denn es gibt Menschen – Aktivisten, Kulturschaffende, linke Politiker –, die ihren Film für einen Skandal halten. Ein Leipziger Bündnis, das sich dem Kampf gegen Neonazis verschrieben hat, rief zu Protesten gegen Lord of the Toys auf. Ein Kino wehrte sich dagegen, im Rahmen der Dok-Woche den Film zeigen zu müssen. Im Internet überschlagen sich die Kommentare. Was ist da los?

Lord of the Toys ist, auf den ersten Blick jedenfalls, nur ein Film über einen Dresdner Freundeskreis. Ihm gehören vor allem junge Männer an, alle so eben volljährig. Max Herzberg, 21 Jahre alt und so etwas wie der Anführer dieser Gruppe, verdient sein Geld als YouTuber. Mit kleinen Clips über sich, sein Leben und darüber, wie seine Freunde Chicken-Nuggets essen oder Pfeffi trinken oder wie sie mal betrunken und grölend durch die Nacht streifen, erreicht Herzberg Hunderttausende Fans. "Wir kapierten nicht sofort, wer sich das auf YouTube warum anguckt", sagt Ben-Yakov. "Das reizte uns, da näher ranzugehen."

Ben-Yakov und Krummel beschlossen, die Clique einen Sommer lang zu begleiten. Was sie nicht ahnten, so sagt es Ben-Yakov: wie unverstellt sich der Freundeskreis würde filmen lassen. Schon deshalb, weil er es – als Teil der Generation YouTube – ohnehin gewohnt ist, permanent gefilmt zu werden. So zeigt Lord of the Toys intime Einblicke in das Leben von Jugendlichen, die oft hilflos wirken, gelangweilt auch. Die ihren Alltag nicht recht mit Sinn zu füllen wissen. Und die, weil die Zufälle der Internet-Zeit es so wollen, trotzdem zu Vorbildern für Hunderttausende andere geworden sind. Die Herzberg-Gang ist auf YouTube berühmt. Aber im echten Leben scheitert die Gruppe schon an der Zubereitung einer Dose Würstchen. Außerdem trinken die Freunde Alkohol, viel zu viel Alkohol.

Aber das wäre, natürlich, noch kein Skandal.

Der Skandal entsteht, weil diese Clique im Alltag einen Slang verwendet, in einer Art und Weise redet, dass es tatsächlich unerträglich ist: Worte wie "Jude" und "Schwuchtel" werden als alltägliche Schimpfworte benutzt, und das obwohl Pablo Ben-Yakov und André Krummel mit der Kamera dabei sind. Rassistische Sprüche werden pseudoironisch in Gespräche eingestreut. Einmal ruft Herzberg: "Jetzt vergas ich dich!", und sprüht einem seiner Kumpel Deo ins Gesicht. Ein anderes Mal sagt er: "Wir sind Nazis und stolz darauf." Wieder ein anderes Mal sagt einer der Freunde: "Sieg Heil" – und nippt am Bier. Ein Mitglied der Gruppe trägt das T-Shirt eines Thüringer Neonazi-Versands. Und so weiter.

In einem Leipziger Kino wurden die Filmemacher hart angegangen

Lord of the Toys zeigt diese Welt ohne Kommentar aus dem Off, sie wird einfach abgefilmt. Das, erklärt Jürgen Kasek, sei aus seiner Sicht das Kernproblem. Kasek, früher Sachsens Grünen-Chef, ist Sprecher des Aktionsbündnisses "Leipzig nimmt Platz", das gegen den Film mobilmacht. Lord of the Toys lasse "Akteure ohne jede Einordnung zu Wort kommen", findet Kasek.